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Nicht jeder Psychokiller-Thriller nimmt sich erst einmal Zeit für eine rührselige Verabschiedung zwischen Vater und Scheidungskind. Normalerweise laufen noch vor den Opening Credits erste Aderlässe zu einem blutigen Rinnsal der Vorwarnung zusammen; diesmal jedoch wird im Stil eines Familien- und Beziehungsdramas ein gemütlicher, kalter Wintersonnentag im Central Park verbracht, als habe man alle Zeit der Welt. Anstatt auf die Schaukel zieht es die Beiden allerdings auf die Parkbank, wo sie alte Männer zu einer Partie Schach herausfordern. Paul Stanton (Edward Herrmann, „Richie Rich") ist nämlich kein gewöhnlicher Vater, sondern Professor der Universität von Princeton. Sohn Billy (Peter Billingsley, „Cyber World") ist ganz offensichtlich der Spross des Vaters: Ein sonderbarer, überdurchschnittlich intelligenter Knabe, der im Alter von zehn Jahren bereits so altklug daherredet wie nur irgend möglich.

Entsprechend philosophisch-verklausuliert gerät die Verabschiedung am Ende des Treffens. Es wird kurz warm in der Herzgegend, aber nur für einen Augenblick der gegenseitig erlaubten Schwäche unter Gleichgesinnten. Einen skurrilen Anblick bieten diese beiden Käuze da vor der Haustür von Mutter Sally (Catherine Hicks, „Chucky – Die Mörderpuppe“), während sie in ihrer eigenen Welt schweben. Für den Jungen wird es in Zukunft buchstäblich noch wärmer, denn es wartet ein Umzug in den tiefen Westen Amerikas, zu Sallys neuem Lebensgefährten Mike (Paul Le Mat, „Puppet Master„), der seinem leiblichen Vater zumindest in Sachen Intelligenz nicht das Wasser reichen kann. Womöglich verfügt er aber über eine gewisse Bauernschläue, die in vielen praktischen Situationen des Lebens hilfreich werden könnte – bei der Abwehr eines Killers zum Beispiel…

Klimatische Extreme, soviel verrät bereits der Filmtitel, spielen in „Death Valley“ eine wichtige Rolle. Wichtig sind sie insbesondere für die Thriller-Aspekte, die Dick Richards aufzubauen gedenkt, in dem er die Spannung möglichst lange schwelen lässt, um sie idealerweise auf dem Höhepunkt der Nervosität aufzulösen. Richards hatte bei seiner vorausgehenden Regiearbeit „Marschier oder stirb“ (1977) bereits ausgiebig mit den atmosphärischen Eigenschaften heißer Umgebungen experimentiert, als er Terence Hill durch die marokkanische Wüste peitschte; auch seine Philip-Marlowe-Adaption „Fahr zur Hölle, Liebling“ (1975) zehrte bereits von einer schwülen Atmosphäre. Das Death Valley in der Mojave-Wüste soll die Hitzerekorde in Richards‘ Vita nun in die Höhe treiben.

Billy jedoch zeigt Cowboy Mike, der sich plötzlich in sein Leben geschmuggelt hat, zunächst die kalte Schulter. Distanzen müssen nicht nur mit dem Flugzeug überbrückt werden, sondern auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation. In der ersten Phase des Kennenlernens bietet „Death Valley“ hauptsächlich Trial-and-Error-Comedy nach dem Funktionsprinzip eines Roadrunner-Cartoons: Während Mike unermüdlich neue Versuche startet, das Vertrauen von Billy zu gewinnen, lässt Billy ihn immer wieder durch intellektuelle Überlegenheit trocken auflaufen. Nicht nur Peter Billingsleys äußerliche Erscheinung, inklusive des strohblonden Haars und der Flaschenböden auf der Nase, sondern die ganze Konstellation erinnert ein wenig an „Jerry Maguire“, nur dass ein Paul Le Mat eben kein Tom Cruise ist. Aber wenn schon nicht „Führ mich zum Schotter!“ gerufen werden kann, dann doch zumindest „Führ mich zum Killer!“.

Indem es die geografischen Pole des amerikanischen Westens und Ostens aufgreift, spielt das Drehbuch ein Stück weit mit geltenden Vorurteilen um die Bildungsverteilung zwischen Prärie und Urbanität. Der Cowboy als amerikanischer Archetyp wird im Laufe der Handlung mehrfach vorgeführt, jedoch in der finalen Betrachtung keineswegs der Lächerlich preisgegeben. Das lässt sich vor allem an Paul Le Mats Figur ablesen, den man nach der idolisierten Vorstellung des leiblichen Vaters im Prolog mühelos als unsympathisches Landei hätte zeichnen können, doch Autor Richard Rothstein hat Größeres mit ihm vor. Das Herz des Jungen soll er nämlich gewinnen, und zwar in einem beharrlichen, aufopferungsvollen Kampf, der weit mehr umfasst als die konkrete Lebensgefahr, in der sich alle Beteiligten bald wiederfinden.

Mit einer Trailer-Park-Sequenz, die dem bis hierhin angeschlagenen familiären Ton völlig widerspricht, wird besagter Killer eingeführt. Kehlenschlitzer und Busenblitzer wirken wie aus einer anderen Welt, die eher der sich aufbäumenden Slasher-Welle jener Zeit entspricht als dem eigenwilligen Ansatz dieses Films. Es bietet sich eine tonal durchaus inhomogene Aufbereitung zweier Pfade, die sich unter Garantie kreuzen werden, um die bis dahin schwierige Beziehung zwischen dem Jungen und seinem neuen Stiefvater – soviel filmisches Drama-Grundwissen dürfte selbst unter beinharten Horror-Fans vorausgesetzt werden – auf eine neue Stufe zu heben.

