Review

“Er betrachtete den Brief. Wenn überhaupt, war das der Stoff für eine Reportage und nicht für einen Leitartikel. Er sollte ihn an einen Kollegen der Lokalredaktion weitergeben. Das ist nicht mehr mein Aufgabenbereich. Ich vertrete Meinungen. Ich schreibe mit kühlem Kopf, im Namen der Redaktion, die sich darauf verständigt, wie man Stellung bezieht. Er hatte sich schon halb von seinem Platz erhoben, um genau das zu tun, hielt jedoch plötzlich inne. Ein unschuldiger Mann.“

Von der hübsch ausgeleuchteten Szenerie, des prägenden südlichen Sumpfgebietes mit entscheidend lebend, getragen durch seinen Star in der Hauptrolle, dazu eine bessere und vielfältige Riege an Unterstützung durch die Nebendarsteller, landschaftlich zuweilen beeindruckend und auch so eingefangen, wird allerdings gleich mit einem Ausrufezeichen begonnen: 1986 der Beginn, die Dinge noch gleich, schwelender oder offener Rassismus, keine Warnung, nichts hat sich geändert, Im Sumpf des Verbrechens, acht Jahre später:

Der liberale Harvard-Professor und ehemalige Anwalt Paul Armstrong [ Sean Connery ] wird nach einer Veranstaltung zum Für und Wider der Todesstrafe von der älteren Evangeline Ferguson [ Ruby Dee ] angesprochen und überredet, die Verurteilung ihres Enkels Bobby Earl Ferguson [ Blair Underwood ] wegen Vergewaltigung und Mordes eines jungen Mädchens zu untersuchen, dieser beteuert die Unschuld, zumal er durch die Polizisten Detective Tanny Brown [ Laurence Fishburne ] und Detective J.T. Wilcox [ Christopher Murray ] zum Geständnis gezwungen sein sollte. Armstong, der eigentlich wenig begeistert von der ganzen Angelegenheit ist, wird durch seine Frau Laurie Prentiss [ Kate Capshaw ] mit überzeugt, sich der Sache anzunehmen. Er rollt den Fall neu auf.

»Erzählen Sie mir davon.« »So viel gibt’s da eigentlich nicht zu erzählen. An dem Nachmittag, an dem es passiert ist, war ich bei meiner Großmutter. Wäre es jemandem eingefallen, sie zu befragen, hätte sie das bezeugt …« »Hat Sie noch jemand gesehen? Ich meine, der nicht mit Ihnen verwandt ist?« »Also, ähm, nicht, dass ich wüsste. Nur sie und ich. Wenn Sie meine Großmutter besuchen, dann verstehen Sie, wieso. Sie wohnt in einer alten Bretterbude, etwa eine halbe Meile hinter den anderen Bretterbuden. Unbefestigte Armenstraße.« »Erzählen Sie weiter.« »Na ja, nicht lange, nachdem sie die Leiche des kleinen Mädchens gefunden haben, kommen zwei Detectives zum Haus, um mit mir zu sprechen. Ich war gerade dabei, meinen Wagen zu waschen. Mann, hab ich die Karre auf Hochglanz poliert! Es ist also so um Mittag herum, sie kommen zu mir und fragen mich, was ich vor ein paar Tagen gemacht habe. Sie sehen den Wagen an, dann mich und hören mir gar nicht richtig zu.« »Was für Detectives?« »Brown und Wilcox. Ich kannte die beiden Mistkerle, ich wusste, dass sie mich nicht ausstehen konnten. Hätte mir denken können, dass ich ihnen nicht trauen kann.« »Woher wussten Sie das? Ich meine, wieso konnten die Sie nicht leiden?« »Pachoula ist ein Kaff. Es gibt eben Leute, die wollen, dass alles beim Alten bleibt. Ich meine, die wussten, dass ich eine Zukunft hatte. Sie wussten, dass ich was aus mir machen würde, und das hat ihnen nicht gepasst. Meine Einstellung hat ihnen nicht gepasst, nehme ich mal an.« »Erzählen Sie weiter.«

Ich bin vor dem Abendessen wieder zurück.“, sind die Worte, daraus wird nichts, Polizeibrutalität übelsten Ausmaßes, toleriert und unterstützt. Die Jahre vergehen, die Zustände nicht, Gewalt in den Worten und in den Taten, Unangenehmes wird hier angesprochen, angedeutet und gezeigt, der edlen Aufmachung zum Trotz, dem Hollywoodvehikel, einem der Werke aus der Spätphase von Connery, mittlerweile etwas übersehen und vergessen, zu viel Instabilität im Abschluss, teilweise aufsehenerregend in der Negativität, die Travestie von Mit Schirm, Charme und Melone bspw., die Ärgernisse am Set von Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, das deutliche Zeugnis des Alters bei Verlockende Falle. Connery hier auch als Executive Producer, zuständig für eine Romanadaption, basierend auf “Der Sumpf“ von John Katzenbach, erst eine Vorlesung, eine Podiumsdiskussion, dann das Exempel, ein kriminalistischer Thriller, zuweilen plakativ in der Einleitung und der Ausführung, ein Film auch mit Verdeutlichen der Anklage, vorgetragen vom weißen Retter.

