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Lukas Moodysson. Ich vermute mal, das ist ein Name, mit dem nur wenige etwas anfangen können. Zu meinem großen Bedauern habe ich bis vor kurzem ebenfalls noch nichts von dem Mann gehört, dabei ist er in Schweden dafür berühmt, seit 1998 in seiner Funktion als Filmregisseur und Drehbuchautor in schöner Regelmäßigkeit den Nerv des Publikums und der Kritik gleichermaßen zu treffen, und er brachte sogar das Kunststück fertig, dort mit „Raus aus Amal“ mehr Leute ins Kino zu locken als James Cameron mit seinem Mega-Blockbuster „Titanic“. Es muß also etwas dran sein an diesem Film, auch wenn der Inhalt nicht gerade „Kassenknüller“ schreit.

„Raus aus Amal“ behandelt die Liebesgeschichte zweier Mädchen im besten Teenageralter: Agnes (Rebecka Liljeberg), ein schüchternes Mauerblümchen aus wohlbehütetem Elternhaus ohne Freunde und todunglücklich über diese Situation, ist schon seit längerem heimlich in die aufgeweckte, selbstbewußte und ungleich populärere Elin (Alexandra Dahlström) verliebt. Auf Agnes’ Geburtstagsfeier, bei der für die Schwerverliebte zunächst alles schief geht, was nur schief gehen kann, findet zwischen den beiden grundverschiedenen Charakteren die erste Annäherung statt, inklusive erstem Kuß. Doch der Weg zum gemeinsamen Glück ist steinig - wie macht man nämlich seiner Umwelt klar, lesbisch zu sein? So versucht Elin krampfhaft, ihre wahren Gefühle zu unterdrücken und Agnes, so gut das möglich ist, zu ignorieren...

Unweigerlich fragt man sich beim Durchlesen der Inhaltsangabe schon, wie es möglich ist, mit dieser kleinen Story einen solch phänomenalen Erfolg zu erzielen, ist sie doch das krasse Gegenteil von dem, was hierzulande Millionen Zuschauer dazu bringt, sich vor eine große Leinwand zu setzen. Leise, zarte Töne anstatt lautes, knalliges, spektakuläres Bummbumm - kann es sein, daß das schwedische Publikum von einem Film einfach mehr erwartet, als immerzu oberflächlich mit ordentlich Actionpower und Spezialeffekten zugebombt zu werden? Nicht ausgeschlossen. Vielleicht liegt es am Ende jedoch auch ganz einfach daran, daß Moodyssons „Raus aus Amal“ einen unerklärlichen Zauber versprüht, dem man sich schlicht und ergreifend nicht entziehen kann. Ja, das ist wahr, es kommt nicht oft vor, aber es kommt vor - dies ist ein bezaubernder Film, der bewegt, der anrührt und dem man dank seines unscheinbaren Stils, der so ganz anders ist als die unzähligen und niveaumäßig meist fragwürdigen Teenie-Filme, die aus Hollywood alle paar Wochen zu uns herüberschwappen, nichts anderes bescheinigen kann, als herzerfrischend und hochsympathisch zu sein.

Als hätte Moodysson gerade erst als Schüler die Schule verlassen, zeichnet er uns ein Bild vom Teenageralltag - so hyperrealistisch, wie man es nur selten in Filmform präsentiert bekommt. Hier laufen endlich mal Teenager mit realen Problemen rum (und das gilt für ALLE Figuren), die einem auch tatsächlich während der Schulzeit über den Weg gelaufen sind, und sprechen natürliche ungekünstelte Dialoge, nicht diese bei jedem Wetter perfekt gestylten Supermodels, nicht diese Schönlinge, die ihre besseren Hälften tagtäglich in ihren flotten makellosen Schlitten mitnehmen, um gemeinsam mit ihnen zu wirklichkeitsfremden Traumfabrik-Highschools zu „cruisen“. Zwar kommt auch dieser Film nicht ohne die unentbehrliche furchtbare Lästertante aus, doch sie außen vor gelassen wird der komplette jugendliche Restcast - und das ist eine großartige Leistung des Regisseurs - trotz knapper 85 Minuten Lauflänge durchweg vortrefflich charakterisiert, ohne Klischees zu bemühen: die Rollstuhlfahrerin Viktoria, wie Agnes Außenseiterin, darum sozusagen mit ihr „zwangsbefreundet“ und, nachdem sie sich gegenseitig lautstark die Meinung gegeigt haben, was sie in Wirklichkeit voneinander halten, vergeblich darum bemüht, von ihren Klassenkameraden gemocht zu werden; Jessica (Erica Carlson), die ältere Schwester von Elin und für diese die engste Vertraute sowie eine Art Ersatzmutter, da die echte so gut wie nie zu Hause ist; der schüchterne Johan (Mathias Rust), der für Elin schwärmt und mit peinlichen Anmachsprüchen versucht, ihr Herz zu gewinnen; Jessicas Freund, ein Macho allererster Güte, der zu wissen glaubt, wie Frauen ticken; auch die Eltern kommen nicht zu kurz (vor allem Agnes’ liebenswerter Vater ist rührend, wie er seine Tochter in ihrem Kummer zu trösten versucht); und nicht zuletzt natürlich unsere Hauptfiguren Agnes und Elin selbst, die so viel Tiefgang entwickeln, daß man es als Zuschauer regelrecht bedauert, die zwei früher nicht höchstpersönlich kennengelernt zu haben. Glaubwürdige Menschen also in Hülle und Fülle, wann bekommt man so etwas in einem Teenie-Film schon mal geboten? Deshalb fällt es auch leichter, Elin diverse unangebrachte und auch ungerechte Verhaltensweisen gegenüber Agnes zu verzeihen, weil man sich in ihre Lage nur zu gut hineinversetzen kann. Schüler in ihrem Alter können ja so gemein sein, das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung. Und bis zum Abschluß als Lesbe gebrandmarkt zu sein und eventuell in die Außenseiterecke gedrängt zu werden - nein, das ist bestimmt nicht angenehm.