Zugegeben: Ein Thriller, der einen vorlauten Bengel und die Beziehungsprobleme seiner Erziehungsberechtigten in den Vordergrund stellt, dürfte bei der Zielgruppe erst einmal keinen guten Stand haben: Es dauert lange, bis „Death Valley“ sich ans Eingemachte begibt, und wenn es soweit ist, bleibt es zumindest in Bezug auf blutige Schauwerte einigermaßen unspektakulär, obgleich das Gebotene immerhin reichte, um bei den Prüfstellen mit nervösem Zeigefinger eine Indizierung zu bewirken. Kompensiert werden die eher zögerlich umgesetzten Vorzüge, wie sie ein herkömmlicher Slasherstreifen auf seine Prioritätenliste setzen würde, zunächst fast beiläufig durch die Einführung von Stephen McHattie in der Rolle des zwielichtigen Fremden mit stechendem Blick. Auf einmal stiehlt er sich in einem Diner in der Uniform eines Kellners in die Handlung, nimmt also für den Anfang eine Erscheinung an, die man sonst eher als Dekoration in der Peripherie verstehen würde.

Mit zunehmender Laufzeit spielt McHattie seine Leinwandpräsenz immer weiter aus und reißt so nach und nach die Handlung an sich, ohne dazu zwingend dauerhaft in Person auf der Leinwand vertreten sein zu müssen. Das Augenmerk bleibt weiter vor allem auf das Familienkonstrukt gerichtet, das weiterhin durchgehend auf die Probe gestellt wird. Den Beziehungen zwischen Billy und Mike, aber auch zwischen Mike und Sally kann auf diese Weise großzügig Raum zur Weiterentwicklung gegeben werden. Nebenher bleibt McHattie als Faktor X zu jeder Zeit in unmittelbarem Einflussrahmen, ebenso wie sein auffälliger Cadillac, der auf den staubigen Highways deutlich in Tradition von Spielbergs „Duell“ (1971) und dessen Abklatsch „Der Teufel auf Rädern“ (1977) dämonisiert wird. All dies geschieht stets aus der Perspektive des Jungen, der sich im Laufe der Handlung somit einen massiven Wissensvorteil gegenüber den Erwachsenen ausspielt.

Das führt streckenweise zu einem raffinierten Spiel mit den Regeln des Suspense. Gerade beim Besuch einer Westernstadt für Touristen werden gekonnt Situationen erzeugt, in denen die Gefahr, umgeben von Schaustellern in Cowboy-Verkleidung, aus dem Grenzbereich zwischen Spiel/Fiktion und Ernst/Realität heraus derart verschleiert werden, dass man selbst als Zuschauer nicht mehr genau sagen kann, welche Reaktion auf das Leinwandgeschehen gerade angemessen ist. Ebenso überzeugt eine später folgende Seek-and-Hide-Sequenz durch den Einsatz langer, statischer Distanzaufnahmen, in denen die Flucht- und Schleichwege von Jäger und Beute regelrecht kartografiert werden.

Andere Szenen wiederum wirken dafür recht episodisch, insbesondere jene um eine zuckersüchtige Babysitterin, deren Undiszipliniertheit nicht nur sie selbst, sondern auch den Jungen in eine äußerst missliche Lage bringt. In solchen autarken Abschnitten werden Comic Reliefs bemüht, die nicht unbedingt vonnöten gewesen wären, weil sie eher von dem zentralen Katz- und Mausspiel ablenken, das sich zwischen dem Killer und dem Jungen keineswegs nur auf der instinktiven Ebene abspielt, sondern auch auf einer unausgesprochenen intellektuellen Ebene, die sich in den kalten Blicken in beide Richtungen widerspiegelt.

Für einen finalen Twist, der eigentlich nur auf zweiten Blick so bezeichnet werden kann, ist natürlich auch noch Platz. Derartige Höhepunkte inszeniert Richards stets mit den filmtechnischen Entsprechungen eines Paars aufgerissener Augen – Zeitlupen, Gegenschnitte und den zwischen Stille und volle Pulle pendelnden Soundtrack von Dana Kaproff inbegriffen.

Seine reißerische Wirkung, die in den Geltungsrahmen von Zehngroschen-Pulp-Magazinen aus der Tankstellen-Magazinablage hineinreicht, gewinnt „Death Valley“ auch gerade durch sein Nebeneinander aus lautstark angeleiteten Verrücktheiten und sprödem Familiendrama aus der Patchwork-Kiste, gepaart mit der nüchternen Aufmachung eines Wüstenthrillers, der sich nicht entscheiden kann, ob er ins Vorabendprogramm gehört oder im Nachtprogramm versteckt werden müsste. Das ist natürlich weder Fisch noch Fleisch. Zudem sollte man wohl keine generelle Aversion gegenüber Hauptrollen pflegen, bei denen es sich um besserwisserische Zehnjährige handelt, wobei Peter Billingsley durchaus einen der markanten Sorte abliefert. Ein wahrlich Misstrauen erregender Stephen McHattie in Hochform und der doppelbödige Handlungsverlauf entschädigen aber für jede Schwachstelle, die sich aufgrund der äußerst ungewöhnlichen Schwerpunktsetzung ergibt – und inmitten all der Slasher, die zu Beginn der 80er Jahre entstanden, ist dies nun mal einer der wenigen, die konsequent ihre eigene Linie verfolgten.

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