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Ein Mann führt sich eine Gewindestange wie einen Oberschenkelhalsknochen ein, bevor er von einem Auto überfahren wird... Doch zum Kern der Story, sofern diese überhaupt wiederzugeben ist: die Hauptfigur verwandelt sich Stück für Stück in Metall, nicht allein macht er die biomechanische Metamorphose durch, seine Frau als sexuelles Gegenüber, und ein weiterer Mann mit einer ähnlich bizarren Wandlung kreuzen seinen verwirrten, teils verängstigten Weg. Schockiert und ahnungslos, was mit ihm geschieht, treibt Tsukamoto sein Opfer durch die Großstadt, taucht mit der Kamera immer wieder regelrecht darin ein. Neben den Detailaufnahmen fallen die vielen Zeitrafferaufnahmen auf, die eine unglaubliche Bilderflut hervorrufen, „Tetsuo“ ist ein eigenes Universum mit urbanem Licht und Schatten, einem komplexen Inhalt, ohne den künstlerischen Anspruch auch auf perfekte Detailverliebtheit zu übertragen. Greller Cyperpunk im Videozeitalter, geordnetes Chaos aus Fleisch und Metall, ein visuelles Gewitter, die Kamera dient dem visuellen Bombardement des Zuschauers. Inhaltlich ist „Tetsuo“ ein Kind seiner Zeit, das in den 80ern die Auswirkung der Industrialisierung auf die Umwelt und schließlich auch auf den Menschen beschreibt, wie es auf andere Art auch David Cronenberg in „Die Fliege“ oder „Crash“ versucht. Tsukamotos Werk ist dagegen weitaus radikaler sowie experimenteller und schockiert durch die herrlich groteske Darstellung, die entfernt an Lynchs "Eraserhead" erinnert. Industrial als Lebensgefühl in Stahl, wie es seit den 70ern Bands wie Throbbing Gristle propagierten. Wer also vier Strophen mit Refrain zur Unterhaltung braucht, wird mit „Tetsuo“ sicher nicht glücklich, denn hier hämmert einem ein klasse Industrialsoundtrack der alten Schule um die Ohren. Bei allem Blut, das in diesem Schwarz-Weiss-Streifen wie Altöl fließt, ist nicht alles humorfrei, was an absurden Szenen geboten wird. Grell und kompromisslos walzt dieser paranoide Videoclip im avantgardistischen Gerüst all das nieder, was das große Mainstreamkino ausmacht. Ein Psychotrip durch den Underground, der das dreckige Nebenprodukt der technisierten Welt ästhetisiert.

Fazit: Willkommen in der neuen Welt! Der Kultfilm der Industrialszene. 10/10 Punkten

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