"Nothing is there to come, and nothing past
But an eternal now does always last."
(Abraham Cowley)
Zum Schwärmen in die Schweiz
Es weht [Achtung: Spoiler!] ein eisiger Wind: weniger in den Schweizer Bergen selbst, wo der Föhn durch die Tannenwipfel, über die Flaggen sowie durch langes Mädchenhaar weht, sondern – ähnlich wie schon in "Suspiria" (1977) – durch die öffentlichen Verkehrsmittel und die großen Institutionen; das Mädcheninternat, die Bankfilialen, die psychiatrischen Einrichtungen. Das Internat – vorgestellt als Mädchen Internat Richard Wagner – kommt mit unangenehm strenger Direktorin, ihren involvierten dubiosen (und scheinbar unsittlich-übergriffigen) Ärzten und den obligatorischen Zwistigkeiten zwischen den Schülerinnen daher, wie man es aus "Suspiria" kennt; statt mürrischer Taxi-Fahrer gibt es hier auf Eile drängende Busfahrer – von denen einer gleich zu Beginn einer vermeintlichen Hauptfigur davonfährt. Die junge Frau (Fiore Argento), noch im Schulalter, sucht daraufhin in der Umgebung nach Unterstützung – wird aber in einer nahegelegenen Hütte bloß von etwas Unbekanntem, das sich in einem Keller seiner Ketten entledigt, attackiert, angestochen, durchs Freie gehetzt und am Rande der Thurwasserfälle schließlich enthauptet. (Auch hier eine Gemeinsamkeit mit "Suspiria", aber auch mit "Profondo Rosso" (1975), "Inferno" (1980) oder – in Ansätzen – "4 mosche di velluto grigio" (1971): der durch eine Scheibe gepresste bzw. im Fensterrahmen enthauptete Frauenkopf, der in "Phenomena" sogar ein zweites Mal zum Einsatz kommen wird.)
In "Phenomena" sind es vor allem jene Figuren, die relativ freundlich in Erscheinung treten, die erst einmal Gefahr laufen, drastisch ihr Leben zu lassen: Figuren, die zum großen Teil der tatsächlichen Hauptfigur freundschaftlich zugetan sind und/oder die Mordserie in der Gegend stoppen wollen. Von mobbenden Mitschülerinnen, strengen Lehrkörpern oder Anstaltsleitern, die ihre schwierigeren Patient(inn)en als "monströs" bezeichnen und die entsprechenden Teile der Anstalt mit der Hölle vergleichen, wird indes keiner um sein Leben fürchten müssen – ganz zu schweigen von den wenig hilfsbereiten, distanzierten bis unfreundlichen Bänkern und Busfahrern oder den jugendlichen, etwas fahrlässigen Autofahrern.
Kurz: In "Phenomena" ist nicht allein die Mordserie bedrohlich, sondern gleich ganze Teile des Umfelds. Das ist wichtig, wenn man die so märchenhaft-naive wie auch seltsam überladende und immer absurdere Wendungen nehmende Handlung nicht nur als ein Konglomerat abwegiger Ideen, die nicht zusammenpassen wollen, sehen will. Denn "Phenomena" ist sicher der Argento-Film mit der streitbarsten Handlung, der seinem Publikum zugegebenermaßen viel guten Willen abverlangt. Eine Handlung, die – so kam es mir von der Erst- bis zu fünften Sichtung jedesmal vor – mit jedem Drittel ein bisschen angreifbarer zu werden scheint.
