Die große Desillusion
Sex & Krieg - das sind die zwei Themen, die sich durch das gesamte Filmschaffen des umstrittenen Meisters Nagisa Oshima ziehen. Auch in dem lange Zeit verkannten Anti-Kriegs- & CultureClash-Drama "Merry Christmas Mr. Lawrene" sind beide Themen vertreten, wenn auch das erotische eher unterschwällig. In dieser unheimlich schönen & bewegenden Erzählung über die Barrieren & Vorurteile zweier Kulturen (Briten - Japaner / Westen - Asien), geht es um eine britische Einheit, die sich im zweiten Weltkrieg in einem japanischen Kriegslager wiederfindet. Umgeben von beiderseitigem Hass, Unverständnis & Feindschaft, gibt es aber in den verschiedenen Gruppen ein paar Brücken & Verbindungspunkte. Vor allem Col. Lawrence als Japan-Sympathisant & der mysteröse Major Celliers, der eine ganz besondere Aura besitzt & den Kommandant des Camps in seinen Bann gezogen hat...
Natürlich ist der Film etwas art-heavy & nicht so leicht zu entschlüsseln, wie wir es aus westlichen Kriegsfilmen gewohnt sind. Lässt man sich jedoch auf ihn ein, wird das Erlebnis & die Erinnerung aber umso unvergesslicher. Selten war ein Kriegsdrama so menschlisch & doch so künstlisch zugleich. Wohl einer der Knackpunkte, warum der Funke bei Veröffentlichung auf nur so wenige Menschen übersprang, zusammen mit dem homoerotischen (Sub-)Text & der recht seltenen Action.
Das ausschließlich männliche Cast macht tolle Arbeit, heraus stechen vor allem die zwei Popstars & Gegenpole David Bowie & Ryuichi Sakamoto, welche vielleicht nicht die besten Schauspieler sind, aber genug Coolness, Herzblut & Aura mitbringen um einen um zu hauen & lange im Kopf zu bleiben. Letzterer, ein Megastar in Asien, steuerte zu dem auch noch die Titelmelodie bzw. den Soundtrack hinzu, welcher nur ikonisch & meisterhaft genannt werden kann. Der ganze Filme ist zwar etwas schwer zu dekonstruieren, aber ist erstmal der Schlüssel gefunden, ist man gefangen. Takeshi Kitano nicht zu vergessen, der hier einen seiner ersten Schritte auf der Leinwand machte & schon damals eine sagenhafte Präsenz besaß. Präsenz, ja das hat auch das komplette Werk.
Besonders hervorzuheben ist die kulturelle Verschmelzung & die internationale Zusammenarbeit in der Produktion, wie auch parallel in der fiktiven Geschichte. Schon allein die Entstehungsgeschichte mit der Buchvorlage zeigt dies. Ein Japaner erzählt aus der Sicht der Engländer, dann andersrum & dann dreht sich das Blatt nochmals - so entstand über die Jahrzente & verschiedene Interpretationen ein einzigartiger Blick hinter die Unterschiede & Gemeinsamkeiten der zwei Nationen & die Faszination des Fremden im Allgemeinen. Man merkt jederzeit wieviel Mühe sich gegeben wurde, keine der beiden Parteien zu schönen oder zu extrem darzustellen. Und erzwungen oder aufgesetzt freundlich oder glatt gebügelt wirkt der Film auch nie, ganz im Gegenteil, eher rau & hart stellenweise. Das er einige Themen aus anderen großen Kriegsfilmen zitiert ist nur verständlich, sind die erschütternden, menschlichen Grundthemen im Krieg doch eh immer die Gleichen. Celliers Rückblende bzw. seine Bürde fand ich allerdings etwas gewöhnungsbedürftig & hätte es so ausführlich vielleicht nicht gebraucht.
Fazit: Popstars im Kriegslager - poetisch, mysteriös, kraftvoll & mit einem hypnotischen Soundtrak. Menschlische & soziale Grenzen & was es heißt, diese zu überwinden... zumindest der Versuch!