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Sie nennen ihn "Crash".
"Er ist ein einziger Unfall", sagt ein Kollege über ihn. Recht hat er - in dem Sinne, dass "Crash" (Matthias Schweighöfer) ein psychisches Wrack ist, das in einer heruntergekommenen Baracke am Stadtrand von Köln haust und Nacht für Nacht von Schuldgefühlen und Alpträumen geplagt wird. Sein Job als Rettungssanitäter belastet ihn so sehr, dass er kurz vor der totalen seelischen Verwahrlosung steht. Als ihm bei einem Einsatz mit November (Jessica Schwarz) die Frau seiner Träume begegnet, erwacht er nach und nach aus seiner Lethargie.

Wer an dieser Geschichte Parallelen zu Martin Scorseses Werk "Bringing out the Dead" mit Nicholas Cage erkennt, liegt wohl nicht ganz falsch. Es wäre allerdings unfair, Hendrik Hölzemanns Regiedebüt als Abklatsch hinzustellen - dafür geht er visuell und erzählerisch ganz andere Wege und kann auch aufgrund der äusserst gelungenen Inszenierung weitere Pluspunkte verbuchen. Die Geschichte ist mit viel schwarzem Humor und emotionalem Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt worden, das manche storybedingten Kitschfallen und Unglaubwürdigkeiten gekonnt zu umgehen weiss. Besonders die alles andere als subtile Annäherung zwischen den beiden Hauptfiguren wird in vergleichsweise wenigen Szenen wirklich zum Hauptthema - vielmehr konzentrierte man die Aufmerksamkeit auf die seelische Genesung des Protagonisten, die nicht zuletzt in der Verarbeitung eines Kindheitstraumas liegt. Der Höhepunkt ist dabei eine gleichermaßen denkwürdige wie schockierende Szene auf dem Dach eines Hochhauses! Einige weitere dramatische, weil unvorhersagbare Wendungen und Ereignisse können für den absolut längenfreien und damit fesselnen Fortlauf der Geschichte sorgen.

Die Spannung des Plots und auch die gelungene Darstellung der Figuren ist nicht zuletzt den überzeugenden Schauspielern zu verdanken. Matthias Schweighöfer ist als innerlich zerrütteter EInzelgänger eine Offenbahrung, Jessica Schwarz beweist einmal mehr, dass sie bei einem bekannten Musiksender jahrelang ihr Talent verschwendete und auch bis in die kleinsten Nebenrollen ist der Streifen ausgezeichnet besetzt. Die eine oder andere Nebenfigur, wie beispielsweise die Notärztin , genannt "Dr.Tod", vermag den Zynismus und die Verrohung, den diese Arbeit mit der Zeit mit sich bringt, in teils grotesker Art und Weise dem Zuschauer näherzubringen - mal augenzwinkernd, mal schockierend.

Die Darstellung des Sanitäter-Alltags in einer Großstadt ist ebenfalls gelungen und erscheint sehr realitätsnah. Die Ausführlichkeit, mit der zum Beispiel das verzweifelte Reanimieren eines Patienten gezeigt wird, verleiht den Geschehnissen auf der Leinwand einen dramatischen, manchmal fast halbdokumentarischen Charakter. Dass im Vorfeld des Drehs viel Wert auf Authentizität gelegt wurde, merkt man diesen Szenen jederzeit an. Diese nehmen im ersten Drittel des Films auch einen sehr grossen Teil der Laufzeit in Anspruch, langweilen aber nicht eine Sekunde.

Desweiteren ist auch der kraftvolle, aber trotzdem melancholische Soundtrack eine Erwähnung wert. Fast alle Songs wurden von der Grupe "Blackmail" extra für diesen Film eingespielt und können besonders die wichtigen Momente der Handlung eindrucksvoll unterstreichen. Ein echter Glücksgriff.

"Kammerflimmern" ist ein Selbstfindungsdrama der besonderen Art, das durch spannende Charaktere, einer abwechslungsreichen Inszenierung und gekonnt platziertem Humor ohne Längen auskommt und trotz der manchmal skurrillen Erzählweise überzeugen kann. Die genialen Darsteller tragen ihren nicht unerheblichen Teil zum Gelingen bei.

8/10

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