Nach dem grandiosen Einstieg mit fließenden Kamerafahrten über Baumwipfel und Landschaft zu Bill Wymans und Terry Taylors "The Valley" samt anschließender erster Mordsequenz beginnt die Geschichte der Hauptfigur: wieder – wie in "Suspiria" – eine Schülerin aus dem Ausland (oder überhaupt irgendjemand aus dem Ausland, der in eine Mordserie verwickelt wird; wie in so vielen gialli nicht nur von Argento). Jennifer Connelly spielt Jennifer Corvino, Tochter des Schauspielers Paul Corvino, die im Richard Wagner Internat ankommt, wo sich ihre Zimmergenossin Sophie als großer Corvino-Fan entpuppt – und der neuen Mitschülerin von der Mordserie in der näheren Umgebung berichtet. Beliebte Opfer: Mädchen in ihrem Alter.
Jennifer entpuppt sich indes als Somnambulin; wandelt als solche halsbrecherisch an der Außenfassade des Internats entlang, wird Zeugin eines weiteren Mordes, wandelt benommen über die Straßen, wird beinahe angefahren, eingesammelt und mitgenommen, entflieht den unbeholfenen Helfern wieder, rollt eine Böschung hinab und wird schließlich von einer Schimpansendame zum Haus des Entomologen John McGregor (Donald Pleasence) geführt. Dieser ist zwar auf einen Rollstuhl und seine dressierte Schimpansin angewiesen, um durch den Alltag zu kommen, zugleich aber die wichtigste Anlaufstelle für Inspektor Geiger von der Kantonspolizei, dem er über das Alter von Insektenlarven an Tatorten oder Fundstücken Infos über Todeszeitpunkte verraten kann. Als auch Sophie ermordet wird, kann Jennifer dem Insektenforscher einen Handschuh voller Maden überreichen...
Der Somnambulismus-Vorfall zieht eine von der Direktorin und Jennifers Betreuungsdame in der Schweiz, Frau Brückner, veranlasste ärztliche Untersuchung nach sich: Somnambulismus könne immerhin auf ernste Störungen hindeuten, bis hin zu einer zweiten Persönlichkeit (was ein dezenter Verweis auf "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920) sein mag). In ihrem Tagebuch wird sie nach der vorzeitig von ihr beendeten Untersuchung festhalten, dass sie tatsächlich eine zweite Persönlichkeit an sich entdeckt habe: diese zeige sich in Form der Kommunikation mit Insekten. Denn mit Jennifer, die ja seit jeher eine innige Verbindung zu Insekten verspürt, sieht McGregor seine Theorie bestätigt, dass Insekten sich auf nahezu telepathische Weise miteinander verständigen könnten – und in manchen Fällen auf sensitive Geister wie Jennifer reagierten. Damit steht die Teenagerin freilich in einem krassen Gegensatz zu Frau Brückner, die gleich bei der ersten Begegnung eher panisch auf eine Biene reagierte. Und die Mädchen im Internat mobben sie nach heimlicher, aber flugs geteilter Lektüre ihres Tagebuches – woraufhin Jennifer als Machtdemonstration einen beeindruckend großen Fliegenschwarm vor dem Internat auftauchen lässt.
Die Internatsleiterin, die zuvor schon Jennifers Berufung auf den renommierten Insektenforscher eher belächelt hat, liebäugelt nun mit einer Unterbringung Jennifers in der Psychatrie; wobei das Mädchen weniger irre, sondern vielmehr teuflisch sei: Beelzebub, der Herr der Fliegen, müsse wohl im Spiel sein. Jennifer flieht aus dem Internat und schmiedet mit John McGregor Pläne: Die Maden im Handschuh stammten immerhin von der Großen Sarcophaga, die sich nur von Aas ernähre – sodass Jennifer dank ihres psychic links zu den Insekten mit Hilfe einer ausgewachsenen Fliege dieser Sorte den Täter orten können müsste. Tatsächlich findet Jennifer eine verdächtige Hütte, in der die erste Mordsequenz des Films auch begonnen hatte, wird aber durch einen auftauchenden Makler verscheucht.
