"Silentium" ist nach "Komm, süßer Tod" (2000) die zweite Verfilmung der Krimi - Reihe rund um „den Brenner“ des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas und entpuppt sich als eine großartige, sehr eigenwillige Mischung aus klassischem, hartem Privatdetektiv - Thriller und schwarz - lakonischem Humor, eingebettet in eine (für Österreich so typisch) morbide Grundstimmung.
Nach den wilden Geschehnissen rund um den "Rettungsfahrer - Krieg" in Wien (eben aus "Komm, süßer Tod", den man allerdings für den Genuß von "Silentium" nicht zwingend gesehen haben muss), hat es Brenner (Josef Hader) in die Festspielstadt Salzburg verschlagen, wo er als Kaufhausdetektiv arbeitet. Eines Tages erwischt er eine junge Frau (Maria Köstlinger) beim Unterwäschediebstahl, doch beim Versuch sie zu überführen, erweist sich diese als die Tochter des einflußreichen Festspielpräsidenten und lässt Brenner vor dem Geschäftsführer eiskalt auflaufen, woraufhin er sofort entlassen wird.
(bereits diese Eröffnungsszene präsentiert uns lakonisch eine der Grundaussagen des Films: Leg dich als „Kleiner“ niemals mit den Mächtigen an!)
Wenig später treffen sich die beiden wieder auf einem Berg mitten in der Stadt, von dem der Ehemann dieser Frau vor kurzem in den Tod gesprungen ist – oder „wurde er gar gesprungen“?
Aus dieser Ausgangsposition gerät Brenner nun immer mehr in einen düsteren Strudel aus Gewalt und Machtspielchen und seine privaten Ermittlungen führen ihn in die höchsten Kreise der Festspiel - Administration und schließlich auch zum gar nicht christlichen Erzbischof…
Vor vier Jahren verfilmte Regisseur Wolfgang Murnberger bereits mit Josef Hader („Indien“) und Co-Star Simon Schwarz den Haas – Roman „Komm, süßer Tod“. Schon damals gelang ihm ein faszinierender Mix aus Härte, Spannung und viel schwarzem Humor. Doch war dieser Film noch eher schnell und actionlastig angelegt, wählten Murnberger, Haas und Hader, die gemeinsam das Drehbuch schrieben, für „Silentium“ einen ganz anderen Stil.
Hier geht es sehr ruhig und düster zur Sache; die noble Festspielstadt und Touristenhochburg Salzburg wird als Fassade, hinter der sich tiefe Abgründe von Verbrechen und Verlogenheit auftun, präsentiert.
Kaum eine Szene gibt es, in der die weltberühmte, eigentlich so schöne Stadt nicht grau und in Nebel getaucht erscheint und auch in sämtlichen Szenen, die in Gebäuden stattfinden, herrschen meist dunkle, fast gruselige Szenerien (z.b. in Katakomben) vor.
Keine Postkarten – Bilder von Salzburg werden gezeigt, sondern unterirdische Labyrinthe und vor allem der Bahnhofsplatz; und die Sonne scheint sowieso nicht.
Soviel also zur düsteren Grundstimmung des Films.
„Silentium“ gelingt etwas wahrhaft Seltenes:
Eine meisterhafte Gratwanderung zwischen spannendem Thriller mit teilweise wirklich deftigen Szenen, einem Gesellschaftsdrama, das auf bitterböse und manchmal auch sehr überspitzte Art und Weise Kirchenvertreter und die sogenannten „Besseren der Gesellschaft“ entlarvt und schließlich einer Komödie, denn immer wieder wird es lustig:
Ob lakonische Albernheiten oder tiefschwarzer Humor, es wird einiges zum Lachen geboten, doch so seltsam es auch klingen mag, fügen sich diese Szenen perfekt in den düsteren Film ein und wirken nie unpassend.
Da wird das Kreuztragen sowie die Kreuzigung von Jesus böse verarscht oder eine rasante Verfolgungsjagd in der Parkgarage endet auf völlig unerwartete, absurde Weise, selbst Hitchcock’s berühmte Flugzeug – Szene aus „North by Northwest“ wird originell parodiert, usw.
Dazu gibt es u.a. noch köstliche Gastauftritte von Jürgen Tarrach oder Christof Schlingensief, in denen das Enfant Terrible der Theaterszene und auch diese selbst gelungen durch den Kakao gezogen wird.
