Das ungewohnte Thema und die ungeheure Schnittmenge der alten deutschen Fassung verhalfen „The Boys from Brazil“ zu einem unerwarteten Bekanntheitsstatus, denn sonst zählt Franklin J. Schaffners Film nicht unbedingt zu den großen Klassikern.
Dr. Josef Mengele (Gregory Peck) hat hier jedenfalls den zweiten Weltkrieg überlebt und hat mit einer Horde Ex-Nazis finstere Pläne in Paraguay geschmiedet, wie der junge Journalist Barry Kohler (Steve Guttenberg) herausfindet. Näheres erfährt man lange Zeit nicht, was man aus heutiger Sicht interessant, kennt man „The Boys from Brazil“ doch als den Film mit den geklonten Hitlers, doch genau jenes Detail bleibt den halben Film über im Dunkeln, während man viel von den Plänen drumherum erfährt.
Kohler verständigt den berühmten Nazijäger Ezra Lieberman (Laurence Olivier), der bereits für die Verhaftung Adolf Eichmanns verantwortlich. Diesen lernt der Zuschauer in einer etwas eigenwilligen Comedyszene mit seinem Vermieter kennen, die nicht so recht zum sonst eher ernsten Tonfall des Films passt. Ezra lehnt das Gesuch des jungen Mannes ab, der ihm trotzdem einige Beweise schickt.
Allerdings killen die Nazis den Jungjournalisten gerade als Ezra Interesse gewinnt. Doch er beginnt zu ermitteln und stößt dabei auf 94 Familien, deren Söhne etwas mit Mengeles Plänen zu tun haben…
Selbige sind natürlich die Klonhitlers, doch „The Boys from Brazil“ ist als starbesetzte Studioproduktion weitaus weniger trashig, als man ob der Prämisse annehmen könnte. Tatsächlich geht der Film das Ganze sogar relativ seriös an, gerade im Vergleich zu diversen italienischen Produktionen zu dem Thema oder den Reißern eines Alistair MacLean. Allerdings sollte man auch nicht auf die knackigen Schauwerte einer McLean-Verfilmung hoffen, eine Verfolgungsjagd hier, ein Mordanschlag da, das war es dann auch. Stattdessen baut „The Boys from Brazil“ dann mehr auf das Potential seiner Geschichte.
Und da liegt dann (zumindest für den Zuschauer von heute, vielleicht auch für den von damals) ein wenig der Hund begraben, denn angesichts der bekannten Prämisse zieht sich der Film anfangs ein wenig, obwohl man nicht genau weiß, wo jetzt die Verbindung zwischen Mengeles Mordplänen und den geklonten Hitlers liegt. Dabei gibt sich „The Boys from Brazil“ durchaus Mühe, zeigt Ezras langsame wie beharrliche Recherche, denn der Mann ist kein Actionheld, der die Infos aus Leuten herausprügelt, kein Sherlock Holmes, der alles sofort durchschaut, sondern ein Denker wie du und ich.
In Hälfte zwei kommt die Chose dann vernünftig in die Puschen, da auf beiden Seiten nicht alles rund läuft, wenngleich es etwas komisch wirkt, wenn Mengele die Riesenoperation im Alleingang beenden will. Aber sei’s drum, hier baut der Film mehr Fahrt auf und wartet auch mit einem eher kleinen Finale auf, das andererseits aber auch Denkanstöße gibt: Soll man die Jungen verschonen und dabei mehr Menschlichkeit als jene beweisen, die sie klonten? Oder ist es gerechtfertigt, sie zu töten, um ein neues Hitler-Regime zu verhindern? Außerdem steht zwischen den Zeilen die Frage, inwieweit Erbgut einen Menschen bestimmt und inwieweit es das soziale Umfeld ist – beide Faktoren spielen natürlich auch bei der Tötungsdebatte eine Rolle.
Gregory Pecks Dr. Mengele ist ein teilweise fast comichaft anmutender Schurke, keine Figur mit Tiefgang, aber doch ein angenehm charismatischer Bösewicht, der Zugkraft beweist. Daneben schlägt sich Laurence Olivier sicherlich ganz solide, in dieser Altersrolle ist er aber doch von früheren Glanztagen etwas entfernt. Steve Guttenberg ist ordentlich in seinen wenigen Szenen, recht eindrucksvoll kommt noch James Mason als Nazi-Verbündeter Mengeles daher und zufriedenstellend sind die Leistungen der Nebendarsteller, in deren Reihen auch das eine oder andere bekannte Gesicht mitwirkt.
„The Boys from Brazil“ ist ein netter, kleiner Thriller mit einer sicher ungewohnten Prämisse, deren Umsetzung allerdings ein wenig die Schauwerte vermissen lässt und etwas spät in den Quark kommt. Dafür ist die Geschichte aber erfreulich durchdacht und nach der überlangen Exposition durchaus spannend, wodurch Schaffners Film durchaus Vergnügen bereitet ohne jemals in der Oberliga mitzuspielen.