Diesem stattet kurz darauf auch Inspektor Geiger einen Besuch ab, der so auf die Spur der Vorbewohnerin des Häuschens kommt: Frau Brückner, die – wie der Besuch einer psychiatrischen Anstalt kurz darauf bestätigt – 15 Jahre zuvor von einem unberechenbaren pathologischen Mann angegriffen und vergewaltigt wurde. (Vermutlich jener Mann rüttelt vor Anstaltsleitung und Inspektor ähnlich an seinen Ketten wie der unbekannte Mörder anfangs im Film vor der ersten Mordsequenz.)
Derweil wird McGregor vor den Augen der im Freien ausgesperrten Schimpansin von einem Eindringling in seiner Wohnung ermordet. Mit einem Rasiermesser wird der Affe die Fährte aufnehmen und nach Rache dürsten (was ein dezenter Verweis auf "The Murders in the Rue Morgue" (1841) sein mag)...
Jennifer, die eigentlich die Schweiz verlassen will, kommt nun ahnungslos bei Frau Brückner unter, die vom Anwalt der Corvinos benachrichtigt und auf die Spur der Bankfilialen gebracht worden ist, sodass sie ihren Zögling aufspüren konnte. In Brückners neuem Haus gerät Jennifer freilich vom Regen in die Traufe. Denn hier versucht die ältere Frau, sie mit Tabletten ruhigzustellen, attackiert sie und wird nur durch den hinzukommenden (vermutlich von McGregor auf Jennifers Spuren gesetzten) Inspektor gebremst: Jennifer wird eingesperrt, Brückner sucht den Inspektor vor dem Haus auf. Wie Jennifer wird er lädiert im Keller des Hauses landen, wo allerlei Leichenteile in einem wahren Pool aus Brackwasser und fauligen Körperflüssigkeiten treiben: Erinnerungsstücke des Täters, der wie von McGregor vermutet die Nähe zu seinen Opfern sucht. Geiger kann Frau Brückner kurzzeitig übertölpeln und Jennifer zur Flucht verhelfen, damit diese auf den unnatürlich entstellten Sohn, das Produkt der einstigen Vergewaltigung, das sich vor dem eigenen Spiegelbild ängstigt, trifft – und von ihm attackiert wird. Mit einem herbeigerufenen Insektenschwarm kann sie den jungen Angreifer überwinden. Ihr Anwalt kommt zur Hilfe, wird aber sogleich von Frau Brückner enthauptet, die auch Jennifer an die Gurgel geht, der im letzten Moment der rachsüchtige Affe mit dem Rasiermesser zur Seite steht.
Die Geschichte ist ausgesprochen krude und wird teilweise recht schlampig entwickelt. Eine oft bemängelte Diffamierung geistig Beeinträchtigter ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wobei sich der gestörte Geist noch dazu in einem hässlichen Äußeren manifestiert. Argentos Drehbuch ist hier sicherlich nicht sonderlich verantwortungsbewusst, allerdings kann man seinen Umgang mit diesen Motiven auch differenzierter lesen. Denn nicht in einem realitätsgetreuen Entwurf der Schweiz ereignet sich diese Geschichte, sondern – wie gesagt – in einer Schweiz der sozialen Kälte: Der Untericht am Internat ist autoritär; Mobbing der Außenseiterin erfolgt nicht nur durch Mitschülerinnen, sondern auch von der sie wortwörtlich verteufelnden Direktorin, die zudem Übergriffe wie das gemeinsame Lesen fremder Tagebücher duldet; der Internatsarzt ist als Fummler bei den Schülerinnen verschrien; in der Psychatrie gelten der Leitung Insassen als monströs und dazugehörige Abteilungen werden als Hölle "verteufelt"; der Inspektor geht bei der Befragung der einst vergewaltigten Verdächtigten arg übergriffig vor (und langt mit der Hand nach der Narbe über ihren Brüsten); eine Mutter hielt ihren mordenden Sohn mit Eisenketten an der Wand angekettet... Und Alltagsbeziehungen bestehen eben aus unterkühlten Geschäftspraktiken: Fahrer von Bussen drängen zu Eile, Bänker wahren allenfalls die Form, helfen aber freilich auch nicht mehr als nötig, selbst wenn eine äußerst junge Frau aus dem Ausland vor ihnen sitzt. Und zumindest in der Originalversion kommt die auch dort deutsch sprechende Frau, die sich im Bus über Jennifers geöffnetes Fenster beschwert, eine ganze Spur unfreundlicher rüber als in der deutschen Synchronfassung (in der Jennifers Antwort nun unmotiviert patzig anmutet)...
