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Für einige wenige Sekunden wähnt man sich in einer Idylle. Der Establishing Shot zeigt den Schauplatz des sich in Kürze abspulenden Dramas: die Industriestadt Frankfurt. Davor: der Main, über den eine große Brücke führt, umschwärmt von unseren gefiederten Freunden. Ein schönes Bild. Doch dann, unvermittelt... der Kameraschwenk auf das "Dahinter": rauchende Schornsteine, kontaminierte Abwässer, und jede Menge Müll. Es folgt ein Zitat von Francis Thrive: "Our madness engulfs everything and infects innocent victims such as children or animals." Und ja, die "Infektion" findet bereits statt, die Natur serviert ihre gesalzene Rechnung.
Aus Unachtsamkeit gelangt die Droge PCP, auch bekannt als Angel Dust, in die Wasserversorgung des Stadtteils, der auch den hiesigen Zoo speist. Die mannigfaltige Tierwelt reagiert auf den aufgezwungenen Trip mit unkontrollierbarer Wut, bahnt sich einen Weg in die Freiheit und tobt mit unstillbarem Blutdurst durch die Stadt. Tierarzt Rupert Berner (John Aldrich, lt. Internet Movie Database in seinem ersten und letzten Film!), seine Kollegin und Freundin Laura Schwarz (Lorraine De Selle aus La Casa Sperduta nel Parco und Cannibal Ferox) sowie Polizeiinspektor Nat Braun (Ugo Bologna aus Incubo sulla Città Contaminata) versuchen zu retten, was zu retten ist.
Franco Prosperis Animals-on-the-Rampage-Epos Wild Beasts ist ein über weite Strecken unterhaltsamer Horrorfilm, der sein bizarres Szenario actionreich und ohne einen Anflug von Humor durchspielt. Im Gegensatz zu den meisten Vertretern der Gattung "Tierhorror", wo sich lediglich eine Spezies gegen die Menschheit auflehnt, punktet Wild Beasts mit einer ansehnlichen Artenvielfalt. Tiger, Elefanten, Ratten, Hunde, Löwen und Gnus sorgen für reichlich Chaos, und sogar ein Gepard und ein Eisbär blasen zum fröhlichen Halali. Prosperi drehte zum Großteil mit echten Tieren, und dieser Umstand sorgt beim unbedarften Zuseher abwechselnd für beeindruckten Szenenapplaus (die Stampede der Gnus; der Tiger in der U-Bahn), ungläubiges Kopfschütteln (der Eisbär in der Tanzschule; der Gepard, der hinter einem hippiesken Käfer-Cabrio herhetzt) und schieres Entsetzen (die brennenden Ratten; die von Ratten angefallene Katze), wobei der Streifen aufgrund seiner Episodenhaftigkeit in eine lose Aneinanderreihung von blutigen Attacken zerfällt.
In bester italienischer Splatterfilmtradition geben die diversen Tiere den Menschen nicht süßes, sondern saures. Ein Pärchen wird von Ratten lebendig gefressen, wobei die kleinen Biester genüßlich an Zehen, Brüsten und Gesichtern nagen. Ein Rudel Löwen veranstaltet ein ordentliches Freßgelage, und einer bedauernswerten Frau wird von einem Elefanten der Kopf zerstampft. Maurizio Tranis Spezialeffekte überzeugen im großen und ganzen, nicht zuletzt, da teilweise mit echten Eingeweiden gearbeitet wurde. Kein Wunder also, daß die Löwen voller Enthusiasmus einen Menschen zerlegen, wenn in der Attrappe leckere Innereien versteckt sind. Das sorgt für einen Realismus, der vielen anderen Filmen dieser Art fehlt.
Die Darsteller bleiben blaß und stehen klar im Schatten der Tiere, die nun einmal die Stars des Filmes sind. Richtige Spannung kommt höchst selten auf, und eine Dramaturgie findet nicht wirklich statt, obwohl das Twist-Ende einen schönen Bogen zum Beginn spannt und stark an einen gewissen Film eines spanischen Ausnahmeregisseurs erinnert.
Wie nicht anders zu erwarten rückt das hehre Anliegen Umweltverschmutzung rasch in den Hintergrund und macht Platz für deftige Exploitation all'Italiana mit fragwürdigen Tendenzen. Daß ein wenig Tiersnuff zu sehen ist, damit mußte man bei Franco Prosperi (nicht zu verwechseln mit dem 1926 geborenen Regisseur gleichen Namens, auf dessen Konto Filme wie Pronto ad Uccidere (Tote pflastern seinen Weg), La Settima Donna (Junge Mädchen zur Liebe gezwungen) und Il Trono di Fuoco (Thron des Feuers) gehen) eigentlich rechnen, immerhin war er Co-Regisseur von Mondo Cane 1 & 2, Africa Addio und Addio Zio Tom. Überraschender, aber nicht minder problematisch, ist es da schon, daß die Kamera die minderjährige Louisa Lloyd, welche Lauras aufmüpfige Tochter Suzy spielt, in einigen Momenten etwas zu voyeuristisch einfängt. Das sorgt dann doch für einen ziemlich unangenehmen Beigeschmack dieses ansonsten sehr leckeren Italo-Horror-Häppchens.
Wild Beasts
ist also ein unterhaltsames Guilty Pleasure, bei dem man sich manchmal wirklich schuldig fühlt. Anmerken möchte ich noch, daß ich eines schmerzlich vermißt habe: da wütet eine bunt gemischte Tierparade durch Frankfurt, aber von randalierenden Pinguinen ist weit und breit nichts zu sehen! Sehr schade. Eine Bande angepißter Frackträger im Drogenrausch hätte ich zu gerne gesehen.

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