Doch auch wenn Elin die meisten Auftritte aufzuweisen hat, gehören der verträumten verschlossenen Agnes mit dem Berufswunsch Schriftstellerin zweifelsohne die meisten Sympathien. Meiner kann sie sich sowieso gewiß sein, ich gehörte (und gehöre noch) wie sie ebenfalls nie wirklich in eine bestimmte Clique und meide Partys, wo es nur geht. Höchstes Identifikationspotential ist daher unbedingt gegeben, so daß man mit ihr mitfiebert und stark hofft, ihre ehrliche tiefe Zuneigung zu Elin möge am Schluß erwidert werden, woran allerdings irgendwie niemals Zweifel bestehen.

Mit der in Filmen an sich immer noch etwas heiklen Thematik „Homosexualität“ setzt sich Moodysson ernsthaft, dabei aber so zurückhaltend und sensibel wie nur möglich und niemals sensationsheischend auseinander, weshalb auch denjenigen, die befremdlich reagieren oder denen es unangenehm aufstößt, sobald sie gleichgeschlechtliche Paare sich küssen sehen, der Film bedenkenlos ans Herz gelegt sei. Zu dem Schmusesong „I Want To Know What Love Is“ wird einmal kurz auf dem Rücksitz eines Wagens heftig geknutscht (eine wundervolle Szene übrigens!), mehr ist da nicht. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Sorgen und Nöte der zwei Mädchen, auf die geht Moodysson intensiv ein und streift im Vorbeigehen nicht minder unwichtige Jugendthemen wie Selbstmordgedanken, das erste Mal und - natürlich - Eifersucht.

Unheimlich entgegen arbeiten dem Regisseur die beiden niedlichen und erfrischend aufspielenden Jungdarstellerinnen Rebecka Liljeberg (Agnes, zur Drehzeit 17) und Alexandra Dahlström (Elin, zur Drehzeit 14). Moodysson scheint einfach ein gutes Gespür dafür zu haben, sich die richtigen Schauspielerinnen für seine Filme auszusuchen, wie er später auch in der deprimierenden Tragödie „Lilja 4-ever“ eindrucksvoll bewies: Nicht nur stimmt die Chemie zwischen ihnen (auch wenn sie gemeinsam verhältnismäßig wenige Szenen haben und eher parallel zu- als miteinander agieren), sie sind sogar in der Lage, lediglich durch die Mimik Bände sprechen zu lassen und dem Zuschauer auf diese Weise auch ohne Worte viel über ihre Gefühlslage zu verraten. Beeindruckend. Auch die Nebendarsteller machen ihre Sache prima, stehen aber nun mal mehr im Schatten.

Und als würde das alles nicht bereits ausreichen, um den höchsten Ansprüchen nach Realismus zu genügen, werden in dem Bereich weitere Punkte durch die Nutzung einer Handkamera gesammelt. Die wackelt manchmal bedenklich, schwenkt hastig zwischen Figuren hin und wieder zurück, ist immer mittendrin im Geschehen und ruppige unschöne Schnitte gibt es auch ausreichend. Das ist für Hochglanzbildästheten, die sich hauptsächlich auf das Sichten von Hollywood-Filmen beschränken, selbstverständlich weniger geeignet und in höherem Maße gewöhnungsbedürftig, verpaßt dem Ganzen aber zugleich obendrauf einen fast schon dokumentarischen Charakter, und nichts anderes wollten Moodysson und sein Team erreichen.

Locker-flockig und in einer leicht verdaulichen Form mit hauchzartem Humor erzählt und mit tollen Songs unterstützt, bildet „Raus aus Amal“ wahrscheinlich eines der besten Jugendporträts der letzten Jahre, bei dem nicht bloß ein heranwachsendes Publikum auf seine Kosten kommt, und wartet letztlich mit dem immer aktuellen Plädoyer auf, sich unbedingt zu seinen Gefühlen zu bekennen, so groß die Widerstände auch sein mögen - und das ach so einfache Happy-End, untermalt durch die jäh hereinbrechenden Klänge des in unseren Graden wohl eher unbekannten Broder-Daniel-Rockliedes „Underground“ (der an dieser Stelle vorzüglich passende Text: „We don’t care what you say about us“), mit der wohl stilvollsten öffentlichen Bekanntgabe eines Coming-Outs seit langem ist schier umwerfend. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Film endgültig fest in mein Herz geschlossen, wo er sicher seinen Platz gefunden hat.

Tja, aus den Vereinigten Staaten stürmen zwar wesentlich mehr Teenagerfilme in unsere Kinos, die bessere Wahl ist aber eindeutig dieser hier. Ein kleines, dafür umso mehr funkelndes Juwel. 9/10.

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