Im Französischunterricht: "Je m’appelle Benjamin. Je suis seize ans. - Und ich bin 'n Krüppel". Benjamin stellt sich vor. Sein Französisch holpert über die Lippen. Was danach kommt, ist der Krüppel; damit das klargestellt ist. Die neuen Mitschüler wissen es, wir wissen es. Der 16-Jährige ist halbseitig gelähmt, ein Außenseiter, schon immer gewesen. Und dazu auch noch ein Schüler, der mit der Schule auf Kriegsfuß steht, vor allem mit Mathe. Auf dem Internat nun wird sich etwas ändern, doch nicht die Noten, die bleiben miserabel: Der schüchterne und sensible Jugendliche wird Freundschaften schließen - mit Janosch, Kugli, Felix, Florian und dem introvertierten Troy - und ausgelassen pubertieren: Rauchen, Bier trinken, Masturbieren.
Ja, Benjamin Lebert wird durchaus Verrücktes widerfahren (eine plötzliche Entjungferung auf der Toilette, ein abenteuerlicher Ausflug ins Striplokal). Dies - gerade wenn im Trailermaterial verwendet - könnte den Eindruck einer zotigen Teenagerkomödie erwecken, insbesondere das Verrückte, das überflüssig erscheint und überhaupt nicht im Jugendroman des leibhaftigen Benjamin Lebert zu lesen war (Man denke nur an die Kekswichsdisziplin). Dabei ist die Geschichte des körperlich gehandicapten Teenagers erstens kein deutscher "American Pie"-Epigone und zweitens schließlich gar nicht einmal so crazy, weil eine realistisch wirkende Betrachtung von Jugendlichen in der Adoleszenzphase. Und was gehört zu solch einem Film? - Eben. Auch mal Bier trinkende Jungen, die den Reizen des anderen Geschlechts erliegen. Natürlich, mag manch einer nun anmerken, gibt es diese ja ebenfalls in den zahllosen Exemplaren trivialer Teeniefilme - dies mit Sicherheit -, nur sinnieren sie dort keineswegs über die auf dem Schwebebalken turnenden Mitschülerinnen, die sie aus der Ferne beobachten, und vergleichen sie nicht mit graziösen und unerreichbaren Antilopen.
Auch sind sie nicht so nachdenklich wie Benjamin, äußern im Off selten solch tiefsinnige Gedanken. Wenn doch, dann nur als Alibi, fürs Protokoll, um dem Klamauk eine pseudoseriöse Note zu verleihen. Hans-Christian Schmids Film ist anders, ist ehrlich. Über dem Witz steht der Inhalt, der nicht einmal außergewöhnliche Inhalt. Denn um die Behinderung geht es in "Crazy" nicht. Und auch nicht um Schulprobleme oder die peripher angerissene Krise der Familie Lebert. Es geht um Freundschaften und eine kurze, aber unvergessliche Zeit, um die Schmetterlinge im Bauch und den Konflikt, der zwangsläufig entsteht, wenn sich zwei Jugendliche in dasselbe Mädchen verlieben: in Malen. Für sie überwindet Benjamin sogar die Angst: Er springt ins Wasser, vom ungeliebten (kleinen) Sprungturm. Er springt nicht für sich selbst, nicht für andere, nur für Malen. Das ist die Kraft des Verliebten.
Die größte Leistung von Schmids ausgezeichnet gespieltem Film ist schließlich, dass er sich nicht im Klischee verfängt und mit seinen naturalistischen Bildern, zu denen man stets den passenden musikalischen Ton trifft, gleichwohl von der Ernüchterung der Verantwortung, von Fehl- und Rückschlägen, von Enttäuschungen erzählt. Es gibt keine Verbesserung der schulischen Leistungen, kein romantisches erstes Mal (stattdessen ein unerotischer 10-Sekunden-Sex auf dem Klo, noch dazu mit dem falschen Mädchen), kein Happy End mit Malen. Und gerade deshalb ist "Crazy" ein großartiger Jugendfilm: nichts wirkt hier konstruiert; wie im wahren Leben kommt alles so, wie es kommt.