Ein Streitgespräch wird geführt, “Warum gehört jeder verdammte Scheißdreck zur Realität …“, es werden auch andere Seiten aufgezeigt, andere Saiten gespielt, es geht nach Florida. Ab und an werden Nebensächlichkeiten eingeworfen, exaltierte Personen, weitere Perspektiven, weitere Informationen, zusätzliche Funktionen, “Was spielen Sie für ein Spiel?“, erste Anhaltspunkte und Amtshandlungen, Fragen und Antworten, etwas verwoben und verworren. Ein Protokoll wird erstellt und wiederholt, da infrage gestellt, Rückblenden eingesetzt und fortgeführt, Drohungen mit der Waffe in der Hand, Spielereien mit dem Diktafon. Die Inszenierung ist ruhig, nahe an den Gesichtern seiner Figuren dran, Großaufnahmen von Mimik, Panoramen der Landschaften, unterschiedliche Auffassungen und unterschiedliche Behauptungen und Vorstellungen, Schuld und Unschuld, Wahrheit oder Pflicht, Hochmut und Rache.

»Fahren Sie hin. Sehen Sie sich Pachoula an. County Escambia. Es liegt direkt südlich von Alabama, gerade mal zwanzig, dreißig Meilen entfernt. Vor fünfzig Jahren hätten sie mich einfach am nächstbesten Baum aufgeknüpft. Sie hätten weiße Roben mit spitzen Kapuzen getragen und Kreuze verbrannt. Die Zeiten ändern sich«, fuhr er bitter fort, »aber nicht allzu sehr. Inzwischen kommt das Ganze unter dem Deckmantel der Zivilisation daher. Klar doch, ich hab ein Gerichtsverfahren bekommen. Klar doch, ich hab einen Anwalt. Geschworene aus meiner eigenen Bevölkerungsschicht. Klar doch, mir stehen sämtliche verfassungsmäßigen Rechte zu. Diese gottverdammte Lynchjustiz war richtig schön legal.« Fergusons Stimme überschlug sich fast. »Fahren Sie hin, Mr. weißer Reporter, stellen Sie den Leuten ein paar Fragen, und Sie werden sehen.«

Ein nettes kleines Städtchen“ wird hier gezeigt, Hände geschüttelt und Ablehnung zum Ausdruck gebracht, Verfahrensfehler gerügt, der halbe Film wirkt trotz anderer und auch selbständiger Quelle wie eine Anpeilung an a) John Grisham und dessen filmisches, auch durch Warner Bros vertriebenes Werk, und b) Kap der Angst, von der schwülen, verdunsteten, aussichtslosen Stimmung her, und c) Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Für den Zuschauer sind die Vorgaben und Vorgänge verhältnismäßig vertraut, Überraschungen gibt's dennoch, das Thema Diskriminierung (und die Todesstrafe) vorherrschend, auch das Milieu geschildert, Zweifel aufgeworfen, Verständnis gezeigt, Bedauern ausgedrückt, mit Mutmaßungen und Vorurteilen auch gespielt. “Mitten in der tiefsten Hölle“ ist man plötzlich, fünf Minuten Autofahrt, ein verwunschen scheinender Ort wird erkenntlich, jeder kennt jeden, scheinbar, doch alles ist möglich.

Um das Opfer geht es auch ausführlich, der Professor, ein privilegierter, gutsituierter, außenstehender, selbst unbeteiligter Mann hier als Ermittler, als Recherchierender, gleichzeitig auch Vater, die Tochter dem Opfer sehr ähnlich; die Charaktere anders als im '92 erschienenen Roman (die Hauptfigur ist ein Reporter, der mit seinen Artikeln zum Bürgerrechtler und Pulitzer-Preisträger aufsteigt; ähnlich zu der Rolle von Kurt Russell in Das mörderische Paradies, 1985, welches auch auf einen Text von Katzenbach beruht), dennoch durchaus hervorstechend, wenn auch in eigene Schablonen gerückt oder doch gedrückt, “froh, aus der Realität wieder heraus zu kommen“. Ein Film an einem seidenen Faden, ebenso wie der Fall in ihm, eine erste aktive Dialogregie im Büro des Sheriffs, eine Veränderung der Leben. Was ist wahr, und was nicht, was ist vorgestellt und was wird ausgeblendet, es werden 'Hausaufgaben' gemacht und Professionelles sowie Privates miteinander verknüpft, die “Werkstatt des Teufels“ besucht und zwischendurch auch wieder heimgekehrt; “Sagen Ihnen denn meine Lügen nicht genauso viel über mich wie meine Wahrheiten?“. Viele Klein- und Kleinstauftritte (Ed Harris, Ned Beatty, Scarlett Johansson, Kevin McCarthy, Hope Lange, Chris Sarandon, George Plimpton usw, mit Speck fängt man Mäuse) halten das Geschehen am Laufen, manche sind nuancierter, die meisten davon nicht, dazu viele entscheidende Blicke, viel aufbrausendes Verhalten, ein Gang in die Abgründe des Menschen, in die Unberührtheit der Natur, mit mancherlei wirkungsvollen Schockmomenten, und manchmal sehr trivial in der Behandlung, musikalisch dazu sehr aufdringlich begleitet, was aber durchaus im Kontext Sinn ergibt, wird man doch “wie ein Instrument gespielt“.









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