Den eigenständigen Stil des Films unterstützt übrigens auch der treibende Elektro – Soundtrack der Wiener Erfolgsband „Sofa Surfers“, die sich mit ihren Sounds dem eigenwilligen Rhythmus von „Silentium“ perfekt anpassen.
Gegen Ende, wenn alle Handlungsstränge zu einem von skuriller Perversion durchtränkten Finale zusammenlaufen (und selbst wenn der eigentliche „Krimipart“ einen nicht wirklich überraschen kann), wird diese Genre – Mixtur auf virtuose Weise immer mehr gesteigert, dass mir teilweise fast der Atem gestockt ist.
Dieses absurde Gefühl, von tragischen Ereignissen ergriffen zu sein, im nächsten Moment doch wieder zu lachen und kurz darauf dieses Lachen wieder im Hals stecken bleiben zu fühlen, wird in „Silentium“ auf eine eindrucksvolle Art dargestellt, wie sie selten gelingt.
Man könnte natürlich kritisieren, dass Murnberger im Lauf der 2 Stunden fast schon zuviel Ideen und gegensätzliche Teile zusammenwürfelt, und tatsächlich wirkt „Silentium“ manchmal wie das Produkt eines etwas übermütigen, überkreativen Filmverrückten, doch mich hat diese eigenwillige, frische Art, ein(en )Drama-/Thriller immer wieder aufzulockern, sehr überzeugt.
Auch das recht gemächliche Erzähltempo des Films mag vielleicht den einen oder anderen stören, aber es passt einfach sehr gut zur Grundstimmung der Geschichte.
Dass diese freche Genre - Mischung funktioniert, verdanken wir zu einem Großteil auch dem ursprünglichen Kabarettisten Josef Hader, der sich nun seit ca. zehn Jahren fast ausschließlich der Schauspielerei widmet.
Wie schon in seinen Kabarettprogrammen ist Hader ein überaus wortgewandter, zynischer und schlagfertiger Verlierertyp. Solche Charaktere spielt Hader fast durchgehend, er beherrscht diese Rollen und in „Silentium“ hat er sie endgültig perfektioniert. Das mag vielleicht weniger an seinem großartigen schauspielerischen Talent liegen, vielmehr „ist“ Hader Brenner, dieser desillusionierte Typ, der von ständigem Kopfweh geplagt, so erbärmlich aussehend durch die Szenerie stapft, aber gleichzeitig ein harter Hund ist, ein „Tough Guy“, dem es eigentlich scheißegal ist, ob er sein Leben zerstört oder in Gefahr bringt. Zuviel hat er schon verloren, zuviel Scheiße durchgemacht, als dass ihn noch irgendetwas erschüttern könnte und in jeder noch so beschissenen Situation verliert er niemals seinen (Galgen-) Humor.
Der Grundton des Films wirkt immer ernst und düster, doch Brenner nimmt einfach nichts und niemanden ernst und lockert dadurch das Geschehen immer wieder gelungen auf.
Die Abrechnung mit der Selbstgefälligkeit einer noblen Gesellschaft und das Ad Absurdum - Führen der bigotten Moral der Kirche, sowie die vielen kleinen skurillen Details und Dialoge (deren Anspielungen sich allerdings von manchem Nicht-Österreicher nicht immer ganz nachvollziehen lassen mögen), machen „Silentium“ zu einem eigenständigen, kleinen Meisterwerk, das eine sehr schwierige Gratwanderung kunstvoll meistert.
Nachdenklich stimmende Bilder und drastische Momente, die teilweise wirklich unangenehm inszeniert werden, geben sich mit lakonischen Sprüchen und fast Slapstick-artigen Situationen die Klinke in die Hand, dass es eine wahre Freude ist.
Ein Film, der Härte, Spannung, Dramatik, Ernsthaftigkeit, Gesellschaftskritik und Komik auf derart faszinierende Weise vereint, und dabei größtenteils glaubwürdig wirkt und der durchgehend hochklassige Schauspieler sowie routinierte Regie zu bieten hat, ist nicht nur mit Abstand der beste österreichische Film des letzten Jahres, sondern kann auch im internationalen Kino – Vergleich als großer, innovativer Wurf bezeichnet werden, der weit gelungener ist als die Vielzahl der immergleichen, meist nach festgelegten Genre – Konventionen inszenierten Hollywood – Thriller, die Woche für Woche die Multiplexe überschwemmen.
Und nun beginnt das sehnsüchtige Warten auf die nächste Haas – Verfilmung mit „dem Brenner“.
Inzwischen kann man sich die Zeit ja mit den Büchern vertreiben.