In typisch langem und schier elegischem Vorspann bereitet uns Regisseur Tom Tykwer auf den emotionalen Ritt von WINTERSCHLÄFER durch beeindruckende Schneelandschaften und knappe aber sitzende Wortlandschaften zwischen unseren so verschiedenen Protagonisten vor. Die anfangs zart angedeutete und später mit Wucht und auswegsloser Angst zusammengeführten Lebenslinien von sehr verschiedenen Menschen in der verschneiten Provinz entfalten einen langsamen, aber stetigen hypnotischen Sog, dem man nach einiger Zeit aufgrund der unterschwellig streng komponierten Bilderlandschaften kaum entweichen kann.
Das Team der Schauspieler, ohne einzelne zu nennen, ergibt eine Einheit die gut zusammen funktioniert und sich in die jeweiligen Rollen einfügt. Keiner sticht heraus. Dies ist positiv gemeint. Auf die Handlung gemäß dem gleichnamigen Roman gehe ich nicht an sich ein, auch WINTERSCHLÄFER funktioniert am besten ohne große Vorinformation. Die erst voneinander unabhängig und parallel laufenden Handlungen der Hauptpersonen streben wie magnetisch angezogen aufeinander zu und entfalten in einfachen aber starken Dialogen, sowie in den sehr ausdrucksvollen Gesichtern ihre Wirkung.
Die oft wortlosen Gesichter sprechen ihre eigene Sprache und ich behaupte mal jeder von uns wird sich in einzelnen Szenen rund um die diversen Beziehungen vielleicht zum Teil wiedererkannt haben. Dazu gibt es auch wirklich witzige Szenen, nicht mit dem Dampfhammer, sondern gelungener Szenen- oder Wortwitz der leisen Art in einfachen, alltäglichen Situation die von starkem Realismus geprägt sind. Von den ersten Bildern an gibt es eine aktive Kamera mit aufwendigen Einstellungen, heftigen Zooms, großen Fahrten, auch um die Darsteller herum wie wir sie auch in den späteren Werken und zuletzt auch CLOUD ATLAS wieder sehen werden.
Man merkt WINTERSCHLÄFER die Literaturbasis an und vielleicht als die einzige kleine Kritik ist die vorhandene schwülstige Überladenheit diverser vorgegebener Metaphern zu nennen. Die durchgehend farbige Gestaltung der Protagonisten in rot, grün, blau, schwarz usw. und manche dramaturgische Schleife wirkt etwas hölzern. Dies ändert aber nichts daran, das WINTERSCHLÄFER großes Kino im wahrsten Sinne ist welches unterhält, begeistert, verschreckt, irritiert und vor allem durch seine poetische Feinsinnigkeit noch weit nach dem dem Abspann zum Denken und Diskutieren anregt. Das erwarte ich unter anderem von einem Film.
7,5/10 blutigen Daumen....äh,....Punkten