Review

Warum deutsche Genre-Filme hier immer derartig verrissen werden wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Aber das ist wohl ein Teil des beängstigenden Trends deutsche Filme scheiße zu finden, der sich infolge des mittlerweile fast durch und durch vom US-Kino dominierten Mainstreams manifestiert hat. Traurig, wenn die Herkunft eines Filmes über seine Qualität entscheidet, und das noch dazu bei Filmen aus dem eigenen Land.

Einer dieser unbarmherzig gebeutelten Filme ist Eckhart Schmidts Psychodrama "Der Fan". Von vielen anderen (und gerade amerikanischen Vertretern) dieses Genres unterscheidet er sich vor allem in einem wesentlichen Punkt: Er ist MENSCHLICH! Und sapperlott, das darf doch einfach nicht wahr sein, was soll denn das alles sein? Elend?! Drama?!! Scheiße ey, in 'nem Hollywood-Film hätt's sowas nicht gegeben! (Um mich mal der Perspektive der "Deutsch-Film-Hasser" anzunähern wobei sich hier NICHT alle angesprochen fühlen sollen, denen der Film nicht gefällt). Stimmt. Deswegen ist es wirklich ein Gewinn, das der Film aus deutschen Landen stammt, wo Kino schon immer etwas humaner (und wertvoller) war als bei den Amis.

Wut beiseite: Die Geschichte dürfte ja bereits bekannt sein. Die Nüchternheit mit der Schmidt diese erzählt ist bewundernswert. Der Film wird an keiner Stelle effekthascherisch oder unglaubwürdig (ist zumindest meine Meinung), abgesehen davon, das man wohl doch etwas länger brauchen dürfte, um einen Menschen vollständig zu verzehren, als dies im Film dargestellt wird. Aber für solche Fragen war ich einfach noch nie penibel genug. Wie schade... Wie dem auch sei, wenn man hinter den vielen Inhaltangaben des Filmes einen waschechten spekulativen Reißer vermutet, in dem der rote Saft reichlich fließt und in dem es einen Schock nach dem andern setzt, wird man enttäuscht werden.

Regisseur Schmidt nimmt sich viel Zeit, um die Figur von Simone (Desireé Nosbusch) vorzustellen und dem Zuschauer einen Einblick in ihre Psyche zu ermöglichen. Hierbei hat man die für diese Art der Charakterzeichnung typische Off-Stimme der Protagonistin nicht vermieden, doch ähnlich wie bei Gerald Kargl's "Angst" (ein Meisterwerk des deutschsprachigen Genre-Films!) ist sie in diesem Fall ein echter Gewinn. Auch wenn man sich nicht zwangsläufig mit Simone indentifizieren kann, so geht man doch mit ihr mit.

Und wenn die Protagonisten von "Der Fan" eines nicht sind, dann Heroen: Keiner der Charaktere wirkt übertrieben (außer der Sekräterin "R's" vielleicht) oder aus den Wolken herbeigezogen, man nimmt ihnen ihre Parts vollkommen ab. Simones krankhafte, besinnungslose Anbetung des Pop-Sängers "R" (Bodo Staiger von "Rheingold", die auch den Soundtrack beisteuerten) wird also in der ersten Filmhälfte ausgiebig beleuchtet, auch das das Mädchen der Realität vollkommen entglitten ist. Die Schule ist ihr ebenso egal wie ihre Familie und die Avancen eines gut aussehenden Jungen aus der Nachbarschaft. Auch Freunde scheint sie keine zu haben. Sie ist erfüllt von der vollständigen Aufopferung für "R" und das einzige, was sie interessiert, ist wann er ihr endlich auf ihre Briefe antwortet.
 
Als sie nach wiederholtem Male keine Antwort erhält, reißt sie buchstäblich von zu Hause aus und fährt nach München, wo "R" wohnt. Als sie ihn durch einen Zufall endlich kennenlernt, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Gerade diese Tragödie war es die dem Film einen Skandal-Erfolg bescherte (und natürlich die Beschwerden von Desireé Nosbusch, die ihre Nacktszenen mit Staiger entfernt sehen wollte). Im Grunde nur ein Sturm im Wasserglas, denn die finale Zerkleinerung von "R" durch Simone kommt so gut wie gänzlich ohne graphische Bilder aus. Vielmehr sind es die Musik und die im übrigen Verlauf des Filmes von Schmidt sorgfältig vorbereitete Ruhe und Ausgeglichenheit der Inszenierung (die eben auch in diesen Sequenzen aufrecht erhalten wird) sowie die sehr realistische Stimmung die diesem Part des Films echten, authentischen Schrecken verleihen.

Eine weitere Schlüsselszene, die verstanden werden muss ist der Abschied von "R". Mit ein paar lieblosen dahingeworfenen Phrasen versucht er die verwirrte Simone zu beruhigen und verspricht ihr halbherzig ein Wiedersehen. Während er sich immer weiter von ihr entfernt erkennt Simone, das sie lediglich als kurzweiliges Amüsement missbraucht worden ist. Ein Schrei der Verzweiflung, Wut und Enttäuschung zeigt trefflich den inneren Zusammenbruch. Alle persönlichen Werte, Ideale, ja fast schon der Lebenssinn des Mädchens werden brutal über den Haufen geworfen. Der tödliche Kurzschluss ist unvermeidlich. Mit einer beängstigenden Selbstverständlichkeit kocht und verzehrt sie Stück um Stück ihres einstigen Idols. Sie hat ihm verziehen und er ist nun "in Ihr". Anschließend schert sie sich eine Glatze, verstreut die zermahlenen Knochen vor "R's" Studio und fährt zurück nach Hause, wo sie tränenüberströmt von ihren Eltern empfangen wird.

Was sich für viele sicherlich störend auswirkt ist die Tatsache, das der Zeitgeist von 1982 unauslöschlich über dem Film liegt. Die Mode, die Frisuren, die Farben und natürlich Joachim Fuchsberger, der einen Auftritt als Showmaster hat machen diesen Eindruck omnipräsent. Für mich ebenso kein Störfaktor wie die Musik der Neuen Deutschen Welle-Band Rheingold, die, hat man sich erst einmal daran gewöhnt, enorm zum Gelingen des Filmes beiträgt. Die Schauspieler sind größtenteils Laien (Weder Desireé Nosbusch und Bodo Staiger waren damals Schauspieler) oder No-Names, was allerdings nicht im mindestesten zu kritisieren ist, da dieser Faktor auch um ein weiteres zur Authentizität des Filmes beiträgt. Noch ein Wort zu Bodo Staiger: Er mimt den gefühlskalten, unnahbaren und egozentrischen "R" mit fast zynischer Gleichgültigkeit, auch eine Leistung, so ein Ekel sein zu wollen und es auch noch zu schaffen. Wie heißt es doch so schön: Wenn man einen Schauspieler als Bösewicht vor Augen hat, dann ist er ein guter Schauspieler.

In diesem Sinne kann ich nur noch einmal betonen: Ein Glanzstück von Psychodrama, extrem bedrückend, schockierend und packend. Kein Film, den man leicht vergisst.

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