Review

Nach dem ich erst vor Kurzem Dario Argentos Meisterwerk „Suspiria“ gesehen und besprochen habe, jetzt also ein weiteres Werk vom Meister des italienischen Suspense-Giallo-Horror Mixes, das seinen Weg in meinen DVD Player gefunden hat.

„Phenomena“ beschreitet zunächst einmal nahezu die selben Pfade wie auch „Suspiria“. Wieder haben wir einen Mörder, der junge Mädchen umbringt, wieder haben wir eine Schule und wieder haben wir eine weibliche Hauptperson. Die wird hier gespielt von Jennifer Connelly, die heute, dank hervorragender Leistungen in Filmen wie „Requiem for a dream“ oder „A beautiful“ mind“, zu den hoffnungsvollsten Schauspielerinnen in der Altersgruppe der 30-40 jährigen gehört.
„Phenmonena“ beginnt so. wie man es von einem Serienkillerthriller erwarten kann. Wir sehen den Mord an einem jungen Mädchen, das in einer Gegend die den vertrauenserweckenden Beinamen „Transylvanien der Schweiz“ trägt, einsam und allein unterwegs ist. Unser unbekannter Killer tötet sie und entledigt sie auch gleich noch ihres Kopfes.
Einige Monate später steigen wir dann auch richtig in die Handlung ein. Jennifer kommt in der Schweiz an, um dort an der anerkannten Mädchenschule kräftig zu lernen, während ihr Vater, ein erfolgreicher Schauspieler, durch die Welt tourt und die Mutter die kleine Familie bereits vor Jahren verlassen hat. Anders als in „Supsiria“ in dem das übernatürliche Ende unpassend zur zuvor durchweg grundsoliden Thrillerstory stand, sind hier von Beginn an übernatürliche Kräfte am Werk. So kann unsere Hauptdarstellerin nicht nur Schlafwandeln (was ja nun nicht unbedingt übersinnlich ist), sie kann auch mit Insekten auf einer Art geistigen Ebene kommunizieren. Das mag jetzt etwas seltsam klingen, wird von Argento aber sehr gelungen in die Story eingebracht und auch konsequent und durchdacht durchgezogen. So muss das sein.

Bis zum Finale, dass einen Mörder präsentiert, dessen Motiv gelinde gesagt, nicht nachvollziehbar ist, entwickelt sich der Film zu einer durchweg spannenden und fesselnden Angelegenheit. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass insbesondere Argentos Blick für außergewöhnliche Kamerafahrten und Blickwinkel einen atmosphärischen Höhepunkt nach dem nächsten liefert. Die Farbgebung, die in „Suspiria“ ja noch die Gefühle und Stimmungen für den Zuschauer sichtbar machte, ist hier nicht nötig und wird somit auch nahezu komplett zurückgefahren. Trotzdem gelingen Argento noch immer, insbesondere in den Szenen die bei Nacht spielen, tolle Bilder, die durch eine ganz eigene Beleuchtung gefallen. Hier wird, ähnlich wie es erst vor kurzem im neuseeländischen Independentfilm „The Locals“ zu sehen war, die Nacht bewusst übernatürlich ausgeleuchtet, wodurch sich aber durch das Zusammenwirken von Licht, Schatten und Dunkelheit eine ganz eigene, traumähnliche Stimmung entwickelt. Dazu kommt dann noch Argentos Talent für Spannungsaufbau, das sich insbesondere in den Tötungsszenen wieder einmal eindrucksvoll präsentiert. Hier wird nicht nur möglichst blutig abgeschlachtet, hier wird stilvoll und auf einem hohen ästhetischen Level gemordet.

Die Story wirkt bis zum Finale sehr schlüssig, weißt nahezu keine Längen auf und treibt die Spannung konsequent voran. Sicherlich mag man Argento vorhalten, dass es teilweise schon extrem konstruiert wirkt, so etwa der Insektenforscher (Donald Pleasence) der natürlich direkt vor Ort wohnt und noch dazu an den Rollstuhl gefesselt ist. Gelungen ist aber zumindest die Idee mit dem Hausaffen des Wissenschaftlers, der eine entscheidende Rolle spielt.


