Der Sänger Marc Stevens kommt gerade von seiner alljährlichen Vorstellung im vorweihnachtlichen Altersheim, als er im Wald vom Weg abkommt. Ein Einheimischer bringt ihn zu einer Unterkunft bei Bartel, der ehemalige Humorist gibt sich als quasi Kollege unter Entertainern aus. Kaum kehrt Marc ihm den Rücken, bedient der sich frech und frei an seinem Gepäck im Auto. Bereits dort beschleicht den Zuschauer ein ungutes Gefühl darüber, was Marc nach seinem Spaziergang blüht, zumal sich nach Sichtung der schrägen Hinterwäldler der Gegend der alte Kauz Bartel als Gastfreund aufdrängt. Und dann ist da noch Boris, der ständig verzweifelt nach seinem Hund sucht, vermutlich schon seit Wochen, Monaten oder Jahren. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu ahnen, dass die Situation bald umschlägt und eine französische Variation von Geiseldramen wie „Misery“ oder „Hide And Seek“ entsteht. Der Unterschied ist allerdings die weitgehende Humorlosigkeit, mit der Regisseur Fabrice du Welz das fiese Drehbuch vorträgt, daran ändern auch groteske zwischenmenschliche Einschübe nicht viel. Keine überdrehten Figuren und keinen unterhaltsamen Soundtrack im Hintergrund besitzt „The Ordeal“, sondern nur bedrückende Stille, Umgebungsgeräusche und hinterhältige Dialoge. Da wird der Zuschauer auch mal mit dem Gewimmer von Marc allein gelassen, es muss nicht immer Texas und schon gar nicht die Kettensäge sein, um verstörende Momente zu inszenieren. Dies ist ein waschechter, stellenweise übel gelaunter Sicko aus Europa, der sich einen Verweis an das Gastmahl in Tobe Hoopers 1973er Werk nicht nehmen lässt. Statt auf plakative Metzelszenen setzt du Welz auf bestialisches Verhalten, untermalt vom Geschrei eines Schweins, die ländliche Stimmung ist dreckig, die Kamera ausgenommen gut. Zu der brillanten Stimmung, die „The Ordeal“ erzeugt, tragen auch und vor allem die guten Darsteller bei, neben einem ganzen Haufen Charaktergesichtern gibt Philippe Nahon („Menschenfeind“) einen der Locals und in einer kleinen Nebenrolle ist Sleaze-Ikone Brigitte Lahaie als Pflegerin zu sehen. Die Hauptrolle verkörpert Laurent Lucas nahezu perfekt, egal ob mit blumigen Chansons oder totaler Verzweiflung.
Fazit: Bösartiger Sicko-Thriller, der leider neben reißerischen Beiträgen wie „High Tension“ ein Schattendasein fristet. 8/10 Punkten