Achtung, Review kann Spoiler enthalten!
Nachdem Franco Prosperi (der Mondo-Prosperi, nicht der Kannibalen-/Exploitation-Prosperi) mit seinen Pseudo-Dokumentationen à la "Mondo Cane" (1962) oder "Africa Addio" (1966) unter Genrefans zu einigermaßen ansehnlichem Ruhm gelangt war, versuchte er sich ab Mitte der 70er dann eher an rein fiktional gehaltenen Filmen wie seiner ersten nicht dokumentarisch gehaltenen Regiearbeit "Mondo Candido" (1975) oder aber Jess Francos "Jungfrau unter Kannibalen" (1980), an dem Prosperi als Produzent mitwirkte.
Mit "Wild Beasts" von 1984 liegt seine letzte eigene Regiearbeit vor, die insofern zu überzeugen weiß, als dass sie eine überraschend reflektierte Sicht auf das damals wie heute aktuelle Thema der Umweltverschmutzung durch den Menschen eingeht. So ist es nicht der Fall, dass die Tiere, wie so oft im Subgenre des Creature/Animal Horrors, einseitig und schwarzweißmalerisch dämonisiert werden, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern Prosperi weiß durchaus, seine tendenziell schlichte Tier-greift-Mensch-an-Handlung zu differenzieren. So ist es letztlich nicht das Tier, das böse handelt, sondern der Mensch, der das Tier durch seine Handlungen zu dem macht, was sie im Laufe des Films werden: Monster. In diesem Sinne beginnt Prosperi seinen Film mit den Bildern einer im Film nicht näher benannten deutschen Großstadt (man munkelt Frankfurt), bevor er zum Zoo schneidet, wo sich der Tierarzt Rip Berner (John Aldrich) um seine zwar eingesperrten, aber geliebten Tiere kümmert und der von ihm angebeteten Journalistin Laura Schwarz (Lorraine De Selle) ein paar Schnappschüsse beim Betäuben einer Tigerdame verschafft, die, obwohl eigentlich zahm, mit einer Ausnahme alle ihre Jungen getötet und gefressen hat.
Prosperi arbeitet hier mit einer gewissen Portion Ironie, zeigt er doch das eigentlich zahme Tigerweibchen, nachdem es die Jungen gefressen hat, in fast liebevollem Umgang mit ihrem Arzt, Berner, der mit ihr umgeht wie mit einem Haushund, ihr aber gleichzeitig eine Betäubungsladung verpasst. Ergo: Berner liebt zwar seine Tiere, nimmt aber trotzdem eine klare Machtposition ein, solange sie im Käfig eingesperrt sind. Diese Gegebenheit dreht "Wild Beasts" dann genüsslich um: Die Tiere im Zoo und die Ratten der Kanalisation drehen durch, brechen aus und greifen Menschen an, während sie sich fast ungehindert durch die nächtliche/abendliche Großstadt bewegen. Die Menschen flüchten sich in Cafés, die Kinder einer Ballettschule in einen abgesperrten Raum und auch in der U-Bahn hängt das Leben der darin eingesperrten Menschen davon ab, wie stabil die Glasscheibe zwischen ihnen und dem Tigerweibchen vom Anfang ist. Es sind nun die Tiere, die die Machtposition inne haben und dem Menschen seine Machtlosigkeit zeigen, solange keine Waffe in der Nähe ist. Aber Prosperi geht noch einen Schritt weiter: Wird am Anfang das Tigerweibchen als bestialisch charakterisiert - hat sie doch ihre Kinder gefressen -, sind es nun die Menschen, die derart gezeigt werden. Journalistin Laura beschwert sich den ganzen Film über ihre schwer erziehbare Tochter, die sich wiederum nur von ihr vernachlässigt fühlt, eine andere Mutter in der U-Bahn nennt ihre Tochter "Die Pest", nachdem diese mit ihrer Schokolade gekleckert hat.
Letztlich ist es also nicht nur der Mensch, der die Tiere durch die Verschmutzung des Wasser mit Drogen zu Monstern macht, sondern man könnte sogar fragen, inwiefern uns Prosperi nicht auch zu Bedenken geben möchte, dass der Mensch ebenso zum Monster, zur Bestie wird, ist er erst einmal in der Situation, dass er die Kontrolle verloren hat. Der fiese, da für Tierhorror untypische Schlussgag - die in der Ballettschule eingeschlossenen Kinder haben von demselben Wasser getrunken wie die Tiere und entwickeln dieselben Symptome, d.h. sie gehen mit Messern auf ihre Lehrerin los - ist da im Grunde nur die Bestätigung, dass Prosperi sich durchaus über diese Ironie und Doppeldeutigkeit seines Films bewusst gewesen ist, bzw. sie gefördert und beabsichtigt hat: Wie das letzte überlebende Tigerbaby am Anfang seiner Mutter die Zitzen blutig gebissen hat, so sind es nun die Kinder, die sich an ihren Rabeneltern rächen. Um so mehr schlägt man sich hier vor den Kopf, da Prosperi uns bereits vor den Opening Credits in Form eines Zitates erzählt, worauf das Ganze hinauslaufen wird: "Our madness engulfs everything and infects innocent victims such as children or animals." (Francis Thrive)
(Generell zeigt der Film noch vor den Eröffnungstiteln in Form von Bildern der Großstadt bereits das, was er uns im Laufe der Handlung wieder enthüllen muss: Die Drogen in Form von benutzten Spritzen, dreckiges Wasser im Industriegebiet, ... .)
Insofern ist "Wild Beasts" also ein sehr durchdachtes, fieses Filmchen mit ungewöhnlich reflektiertem Blick auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier (bzw. Natur). Doch nicht nur inhaltlich, auch technisch kann dieses Kleinod überzeugen, so schafft es Prosperi, seine fiktionale (und fiktional angelegte) Geschichte geschickt mit dem zu verbinden, was ihn (mehr oder weniger) bekannt gemacht hat: pseudo-dokumentarische Aufnahmen. Seien es die Elefanten, die über die Einkaufsstraße flanieren, die Gnuherde, die einer Promenade einen Besuch abstattet oder die Ratten, die ein junges Pärchen angreifen (die brennenden Ratten sind übrigens laut eigener Aussage Prosperis Attrappen und nicht, wie man oft liest, Tiersnuff-Szenen), all diese Einstellungen zeigen ein Auge für die natürliche Darstellung dieser Tiere (wenngleich sie freilich aus ihrem natürlichen Umfeld gerissen sind). So sind dann auch die beiden besonderen Höhepunkte des Films Szenen, in denen Tiere Jagd machen: Ein Gepard, der einer Frau im Auto hinterher jagt (interessant gedreht und geschnitten) und die U-Bahn-Sequenz mit dem Tiger, auch diese ist technisch sehr geschickt inszeniert.
So ist "Wild Beasts" zwar nicht der Überfilm des Tierhorrors und auch nicht die Offenbarung des italienischen Genrekinos, hapert es hier und da doch zum Beispiel schon ein bisschen an Spannung (besonders der Mittelteil hat die eine oder andere Länge), aber Franco Prosperis letzte Regiearbeit muss sich auch nicht hinter den "Großen" des Subgenres verstecken, dafür ist die Handlung des Films viel zu interessant und vielschichtig konzipiert und dafür sind seine Tierszenen viel zu gut inszeniert.
(8/10)