Der Film hat zwei große Probleme, die letztlich dafür sorgen, dass er nicht an einen Film wie eben „Suspiria“ heranreicht.
Kommen wir zum ersten dieser Kritikpunkte, die Musik. Ich vermute mal, Argento konnte hier seinen zum Zeitpunkt der Dreharbeiten doch sehr guten Namen und Ruf benutzen um Songs von Bands zu erhalten, die er selber gerne hört. So gibt es dann mit Songs von Motorhead und Iron Maiden wirkliche Klassiker auf die Ohren. Dumm nur, dass es wenig Spannungsfördernd ist, wenn in einer Szene, die auf Spannung ausgelegt ist, auf einmal Bruce Dickenson mit seiner hohen Stimme anfängt zu dicken Gitarrenriffs zu singen. Das passt einfach absolut nicht Zwar gibt es auch wieder einige wenige Stücke von Goblin, und die funktionieren auch wie immer nahezu perfekt mit Argentos Bildern, aber sie werden hier eindeutig viel zu wenig eingesetzt. So macht der Soundtrack hier immer wieder jegliche Spannung zunichte. Schade, Argento hätte sich hier wirklich lieber auf die bewährten Goblin Soundkollagen verlassen sollen.
Zweiter großer Kritikpunkt: Das Ende. Wie schon in „Suspiria“ schafft Argento es mit einem unpassenden und aufgesetzt wirkenden Ende, viel von dem kaputt zu machen, was er zuvor in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut hat. Es geht hier weniger darum wer der Mörder ist, denn bei einer vernünftigen Erklärung lasse ich mich gerne überraschen, als vielmehr um das Motiv des Mörders, denn dass ist nahezu nicht vorhanden. Dazu wird dann im Finale auch noch ordentlich das Kunstblut ausgepackt. Nötig hätte der Film auch das nicht, zumal er bis zu diesem Zeitpunkt auch ohne viel Blut schocken konnte. Aber Argento wollte hier wohl zu viel, immer wieder setzt er noch einen drauf, sei es mit der Kreatur im Keller, dem Kampf im Boot, der Kampf unter Wasser und letztlich das Ende des Mörders. Da wäre weniger mehr gewesen.

Sehr gelungen sind dafür die Special Effects. Insbesondere die Insekten, die teilweise für den Film trainiert (!!) wurden, der Affe, oder aber auch die wenigen blutigen Effekte. Handwerklich ist das alles auch heute noch ohne weiteres sehenswert und wirkt kaum veraltet.
Einen großes Lob verdienen auch die Darsteller, und dort natürlich hauptsächlich die wirklich grandios aufspielende Jennifer Connelly. Sie verleiht ihrer Figur die richtige Mischung aus Unschuld und Neugierde, agiert dabei aber nie übertrieben oder zieht die Figur ins lächerliche. Man fiebert mit ihr mit und hat Angst um sie, so wie es in einem Film dieser Art sein soll. Nicht weniger überzeugend ist einmal mehr Donald Pleasence, der als Insektenforscher eine großartige Leistung abliefert und trotz der eingeschränkten Beweglichkeit (seine Figur sitzt ja im Rollstuhl) eine enorme Präsenz ausstrahlt.

„Phenomena“ ist für Argento Fans und Freunde der gepflegten Giallo-Unterhaltung absolut sehenswert und alles andere als ein schlechter Film. Eine tolle Optik, starke Darsteller und 90 Minuten Hochspannung sprechen hier für sich. Das Ende dagegen, sollte man am besten schnell wieder vergessen, denn hier packt Argento einfach alles rein was ihm wohl grade so durch den Kopf ging. Ähnlich unpassend ist der erwähnte Soundtrack. Wer aber über diese beiden Punkte hinwegsehen kann, wird mit einem absolut sehenswerten Film belohnt. Sicher nicht Argentos Bester, aber auch bei weitem nicht sein Schlechtester. 7 von 10 Punkten.

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