Man bekommt im Grunde vier Außenseiterfiguren mit Dialoganteil in solch einem Gesellschaftsbild geboten: Jennifer und McGregor auf der einen Seite; Frau Brückner und Sohn auf der anderen Seite. Jennifer und McGregor kommen jeweils aus dem englischsprachigen Ausland, aus den USA und aus Schottland; sind nicht in der präsentierten Gesellschaft sozialisiert worden, wenngleich McGregor hier schon vor Jahren Fuß gefasst hat. Beide verbindet ihre spezielle Beziehung zu Insekten: Jennifer – die immerhin erwacht, als ihre Zimmergenossin stirbt – kann am behaupteten telepathischen Austausch der Insekten partizipieren, sieht, was die Larven sahen, kann Fliegen herbeirufen und Glühwürmchen als Führer nutzen; McGregor studiert die Tiere hingegen nur, kann bloß – was die Kommunikation mit Tieren betrifft – recht erfolgreich mit seiner Schimpansin kommunizieren, und definiert sich selbst daher über eine Eigenart, die er als Mangel empfindet: seine funktionsuntüchtigen Beine, seine sichtbare Abweichung, die er sich unfallbedingt in der Schweiz zugezogen hat. Dennoch kann er sich in Jennifers Außenseiterrolle hineinfühlen und hält einen kleinen Monolog über Formen der Ausgrenzung Andersartiger in der Gesellschaft.[1] Es eint sie aber noch der private Einsatz im Kampf gegen die Mordserie: beide agieren sie mit einem Blick für das Gemeinwohl (wobei beide womöglich noch die Sühnung des Mordes an jeweils einer scheinbar einzigen Vertrauensperson im Sinn haben mögen).
Frau Brückner und ihr Sohn hingegen sind keine Hinzugezogenen, wobei man vom Sohn kaum sagen kann, er sei in der Gesellschaft sozialisiert worden. Auch hier gibt es eine sichtbare und eine unsichtbare Abweichung: das Kind ist unter anderem vom Patau-Syndrom schwer entstellt, die Mutter trägt ihr Trauma und die Belastung des aus der Vergewaltigung entstandenen Kindes mit sich. Unklar bleibt, ob sie ihr Kind vor oder erst nach ersten Morden angekettet hat; unklar bleibt der Anteil der Mutter an der Entstehung der Furcht des Kindes vor dem eigenen Bildnis. Über beide Figuren gibt Argento kaum ausreichend Infos heraus. Zumindest kann man das abstoßende Äußere des Kindes nicht nur (problematisch) mit dem Vater und der Untat als Sinnbild des Bösen koppeln, sondern es (wenig überzeugend) als Zufallsprodukt betrachten; die mörderische Ader aber scheint viel weniger auf den Vater bezogen zu sein, sondern auch (und womöglich: vor allem) auf die Erziehung durch die Mutter zurückzuführen zu sein; deren In-Ketten-Legen immerhin dem Umgang mit Insassen in der Psychatrie gleicht, in der das Wegsperren einer auch medikamentösen Therapie scheinbar vorgezogen wird. Und selbst der Föhn, der – so eine weitere phantastische Prämisse des Films – in diesem "Transsylvanien der Schweiz" so manchen regelrecht in den Wahnsinn treiben und nicht bloß Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Unruhe auslösen könne, steht als Teilursache noch im Raum, zumal Argento das Wehen immer wieder in Ton und Bild einfängt. So wenig man aber auch über die Brückners erfährt: Als Außenseiter handeln sie a(nti-)sozial. Der Sohn sehnt sich zumindest nach einer Nähe seiner Opfer, die er allerdings entleibt und zerstückelt; und die Mutter hängt offenbar trotz allem am meist gefangengehaltenen Sohn, dessen Überführung sie durch Morde vereiteln, dessen Tod sie durch Mord rächen will.
