Review

Nachdem Roy Ward Bakers "Asylum" wieder eine eher britische Note in die Amicus-Horroranthologien gebracht hatte (Nebel, gedämpfte Farben, Weichzeichner, düster-ernste Stories), stand mit "The Vault of Horror", der sechsten Anthologie, im darauffolgenden Jahr wieder das comichaft-makabre Sujet von Freddie Francis an, quasi die Fortsetzung von "Tales from the Crypt". Man orientierte sich also wieder an William Gaines "EC"-Comics mit ihren moralisch-fiesen Pointen, die böse Menschen trafen, allein Francis war nicht verfügbar, also überantwortete man den Regiestuhl für das Quasi-Sequel erneut an Baker, der vielleicht nicht so überbordend comichaft eingestellt war, aber das Material durchaus adäquat umzusetzen wußte.

Allerdings haben die fünf ausgewählten Stories den leichten Nachteil, daß sie eben zumeist auf eine spezielle Pointe hinauslaufen und bis dahin zumeist nur bemühten Spannungsaufbau betreiben, was nicht in jedem Fall wirklich funktioniert.

Eröffnet wird der Reigen mit der unvermeidlichen Vampirstory, in der ein Erbschleicher und Mörder seine Schwester zwecks Entsorgung aufstöbern läßt. Erst meuchelt er den "Privat Eye", dann greift er in der üblich-einsamen Kleinstadt zum langen Messer, tunlichst ignorierend, daß es hier schon 17 blutleere Körper aufzufinden gab. Natürlich kommt ein Mörder nicht ungeschoren davon, aber bis es zum vielzitierten und gruselig-makabren Schlußbild kommt, braucht die Episode etwas an Anlaufzeit, hat dann aber ein paar geschmackvolle Momente in Richtung von "Tanz der Vampire". Die Blutsauger per se sind allerdings mehr als albern, denn offenbar hat man die billigsten Fangzähne genommen, die sogar auf einer Kinderparty verächtlich in die Ecke geworfen würden.

Daß Erzkomödiant Terry-Thomas die zweite Episode erzählt, sollte uns schon zu denken geben, tatsächlich gibt es in Runde 2 nichts Übernatürliches, nur einen spätverheirateten Junggesellen (eben ihn!), der unter einem Ordnungsfimmel leidet und damit sein "spätes Mädchen" langsam aber sicher in einen Aufräum- und Nichts-berühren-Wahn treibt. In der leidlich amüsanten Groteske fällt besonders eine Sequenz auf, die auch Loriot gesehen haben muß, als er "Das Bild hängt schief!" konzipierte und auch hier haben wir einen kurzen, aber heftigen Gewaltausbruch, dem wieder eine makabre Pointe folgt - generell ist Baker also trefflicher in der Spur, die Vorlagenvorgaben einzuhalten.

Für Germans ganz lustig ist dann der "indische Seiltrick" aus Episode 3, den ausgerechnet Kuddl Jürgens einer jungen Inderin abkaufen will, deren Vater er zuvor als Scharlatan entlarvt hat. Das geht nicht gut, noch weniger als er die junge Dame mit seiner Gattin meuchelt. Aber wenn ich mir schon ein magisches Seil aneigne, sollte ich damit umgehen können.
Jürgens ist gut drauf und spricht ein schöneres Englisch als so manche Briten im Cast, die Story aber ist relativ vorhersehbar. Ordentlich gelungen ist das "wirework" mit dem Seil, wenn auch ein handdickes Seil nun nicht eben wie eine Peitsche klingen kann.

In Runde 4 wird sich wieder vom Übernatürlichen abgewandt, hier haben wir mal wieder eine fiese kleine Dramageschichte, wie sie auch in Henry Slesars seliger Krimistunde gut untergekommen wäre. Die Story von dem Versicherungsbetrüger, der sich mittels Medikamente für tot erklären läßt, um sich von einem "guten Kumpel" wieder ausgraben zu lassen. Kurz und schmerzhaft ist diese Episode, dafür aber randvoll mit unterhaltsamen Wendungen, die man heute ggf. schon kennt, die aber trotzdem Spaß machen.

Die längste Story folgt zum Schluß, hier ist (mal wieder) Voodoo im Einsatz, als sich ein Südseemaler mittels magischer Malhand an den Leuten rächt, die sich unbekannterweise an seinem unentdeckten Ruhm bereichert haben. Auch hier ist (wie bei "Totentanz der Vampire") ein kommender Dr.Who-Darsteller mit Tom Baker im Einsatz, der als einer von wenigen hier das erreicht, was die übrigen Protagonisten vermissen lassen: Strahlkraft. Mit dabei übrigens auch mal wieder Denholm Elliot, der hier übrigens ganze vier Sätze spricht - so eine Job hätte ich auch gern.
Daß die Pointe nicht eben überzeugen kann - spätestens als der Künstler ein Selbstportrait ohne Not malt, wissen wir, daß er sich damit sein eigenes Grab schaufelt - ist geschenkt, reizvoller sind die netten Frühsiebziger-Straßenszenen mitten aus London.

Der Kreis schließt sich dann mit der Rahmenhandlung, die praktisch eine Kopie derer von "Tales from the Crypt" ist (oder ein naher Verwandter), die man aber genauso eben erwartet - ein wenig unspektakulärer als beim Vorgänger.

Roy Ward Baker kann seinem Kollegen also recht ordentlich folgen und kriegt wieder einen enorm schwarzhumorigen Film hin, der ein paar deftige Schlußgags mitbringt, die fünf Jahre vorher vielleicht noch nicht in dieser Form gegangen wären (weswegen diese auch in manchen Ländern umgeschnitten wurden), die aber mit einem Weinchen ein echter Genuß sind.
In Würde gealtert, hat sich die Reihe auch mit der sechsten Auflage in der Qualität gehalten - nur das Fehlen von Serienstandard Peter Cushing (übrigens das einzige Mal) fällt Genrefreunden vielleicht negativ auf.
Ein Jahr später stand dann mit "Die Tür ins Jenseits" die vorerst letzte Anthologie an (ein letzter Nachzieher folgte erst 1980/81), dann fielen auch für die britischen Traditionsfirmen langsam die letzten Vorhänge. (7/10)

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