"Doch die Weisen sagen, dass er die Finsternis wählen. Denn es ist leichter das Licht in sich selbst zu löschen als die Finsternis in der Welt zu besiegen."
In der gegenwärtigen Zeit leben Magier, Formwandler, Hexer und Vampire, bezeichnet als die Anderen, unerkannt unter den Menschen. Durch eine Vereinbarung herrscht seit jahrhunderten ein Waffenstillstand zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Gut und Böse kontrollieren sich gegenseitig in Form von Kontrollinstanzen, damit das Gleichgewicht der Mächte gewährleistet ist. Für die Seite des Lichts sind dies die Wächter der Nacht unter der Leitung von Boris Ignatjewitsch (Wladimir Menschow).
Anton Gorodetsky (Konstantin Chabenski) wurde bereits vor ein paar Jahren von den Formwandlern Ilja (Alexander Samoilenko) und Lena (Anna Sljussarjowa) entdeckt und auf die Seite der Wächter der Nacht gezogen. Er wohnt friedlich neben dem Vampir Kostja (Alexei Tschadow), obwohl dieser der dunklen Seite angehörig ist.
Boris Ignatjewitsch beauftragt Anton dem Ruf eines Vampirs zu folgen, der dabei ist den Jungen Jegor (Dmitri Martynow) illegal zu locken. Während seiner Suche begegnet er Swetlana (Marija Poroschina) die einen Fluch auf sich trägt. Zuerst denkt er es handele sich bei ihr um den Vampir, erkennt dann aber seinen Irrtum. Ohne weitere Beachtung konzentriert er sich wieder auf seine Suche, nichtwissend, dass Swetlana und Jegor eine Rolle in den machtspielen des Anführers der Wächter des Tages Sebulon (Wiktor Werschbizki) spielen. Sebulon sieht in Jegor die Erfüllung einer alten Prophezeihung, laut der eines Tages ein Anderer kommen soll der die Jahrhunderte alte Fehde zwischen Licht und Finsternis in die eine oder andere Richtung entscheiden wird.
Durch Staatsgelder finanziert sollte "Wächter der Nacht" zeigen, dass Russland auf den Filmmarkt ernst zu nehmen ist. Die Mischung aus Horror-, Science Fiction- und Fantasy-Film basiert auf der ersten Geschichte von Sergei Lukyanenko's gleichnamigem Roman, dessen mittlerweile als Tetralogie vorliegende Reihe gern als Konkurrenz zu Tolkiens "Herr der Ringe" gesehen wird. Statt Elfen, Zwergen und Orks sind es hier aber Hellseher, Formwandler und Vampire die in der gegenwärtigen Zeit aufeinander losgehen.
Die Kernhandlung als Balance zwischen dem Licht und der Finsternis mit Überwesen, die unter Normalsterblichen wandeln, und der Prophezeiung über einen Auserwählten, der den ewigen Kampf in die eine oder andere Richtung entscheiden soll ist alles andere als neu, jedoch stimmungsvoll episch inszeniert. Die Handlung profitiert von seinen überraschenden Wendungen und präsentiert sich recht temporeich, ist jedoch durch seine Menge an Informationen beinahe überfrachtet und schwer verständlich.
Regisseur und Drehbuchautor Timur Bekmambetov ("Wanted") erschuf eine rundum erneuerte Version düsterer Gestalten, von denen keine als absolut übermächtiges Wesen in Erscheinung tritt. Bereits die Roman-Reihe enthält diese sehr greifbaren Figuren, die sich recht häufig nicht so ohne weiteres katalogisieren lassen. Hierbei treten jedoch die Schwachstellen des Mediums Film in Erscheinung. Gegenüber dem Roman, der auch die Gedankenwelt seiner Charaktere preisgibt, bleibt bei "Wächter der Nacht" in bewegten Bildern der Zugang zu den Figuren zum größten Teil verwehrt.
Die Filmfassung verpasst es den meisten Figuren Leben einzuhauchen und behandelt sie nur oberflächlich. Der stärkste Aspekt der Romane, nämlich die psychischen Twists der Charaktere, geht dabei zum größten Teil verloren. Somit ist dann auch die Gut- / Böse-Zeichnung im Film eindeutiger als in den Büchern.
"Wächter der Nacht" zeigt ein düsteres Moskau. Keine Sehenswürdigkeiten und keine prunkvollen Gemäuer bieten Platz. Die Handlung wird in U-Bahn Stationen und in Plattenbauten der unteren Mittelschicht gezeigt. Da der größte Teil in der Dunkelheit spielt, wirkt die Stadt unfreundlich und bedrohlich. Atmosphärisch zeigt der Film eine ungemeine Intensität durch seine raue Optik und dem mal melancholischen, mal rockigen Soundtrack.
Die Bildgewalt ist schlichtweg atemberaubend, ebenso sind die auch für westliche Zuschauer durchaus zeitgemäßen CGI-Spezialeffekte definitiv sehenswert, wenngleich spärlicher eingesetzt als in manch heutiger Hollywoodproduktion dieses Genres. Um so mehr sind die mitunter sehr naturalistisch-blutigen Szenen nichts für schwache Gemüter.
Nur selten unterbrechen kurze Actionsequenzen den Aufbau der Welt um die sogenannten Anderen. Die Bemühung ist groß in diesem Bereich mit amerikanischen Formaten mitzuhalten. So gibt es beispielsweise üppigen Gebrauch von Slow-Motion-Sequenzen. Technisch ist der russische Film jedoch noch ein gutes Stück entfernt von Hollywoodproduktionen und nicht komplett ausgereift. Neben Anschlussfehlern präsentiert sich manch eine Sequenz äußerst unübersichtlich.
Trotz der vielfach von westlicher Seite gelobten, so genannten "amerikanischen Erzählweise" und der fesselnden epischen Handlung gibt es vielfach Sperriges und Unerwartetes. Insofern gelingt die Identifikation mit den Filmfiguren und das Eintauchen in die mystische Stimmung dem einen oder anderen Zuschauer sicher nicht ganz so leicht.
Gerade Nichtkenner der Romane werden Schwierigkeiten haben die vielen unerklärten Fähigkeiten der Figuren und die Funktionsweise der Hierarchien zu verstehen. Kenner widerum ärgern sich über zahlreiche Abweichungen der Handlung, wobei zumindest der russische Director's Cut dem Buch ein wenig näher liegt.
"Wächter der Nacht" hat einen schweren Stand. Die Romanvorlage wird bereits als Konkurrenz zur Fantasy-Bibel "Der Herr der Ringe" gehandelt, somit sind die Erwartungen hoch. Einen Teil davon erfüllt der Film dann auch. Insbesonders visuell bietet "Wächter der Nacht" stimmungsvolle Kulissen, natürlich wirkende Darsteller und imposante Kamerafahrten. Die Handlung ist episch, da können auch die erzählerischen Schwächen nichts ändern. Technisch merkt man allerdings, dass das russische Kino erst an der Oberfläche des Hochglanz-Kinos kratzt. Da die Handlung als Überleitung für die Fortsetzung "Wächter des Tages" offen ist, bleibt abzuwarten, ob das gebotene Fantasy-Horror-Epos noch steigerungsfähig ist.
8 / 10