So naiv dieser Geschichte der zwei sozialen und der zwei a(nti-)sozialen Außenseiter auch ist: Argento stülpt mit den Insekten und ihrer angeblichen Telepathie sowie den Schwärmen einen völlig unglaubwürdigen, aber auch relativ sinnigen Überbau drüber. Denn im Schwarm ist nicht das individuum, sondern die Gruppe entscheidend. Im Schwarm geht das Individuum im Kollektiv auf. (Eine Sehnsucht, die ja auch der monströse Mörder zu haben scheint, der vielleicht gerade deshalb Leichenteile in einer Art Pool beherbergt, welcher ja stets ganz ozeanisch alle(s) in sich zum Verschwimmen einlädt.) "Jennifer has a few million close friends. She's going to need them all", verkündete das US-"Creepers"-Plakat von "Phenomena" und die entsprechende Schlüsselszene ist dann auch das Auftauchen unzähliger Fliegen vor dem Internat, von Jennifer telepathisch heraufbeschworen – und auch von ihr angesprochen. Unter ihresgleichen eine Ausgestoßene, erlebt sie in diesem Schwarm die ultimative Zugehörigkeit. Noch eine weitere Bedeutung wird einer speziellen Gruppe von Insekten beigemessen: "In ancient Greece the butterfly symbolized the soul, so-called psyche"[2], raunt McGregor an einer Stelle bedeutungsschwanger. Tatsächlich wird die Göttin Psyche vielfach mit graziösen Schmetterlingsflügeln abgebildet. Schmetterlinge galten aber nicht bloß als Symbol, sondern als Verkörperungen der Seele. Und auch wenn einzig auf einem der populärsten Plakatmotive Jennifer tatsächlich einen großen, farbprächtigen Schmetterling entspannt auf ihrem Handteller ruhen lässt, so wird doch deutlich, dass Argento mit dieser Dialogzeile den Eindruck erzeugt, dass die Insekten die Brücke vom Dies- ins Jenseits schlagen. So auch die Große Sarcophaga, die in den Leichen heranwachsend Jennifer zum Mörder und zur Sühnung der begangenen Verbrechen führen wird. Mit dieser Annäherung von Dies- und Jenseits gesellt sich zur Grenzaufhebung zwischen Individuum und Kollektiv im Schwarm ein zweites Moment des Über-Sich-Hinausreichens. Und ein drittes ist freilich am offensichtlichsten: die Grenzverwischung zwischen Mensch und Tier, zwischen Kultur und Natur in der Prämisse der mit Insekten kommunizierenden, sie wertschätzenden und von ihnen geschätzt werdenden jungen Frau.
Und um diese Motive von Aus-/Abgrenzung einerseits und Zusammenschluss andererseits noch zu stärken, baut Argento noch ein Zitat in die einzige Unterrichtsszene des Films ein: "Nothing is there to come [] and nothing passed [] but an eternal now [] does always last", ist auf einer Projektion hinter, neben bzw. auf der Internatsleiterin zu lesen, welche die Klasse nach einer Interpretation fragt und schließlich von Sophie bzw. Jennifer eine einfordert bzw. erhält. Es ist ein Zitat aus dem unvollendeten Versepos "Davideis, a Sacred Poem of the Troubles of David" (1656) des einstmals mit Milton verglichenen und ziemlich einflussreichen, im 20. Jahrhundert aber zunehmend vergessenen und teils auch abgewerteten Dichters, dessen Stil mitunter als allzu maniriert und schwülstig wahrgenommen wurde. Das – sowie der Umstand, dass darin eine "Zusammenstückung intellektueller Aperçues"[3] wirke anstelle "echte[r] epische[r] Breite"[4] – dürfte erklären, weshalb sich Argento für einen so vergleichsweise unpopulär gewordenen Dichter entschieden hat, lassen sich doch die Vorwürfe auch auf Argento und insbesondere auf "Phenomena" beziehen.
