Review

Tykwer hat dazugelernt. Wenn man seine neueren Werke wie "Der Krieger und die Kaiserin" oder "Heaven" mit hiesigem Film vergleicht, merkt man eine enorme Steigerung. Was aber nicht bedeutet, dass "Winterschläfer" über keine oder nur geringe Qualität verfügt.

Das Handwerk Tykwers ist auf jeden Fall auszumachen, sein Hang zum Philosophischen ist ja bekannt, bei manchen ja auch so verhasst. Sein Gespür für eine gute Filmmusik, die er ja meist selbst schreibt und komponiert, beweist sich auch hier. Und dass seine Filme immer irgendetwas Besonderes erzählen, weiß der Fan ja auch. Also schon mal 3 gute Gründe, sich als Tykwer-Fan den Film anzusehen. Vorweg, das Schlechteste am Film ist sein genialer Anfang. Denn der ist so hypnotisierend, packend und fesselnd, dass der Film im weiteren Verlauf einfach nicht besser werden kann. So fängt "Winterschläfer" an wie ein Meisterwerk, läuft aber zum Schluss hin immer mehr Gefahr, wirklich nur ein Durchschnittsfilm zu werden. Was die Einmaligkeit angeht. Aber der Film kratzt die Kurve gerade noch so, um gut genug zu bleiben, ihn im Gedächtnis zu verankern. Die Story hier wiederzugeben, würde zu viel Zeit und Platz einnehmen, daher die Kurzfassung. Es geht vordergründig um 3 Personen, die sich untereinander überhaupt nicht kennen, aber aufgrund eines Autofalles indirekt alle was miteinander zu tun haben. Ja, kennt man mittlerweile schon alles, aber Tykwer schafft es schon, mit seiner Art den Film wirklich ansehnlich zu machen.

Und wer meint, "Memento" wäre der erste Film, in dem die Hauptperson sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat und von allem und jedem Fotos macht, um sich erinnern zu können, der hat nicht mit "Winterschläfer" gerechnet. Der greift das Thema auch auf, es nimmt zwar nicht so eine zentrale Rolle wie noch in "Memento" ein, dafür aber eine gleichsam wichtige und entscheidende.

Wie in seinen anderen Film geizt Tykwer auch nicht mit wunderschönen Kamerafahrten und netten Naturaufnahmen, die meist mit der schönen Klaviermelodie unterlegt sind. Optisch und audiotechnisch kann der Film also auf voller Linie überzeugen, aber das ist man ja eigentlich schon gewohnt. Die Story hört sich auch gut an und wurde auch gut umgesetzt.

Schwachpunkte stellen der Verlauf des Films (er beginnt ZU gut, endet ZU unspektakulär) dar sowie die hingezerrt scheinende Filmlänge, da es 10 Minuten weniger wohl auch getan hätten. Zumindest denkt man sich gegen Ende nicht mehr so zwingend, was denn als Nächstes passieren würde und wie es dann Alles rausgeht. Das ist zu Beginn schon noch so. Die Schauspieler passen schon, sie vollbringen zwar keine Meisterleistungen, aber sie sind im gehobenen Durchschnitt anzusiedeln. Das Machogetue von Ferch geht einem aber nach einer Zeit auf die Nerven, aber für das kann ja der Film nichts.

Alles in allem ein interessanter Film, um sich den Werdegang von Tom Tykwer richtig vor den Augen zu halten. Sicherlich erreicht der Film nicht die Qualität seiner nachfolgenden Werke, meiner Meinung nach ist er aber besser als "Lola rennt", den ich persönlich als "schlechtesten" seiner Filme ansehe. Dennoch verfügt "Winterschläfer" über eine recht ordentliche Qualität, die es wirklich lohnenswert macht, sich ihn anzusehen. Für seine relativ frühe Entstehung, was Tykwers Filmographie anbelangt, ist es sogar enorm gut. Aber sicher nicht jedermanns Sache, wie gesagt, die leicht philosophische Ader ist nicht im Geschmack des jeden. Mir hat es aber gefallen. 7,5/10 Punkte

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