Mit „Der Fan“ sorgte der deutsche Schmuddelfilmer Eckhart Schmidt 1982 – darf man den Überlieferungen Glauben schenken – für einen zünftigen Skandal. Die noch minderjährige Simone, gespielt von der ebenfalls noch minderjährigen Désirée Nosbusch (bekannt als TV-Moderatorin) hat sich unsterblich in den Synthie-/Elektro-Pop-Künstler „R“ (Bodo Steiger, Sänger der Gruppe „Rheingold“) verliebt, den sie aber lediglich aus der Bravo und dem Fernsehen kennt. Unnachlässig schreibt sie ihm Liebesbriefe, die allesamt unbeantwortet bleiben. Eines Tages reißt sie von zu Hause aus und schafft es tatsächlich, ihn persönlich zu treffen – eine folgenschwere Begegnung für beide...
In „Der Fan“ thematisiert Schmidt das Starkult- und Groupiephänomen und liefert Einblicke in eine verwirrte Teenager-Seele. Simone fühlt sich „R“ nah, lebt komplett zurückgezogen in ihrer eigenen Welt und lässt niemanden mehr an sich heran – weder Freunde, noch Eltern oder Lehrer. Nach außen hin wirkt sie völlig verschlossen, aus dem Off hört man sie Monologe voller Sehnsucht und Hoffnung halten und aus ihren aus einer völligen Realitätsentrückung resultierenden Briefen an „R“ zitieren, durchzogen von einer bitteren Melancholie. Als sie erkennen muss, dass „R“ nach einem Schäferstündchen offensichtlich kein weitergehendes Interesse an ihr hegt, nimmt das Unheil seinen Lauf und sie erschlägt ihn, zersägt ihn mit klinischer Präzision mit einer Elektrosäge und verspeist seine Einzelteile. Interessanterweise ändert auch sie wie so viele Frauen nach der, ähem, Trennung von einem, ähem, Lebensgefährten radikal ihre Frisur.
Noch lange vorm Kannibalen von Ro(h)tenburg zeigt Schmidt, wie Liebe durch den Magen geht, lässt Nosbusch lange Zeit splitterfasernackt und in aller Seelenruhe ihre Tat begehen, setzt sie dabei hocherotisch in Szene und kostet Einzelheiten in langen Kameraeinstellungen aus – ohne allerdings dabei sonderlich in Blut zu baden und mit Gedärmen zu werfen. Den gesamten Film durchzieht die Kälte einer künstlich wirkenden Welt, ebenso unwirklich wie die Traumwelt, in der Simone gefangen ist und zu der die von der Gruppe „Rheingold“ beigesteuerten Elektrostücke perfekt passen. Anfänglich noch eher flotterer Natur, weicht die musikalische Untermalung bald einer schweren, getragenen Klangkulisse. Simone indes lässt man kaum außerhalb des Offs sprechen, was die Verschlossenheit ihres Charakters unterstreicht, andererseits aber auch Nosbuschs eingeschränkte schauspielerische Fähigkeiten kaschiert, die bei zahlreichen Nebenrollen deutlich hervorstechen. Idealerweise erweist sich aber auch dieser Umstand als der alptraumhaften Unwirklichkeit des Films zuträglich, wobei ich mir nicht sicher bin, inwieweit das bewusst eingesetztes Stilmittel oder Zufallsprodukt ist. Generell handelt es sich bei „Der Fan“ aber um einen dialogarmen Film, der seine Protagonisten passend zu ihren oberflächlichen Beziehungen zueinander in erster Linie Belanglosigkeiten austauschen lässt.
Das Tempo des Films ist vergleichbar mit den schweren Füßen eines unglücklich Verliebten und macht „Der Fan“ mindestens im Nachhinein zu einem Hochgenuss für Freunde der 1980er und deren Populärkultur. Frei von jeder Hektik begibt man sich auf eine wohlige Zeitreise, die exploitativ-krude endet. Dass sogar ein Joachim Fuchsberger sich zu einer Nebenrolle in diesem Film überreden ließ, dürfte man einen sich ungläubig die Äuglein reiben lassen. Doch auch abseits seines exploitativen Charakters und seines Zeitkolorits weiß „Der Fan“ zu gefallen, denn was vermutlich gern übersehen wird, ist der zwar heutzutage evtl. schablonenhaft und eindimensional erscheinende, meines Erachtens aber alles andere als weit hergeholte Einblick ins Simones Psyche, während Simone selbst weitestgehend uncharakterisiert, beabsichtigt austauschbar bleibt und ausnahmsweise keine Pädagogenkeule geschwungen wird, die versucht, ihre Entrücktheit zu erklären. Man begleitet Simone im Prinzip lediglich während dieses einen Abschnitts ihres Lebens – weniger ist eben manchmal mehr. Interessieren würde mich durchaus, ob es „Der Fan“ seinerzeit geschafft hat, besorgte Eltern zu erschrecken, deren Kinder „Bravo“-Starschnitte an die Wand hängen? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Film Schwierigkeiten hatte, sein Publikum zu finden – durch Indizierung vor der Jugend verschlossen, für Horrorfans zu sehr Drama, für Ältere zu übertrieben und schmuddelig und damit zu wenig ernstzunehmen.
Nicht so recht ins Konzept passend und zumindest in ihrer Plumpheit mehr bemüht als sinnstiftend erscheinen die Verweise auf den Führerkult der Nazis, die offensichtlich Parallelen zu Simones Vergötterung eines Popstars aufzeigen sollen, sich damit aber auf äußerst dünnem Eis bewegen. Ob Schmidt seinem Film damit den Anstrich eines Anspruchs geben wollte, den er gar nicht hatte? Wie dem auch sei, eine makabre Pointe hat mich begeistert aus diesem in seinem Stil einzigartigen Filmerlebnis entlassen, das nicht fröhlich zu den kunterbunten 80ern tanzt, sondern konsequent in den Untergang schwoft. Danke, Herr Schmidt, Frau Nosbusch und Herr Steiger! Auch wenn man sich anschließend vor Gericht statt auf Preisverleihungen wiedersah...