Aber weshalb wählte Argento nun ausgerechnet die Zeilen "Nothing is there to come, [] and nothing past [] But an eternal now [] does always last"? Die von Jennifer an Sophie und von Sophie an die Direktorin gegebene (und von Letzterer auch ernstgenommene) Interpretation hilft kaum weiter: "The Poet with it's eracular style tells of the danger we face, should we forget the sense and the meaning of the past."[5] Diese Antwort – in Verbindung mit der folgenden Frage, ob Sophie denn glaube, dass die Gefahr existiere – macht eigentlich eher im Kontext von "Phenomena" Sinn als im Kontext der "Davideis", von der in dieser Szene ja die Rede ist. Immerhin muss Jennifer über die teilweise Aufklärung der vergangenen Verbrechen eine Gefahr abwenden; immerhin muss Insepktor Geiger über einen 15 Jahre alten Vergewaltigungsfall der Ursache der Morde auf die Spur kommen; immerhin pocht das Internat auf seine Tradition. Im Kontext der zitierten Zeilen aus der "Davideis" müsste die Antwort aber eigentlich irritieren, denn das Zitat entstammt gerade jenem Abschnitt, in dem – nachdem sich in König Saul im Anschluss an Benjamins Besuch der Neid eingenistet hat – eine Schilderung des Himmels und des Allmächtigen gegeben wird.[6] Die Schilderung eines Reichs, in dem kein linearer Zeitfluss mehr waltet, sondern alles in einem ewigen Augenblick zusammenfällt. Geschildert wird also eine Zeiterfahrung, wie sie der Mystiker in der unio mystica erleben kann: auch hier ein Aufgehen des Individuums im größeren Ganzen; eines Individuums, das sich nicht in diverese Zeiträume zerdenkt, sondern im ewigen Jetzt aufgeht. Der so verheißungsvoll besungene Himmel in der "Davideis" ist quasi das explizit ausformulierte Pendant zum wesentlich stärker in die Handlung integrierten Insektenschwarm-Motiv: ein friedlicher, harmonsicher Sehnsuchtsort, nach dem sich die ausgegrenzten Außenseiter sehnen.[7]
So ist "Phenomena" insgesamt doch etwas konsequenter und konzentrierter bei der Sache, als es die wendungsreiche, mitunter allzu sprunghaft entwickelte Handlung mit ihrer Vielzahl kurioser Ideen zunächst vermuten lässt. Dennoch ist der Gesamteindruck nicht ganz rund; die freilich stylische Inszenierung, die insbesondere in den Somnambulismus-Szenen die Fantasie spielen ließ, erweckt zudem mit den meist recht überraschend eingebundenen Metal-Klängen, die mit anderen Teilen des Soundtracks teils arg kontrastieren, einen ähnlichen Eindruck. Einer der sehenswerteren Argentos, wenn auch keiner seiner rundum gelungenen, ist "Phenomena" aber dennoch: weil das potentiell reaktionäre Element schon innerhalb des Films nicht ohne Widerspruch bleibt, weil die kombinierten Elemente keiner bloßen Willkür folgen, weil so einige inszenatorische Highlights recht vereinnahmend sind in ihrer sinnlichen Sogwirkung, mit der Argento viele jüngere Kolleg(inn)en im 21. Jahrhundert noch maßgeblich beeinflussen sollte.
