Matthias Schweighöfer spielt einen Rettungsassistenten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Leben zu retten, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen und er als Kind einen Tumor im Gesichtsbereich überlebt hat. Er leidet unter dem harten Berufsalltag, in dem er immer wieder mit dem Elend anderer Menschen konfrontiert wird. Ein Lichtblick ergibt sich für Crash, wie der schweigsame Rettungsassistent von seinen Kollegen genannt wird, als er sich bei einem Einsatz in eine Schwangere, gespielt von Jessica Schwarz, verliebt, die soeben ihren Anhang verloren hat.
Dass Hendrik Hölzemann, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich ist, offensichtlich von Martin Scorseses “Bringing out the Dead“ inspiriert wurde, lässt sich kaum leugnen. Dass hier und da ein wenig beim Oscar-Preisträger plagiiert wurde, macht “Kammerflimmern“ aber noch zu keinem schlechten Film, schließlich ist die Grundidee ja gut und bietet Potential, wenn sie richtig ausgespielt wird. Als erstes kleines Hemmnis erweist sich vielleicht, dass Köln weit weniger abgefuckt als New York ist, was den Film weniger schonungslos als Scorseses Arbeit macht, aber das kann Hölzemann nun mal nicht ändern.
Er macht aber zunächst das Beste daraus. Er zeigt, wie sein Protagonist zu verschiedenen Einsätzen fährt, zu Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, zu einer älteren Dame, die ihren Mann womöglich getötet hat, zu einer jungen Frau, die sich von einem Hochhausdach aus in den Tod stürzen will oder einem Obdachlosen, der kaum ansprechbar ist. Dies sind dann Szenen, in denen eine Gesellschaft gezeigt wird, die auch in Deutschland an manchen Stellen zu zerfallen droht, in denen das Elend auf deutschen Straßen aus einer interessanten Perspektive gezeigt wird, aus der eines lakonischen, deprimierten Rettungsassistenten.
Ansonsten passt bei “Kammerflimmern“ aber wenig zusammen. Die Rückblenden in die Kindheit des Protagonisten, in denen Hölzemann zu zeigen versucht, warum dieser seinen Beruf ergriffen hat, mag der Autor ja für eine gute Idee gehalten haben, um seine Figur an Profil und emotionaler Tiefe gewinnen zu lassen. Letztlich ist der Hintergrund dann aber doch allzu tragisch, nicht wirklich glaubhaft konstruiert und die nichtssagenden Rückblenden etwas unpassend und uninspiriert eingestreut. Hätte denn nach dem Tod der Eltern wirklich noch der Tumor sein müssen?
Ähnlich uninspiriert kommt dann die 180°-Wende daher, die sich schließlich vollzieht, als Crash sich Hals über Kopf in eine Schwangere verliebt, nachdem der Vater in spe an einer Überdosis verstorben ist. Auch das natürlich sehr tragisch. Allgemein ergibt sich das Problem, dass die Figuren nicht glaubhaft konstruiert sind und ihr Schicksal nicht so recht zu fesseln vermag, zumal das Geschehen recht distanziert geschildert wird. Ab hier bringt Hölzemann die aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte dann weiter voran. Zu Gute halten muss man ihm jedoch, dass er nicht auf ein unglaubwürdiges Happy End hinarbeitet und weiterhin zeigt, wie der Protagonist an seinem Job zu zerbrechen droht. Das führt dann zwar zu keinem klaren Abschluss, aber auch zu keinem allzu naiven. Warum es am Ende dann noch zu einem weiteren tragischen Vorfall kommen muss, weiß wohl nur Hölzemann selbst, man kann spekulieren, dass er unbedingt einen Schlusspunkt setzen musste, statt den Film offen enden zu lassen.
Ansonsten ist “Kammerflimmern“ inszenatorisch unauffällig und narrativ sehr unaufgeregt, was mitunter zur einen oder anderen Länge führt. Darstellerisch wird dabei solides geboten. Matthias Schweighöfer, der hier in einer seiner früheren Rollen zu sehen ist, zeigt darstellerisch eine ordentliche Leistung, sodass man ihm den lakonischen Rettungsassistenten durchaus abnimmt. Es ist geradezu wohltuend, ihn mal nicht in einer nervigen Rolle in einer schlechten Komödie zu sehen. Jessica Schwarz ist daneben gewohnt gut, der restliche Cast ebenfalls solide besetzt.
Fazit:
In Ansätzen überzeugt “Kammerflimmern“ durchaus, besonders dann, wenn der Fokus kritisch und authentisch auf dem alltäglichen Elend in Deutschland ruht. Dennoch bleibt letztlich nur unteres Mittelmaß, weil die nervigen Rückblenden das Geschehen ausbremsen und die Liebesgeschichte –natürlich auf den ersten Blick – allzu aufgesetzt daherkommt. Lieber noch mal Scorseses “Bringing out the Dead“ gucken.
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