Dario Argento ("Sleepless") hat zweifelsohne für viel Klasse im Genre des Giallo gesorgt.
Sein "Phenomena" ist leider keines dieser Phänomene, die über alle Zweifel erhaben sind.
Normalerweise vermeide ich SPOILER, doch hier komme ich nicht umhin, ein paar wesentliche Dinge bezüglich der Handlung in meine Kritik einfließen zu lassen.
Argento beginnt seinen Film - wie gewohnt - mit einem ordentlich inszenierten Mord. Dann wird die Hauptfigur eingeführt. Jennifer Connelly (Oscarpreisträgerin für "A Beautiful Mind") spielt eine amerikanische Schülerin, die auf ein Schweizer Internat geschickt wird. Dumm nur, dass in der Gegend ein Mörder sein Unwesen treibt. Noch dümmer ist allerdings die Tatsache, dass Jennifer über unglaubliche mentale Kräfte verfügt. Sie kann Insekten per Gedanken steuern, und beim nächtlichen Schlafwandeln kommt sie dem Killer immer näher ...
Warum Dario Argento so viel übersinnlichen Mumpitz in seinen Film eingebaut hat, verstehe wer will. Dass Jennifer schlafwandelt und so irgendwie dem Mörder auf die Schliche kommt, mag noch sein. Doch Insekten kontrollieren, die ihr dann in brenzligen Situationen zu Hilfe eilen, ist schon sehr weit hergeholt und wirkt in den entsprechenden Szenen mehr als albern.
Anders als in seinen übrgen Werken kann man die Identität des Killers schon nach kurzer Zeit ausmachen. Das liegt daran, dass Argentos damalige Frau Daria Nicolodi weit vorn in den Credits rangiert, aber verdammt wenig zu tun hat - bis zu jenem Moment, in dem sie ihre biedere Maske abwirft und zur Furie mutiert.
Natürlich spinnt Argento seine üblichen Mordmotive in das Werk ein. Wir alle kennen sie bereits. Entweder will die Mutter ihr mordendes Kind schützen oder das Kind seine durchgeknallte Mutter. Irgendwie so läuft es immer. In "Phenomena" setzt allerdings das entstellte Bübchen von Daria Nicolodi der Lächerlichkeit die Krone auf: Der Knirps ist ein laufender Meter, aber schell wie der Wind, stark wie Schwarzenegger und brutal wie Jason Voorhees. Zudem hat er gefährliche Waffen daheim, mit denen er nachts auf die Jagd geht. Himmel, Arsch und Zwirn - was für ein Käse!
"Phenomena" hat dennoch seine guten Seiten. Zwar kann von Hochspannung keine Rede sein, doch ein paar aufregende Momente hat auch dieser Argento zu bieten. Vor allem das stilsicher inszenierte Finale ist trotz aller unfreiwilliger Komik recht schauderhaft geraten.
Ein Jammer, das die Todesszenen nicht so gut ausgearbeitet wurden, wie die Fans das kennen. Es gibt wenig Blut - und auch wenig Opfer zu beklagen. Die innovativen, ausgedehnten Kamerafahrten sucht man vergebens.
Erstaunlich ist dann allerdings die Besetzungsliste. Neben Jennifer Connelly und Standard-Gast Daria Nicolodi spielen Donald Pleasence ("Halloween") und Patrick Bauchau ("Im Angesicht des Todes").
Fazit:
Vergleichsweise schwacher Beitrag des Meisters der Gänsehaut.
Mit mehr Thrill und weniger Mystery hätte "Phenomena" durchaus das Zeug zum Klassiker. So bleibt leider nur die reine Routine, die zumindest in den letzten zwanzig Minuten ein wenig Nervenkitzel bereit hält. 6/10 Punkten.