Review

Gleich vorneweg: Harvey Weinstein ist nicht der Co-Regisseur dieses Films, und er ist auch nicht Co-Finanzierer, wie fälschlicherweise auf mitternachtskino.de behauptet wird. Die französische Originalfassung entstand ohne Mitwirkung aus Hollywood, weder finanziell noch inhaltlich. Erst für den Vertrieb in Amerika schaltete sich Weinstein dazwischen und nahm erhebliche Änderungen an der Filmfassung vor.

Die erotische Spannung zwischen Sylvain und Airelle wurde weitesgehend gereinigt, insgesamt rund sechs Minuten Material geschnitten, ein neuer Soundtrack komponiert und die delirierend paradoxen Dialoge gründlich flachgebügelt - interessanterweise von niemand geringerem als Isaac Asimov höchstpersönlich, der für die englische Skriptfassung verantwortlich war. (Sonst hatte Asimov nichts mit dem Film zu tun - die Romanvorlage stammt von Jean-Pirerre Andrevon - auch wenn Weinstein seiner Version noch ein Zitat von Asimov vornewegstellt, um den klingenden Namen etwas besser zu vermarkten.)

Ebensowenig wuude der Film übrigens mit Südkorea koproduziert, sonders tatsächlich mit Nordkorea, und komplett in einem Studio in Pyöngyang gezeichnet. (Den amüsanten Kulturschock, der besonders die reichlich präsenten weiblichen Konturen im Film betrifft, kann man im Interview mit Philippe Caza im Beiheft der "Masters of Cinema"-DVD nachlesen.)

Wie dem auch sei, die französische Originalversion, die also Laloux' Wunschfassung entspricht, ist mittlerweile in der "Masters of Cinema"-Serie in England erschienen und erlaubt somit den unverstellten Blick auf Laloux' letzten Langfilm, leider gerade sein dritter nach den überwältigenden Vorläufern "La planète sauvage" (Fantastic Planet) und "Les Maîtres du temps" (Herrscher der Zeit).

Nach Moebius, mit dem er "Les Maîtres du temps" entwickelte, arbeitete Laloux für "Gandahar" ein weiteres mal mit einer französischen Comic-Legende aus dem Umfeld des Comic-Magazins "Métal hurlant" (in den USA: "Heavy Metal", in Deutschland "Schwermetall") zusammen, namentlich Philippe Caza, und wieder, wie bei allen Laloux-Filmen, sind die Designs von Flora und Fauna der phantastischen Handlungswelt überwältigend und originell inszeniert. Für alle Freunde des französischen Science-Fiction-Comics ist der Film damit schon einmal ein absolutes Muss und ein visueller Hochgenuss sondergleichen.

Inhaltlich scheint sich der Film zu Beginn als klassische Abenteuergeschichte darzustellen: Das idyllische Paradies Gandahar wird eines Tages von einer neuen Bedrohung heimgesucht: Seltsame Metallmenschen überfallen die Bewohner, verwandeln sie zu Stein und verschleppen sie zu einem seltsamen Tor, um sie dort zu ihresgleichen zu verwandeln. Sylvain, der Held der Geschichte, wird losgeschickt, die Ursachen zu erforschen und stößt dabei auf den Metamorphen, eine riesige gehirnartige Struktur, die für die Vorgänge verantwortlich scheint.

Natürlich trifft er unterwegs eine schöne Frau, die sich ihm zur Seite stellt, und natürlich endet alles in einer gewaltigen Schlacht, aber damit ist das "Klassische" an "Gandahar" auch schon aufgezählt, und den hochkomplexen, sich um Zeitparadoxien windenden Handlungsverlauf hier gänzlich aufzuschlüsseln, wäre weder möglich, noch produktiv, das muss man schon selbst entdecken.

Wie in seinen vorhergehenden Spielfilmen arbeitet Laloux auch diesmal wieder mit deutlichen Verweisen auf Faschismus und Holocaust: Die "Anti-Individualisierung" der Umwandlung zu gleichförmigen Metallmenschen erinnert an die gesichtslosen, geflügelten Gestalten "Les Maîtres du temps". Das Schicksal der dafür geopferten Bewohner Gandahars nimmt das Motiv der als Ungeziefer vergasten und zertrampelten Menschen in "La planète sauvage" auf, und zudem baut Laloux noch überdeutlich die Schrecken einer rigorosen genetischen Selektion in sein Werk ein.

Die Protagonisten in seinen Filmen werden häufig als flach und klischeehaft kritisiert, aber hierbei wird einfach übersehen, dass es Laloux nicht um rationalisierte und psychologisierte Figuren geht: Seine Helden sind Helden im klassischen Sinn - Helden, wie sie direkt aus griechischen Epen zu stammen scheinen, gradlinige Abendeuerhelden, die als funktionales Element in einer komplett mythologisierten Handlungswelt agieren. Laloux fragt nicht nach dem "warum" im Handeln der Figuren; ihn interessiert das größere Bild - das Bild der phantastischen Abenteuerwelt. Und in dieser agieren die Helden auf die gleiche Weise wie die seltsamen Pflanzen, Tiere, Monster und Mutanten, die ihren Weg kreuzen.

Man muss sich darauf einlassen, dass der Sinn nicht im Verstehen der Handlung, sondern in diesem mythologisierten Handlungsgefüge liegt, und das ist weniger ein Verstehen als ein Fühlen. Man wird mit den Schrecken der faschistischen Gleichschaltung und der Massenvernichtung auf einer gänzlich abstrakten Ebene konfrontiert, die jenseits einer versuchten Psychologisierung liegt, wie sie Behandlungen solcher Themen üblicherweise an den Tag legen - ein gleichzeitig direkterer und entrückterer Zugang, wenn man so will. In dieser Hinsicht geht der gesamte Film weit über eine metaphorische Ebene hinaus: Man fragt sich nicht, wofür der Metamorph eigentlich steht, sondern wie er funktioniert, und diese Funktion ist nicht umsonst in ein bewusstes Paradoxon gebettet (ähnlich dem Ende von "Les Maîtres dfu temps").

Darüber hinaus kann man den Film natürlich auch einfach als großartigen Fantasyfilm betrachten; man sollte allerdings wissen, dass man sich auf keine ganz alltägliche Erfahrung dabei einlässt. "Gandahar" ist in seiner Quintessenz jedenfalls ganz und gar in Kontinuität mit den anderen Laloux-Filmen (zumindest in der französischen Originalfassung) und Fans daher dringend empfohlen. Ein sicherlich gänzlich zu Unrecht vernachlässigter Meilenstein des Zeichentrickfilms und definitiv einen Blick wert.

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