6,5/10
1.) Phenomena. (Dragon 2005: 00:48:51-00:48:57).
2.) "But I understand how you must be feeling. I know what it feels like to be different. And the conditions that go with it: pityer, ironing, revotio, annoyance. People have the ability to make you almost hate yourself!" (Phenomena. 00:59:02-00:59:19.) Letzteres dürfte Frau Brückner bei ihrem Sohn geschafft haben. Mit dem Zitat im Hinterkopf sind die teils heftigen Vorwürfe einer Diffamierung geistiger Beeinträchtigungen jedenfalls ein ganzes Stückchen abzuschwächen.
3.) Hans-Hellmut Krempien: Der Stil der Davideis von Abraham Cowley im Kreise ihrer Vorläufer. Ein Beitrag zur Untersuchung des "metaphysical wit" und des Epos vor Milton (DeGruyter 1936); S. 88.
4.) Ebd.
5.) Phenomena. 00:37:25-00:37:35. Die deutsche Synchronisation nimmt sich gerade in dieser Unterrichtsszene so einige Freiheiten; teils auch sehr unnötige: so kontert gegen ende dieser Episode eine Schülerin die Aufzählung kultureller Größen bis hin zu Richard Wagner mit gänzlich anderen Richard und einem verzückten "Richard Gere!", woraus die deutsche Synchronisation gänzlich unbegründet Michael Jackson macht. Dabei hat Gere, und hier schließt sich dann ein kleiner Kreis, gerade König David in Bruce Beresfords "King David" (1985) gespielt, dessen Uraufführung keine zwei Monate nach derjenigen von "Phenomena" stattfinden sollte.
6.) Vgl.: Abraham Cowley: Davideis. In: The Works of the English Poets, from Chaucer to Cowper. In Twenty-One Volumes. Vol. VII. Cowley, Denham, Milton. (London 1810); S. 142-143.
7.) Aber an solch einem Ort sind die Figuren freilich nicht, ganz im Gegenteil. Insofern müssen sie im linearen Zeitfluss aktiv sein, aktiv werden: der Killer, indem er seinem fauligen Pool immer neue Körperteile schöner Mädchen zuführt; Jennifer, indem sie ihre Nähe zu den Insekten auslebt und mit ihnen eine Gefahr bannt, die ihr schon die jüngste Freundin nahm; in beschnittener Weise gilt das auch McGregor; und Frau Brückner steckt alle Mühen hinein, ihre Situation zu bewahren, die sie zwar teils kaum erträgt, ohne die sie aber erst recht nicht sein mag. Sie ist von allen Figuren im Grunde die tragischste. In der "Davideis" – viel reicher an Zitaten, die sich dem Handeln widmen, als an Zitaten, die sich einer mystischen Ewigkeit in himmlischen Sphären widmen – könnte man freilich noch einige Zitate finden, die Argento bei der Auswahl dieses Stoffes womöglich im Hinterköpfchen hatte: "For, though thou sleep'st thy self, thy God's awake" (Davideis; S. 143) ließe sich etwa ähnlich auf Jennifer ummünzen, die im Schlaf(wandeln) ihr neues Ich entdeckt, das sie bestehende Abgrenzung überwinden lässt, wie die Zeilen "Eight hundred years of death is not so deep, [] So unconcern'd, as my lethargic sleep. [] My Patience even a sacrilege becomes, [] Disturbs the dead, and opes their sacred tombs." (Ebd.) auf die Notwendigkeit der Tat bzw. die Unruhe bei den Toten in Form der Larven. Man müsste sich aber schon weit aus dem Fenster lehnen, um ernsthaft Zeilen aus dem Versepos aus ihrem Kontext zu reißen und sie auf Argentos giallo fantastico zu übertragen. Der ausschlaggebende Grund der überdeutlichen Zitation dürfte aber sicher in der besungenen ewigen Nicht-Zeit liegen.