1942: In einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf der Insel Java, in dem vor allem britische Soldaten inhaftiert sind, versucht Oberstleutnant John Lawrence (Tom Conti) zwischen Insassen und Lagenkommandant Yonoi (Ryuichi Sakamoto) zu vermitteln. Dieser wird nach Batavia beordert um am Prozess gegen den britischen Major Jack Celliers (David Bowie) teilzunehmen…
„Ihr seid keine Soldaten. Ihr seid Kriegsgefangene. Ihr besitzt keine Spur von Würde!“ Die Worte von Lagerkommandant Yonoi spiegeln den kulturellen Konflikt, denn er würde, wie jeder anständige japanische Soldat, eher aus dem Leben scheiden – bevorzugt per Harakiri – als in ehrlose Gefangenschaft zu geraten. Auch Offizier Lawrence, der Interesse und Verständnis für japanische Traditionen zeigt, kann ihn nicht vom westlichen Weltbild mit dem hohen Wert des Individuums überzeugen und schreit ihm, aus eben dieser Tradition heraus zum Tode verurteilt, seine Verzweiflung ins Gesicht: „Eure Götter sind’s! Die machen Euch zu dem, was Ihr seid.“ Doch auch Yonoi begeht eine „Todsünde“, hat er doch seit dem Prozess starke Gefühle für den rebellischen Jack Celliers entwickelt, der nach einer fingierten Hinrichtung in sein Lager überführt wird. In vielen Szenen im Lager, wo weit und breit keine Frau in Sicht ist, liegt ein homoerotisches Knistern in der Luft. Doch wo die Liebe unter Männern offensichtlich wird, kann nur der Tod die Strafe sein, wie schon in der ersten Szene von Nagisa Oshimas beeindruckendem Kriegsdrama gezeigt wird. Der japanische Regisseur hatte mit dem Welterfolg „Im Reich der Sinne“ (1976) die Finanzierung seiner ersten internationalen Produktion gesichert. Die Besetzung zweier tragender Rollen durch weltbekannte Musiker erweist sich als besonderer Glücksgriff: Ryuichi Sakamoto, der auch den Soundtrack liefert, überzeugt in seinem Filmdebüt als Kommandant, hinter dessen starrer Miene die Verzweiflung immer mehr Raum gewinnt. Und David Bowie bietet in seiner dritten Hauptrolle nach „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) und „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (1979) seine wahrscheinlich beste Leistung als Schauspieler. Unvergessen der aggressiv provokante Blick, mit dem er Hauptmann und Aufseher aus der Reserve locken will. Hier schimmert plötzlich Wahnsinn in den ungleichen Augen des musikalischen Genies. Und obwohl Celliers’ Handeln ein Plädoyer für den sturen, aber gewaltfreien Widerstand ist, wird er zum Schrecken des Kriegsgegners, „Dieser Mann ist ein Teufel, Herr Hauptmann, er verwirrt ihre Seele.“ Nagisa Oshimas „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (Originaltitel, den Zusatz „Furyo“ = Kriegsgefangener trägt der Film nur in Europa) ist ein intensiver, zum Teil brutaler Anti-Kriegsfilm. Auch das, nur auf den ersten Blick glückliche Ende für einige Beteiligte, führt zur Feststellung, „Es gibt Augenblicke, in denen der Sieg nur schwer zu ertragen ist.“ (9/10)