Review

Die Inhaltsangabe von „Calvaire“ deutet auf einen weiteren Slasher hin. Eine bekannte Thematik (Auto funktioniert nicht mehr usw.), hat man doch alles schon x-mal gesehen. Doch „Calvaire“ hebt sich zu einem Zeitpunkt ab und verbindet geschickt Horror mit Humor.


Marc Stevens (Laurent Lucas) singt auf Partys und Festivals. Sein Publikum ist immer jenseits der 50. Sie sind verrückt nach seinen Schnulzensongs und wollen auch mal Marc direkt an die Wäsche. Doch Marc hat kein Interesse an alten Frauen und zieht von Stadt zu Stadt. Im Süden Belgiens soll er zu Weihnachten auftreten. Dort wird Marc nie ankommen. Irgendwo in der wallonischen Provinz streikt Marcs Auto. Marc begegnet dem leicht verwirrten Boris, der seinen Hund Bella sucht. Boris bringt Marc zu Bartel (Jackie Berroyer), dem ein kleines Hotel gehört. Als Bartel mitbekommt, dass Marc Künstler und Sänger ist, ist er hellauf begeistert und will Marc Auto reparieren. Als Marc Bartrl noch ein Ständchen bringt und dieser sich an seine Frau Gloria zurückerinnert, die ihn verlassen hat und sein Leben von da an nicht mehr so war wie vorher, will Bartel Marc am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Gesagt, getan. Bartel demoliert das Auto von Marc, schlägt ihn nieder. Als Marc aufwacht, ist Gloria wieder da. Für Bartel ist Marc (mittlerweile in Glorias Kleid und mit neuer Frisur) nun Gloria...


Zunächst denkt man, Fabrice du Welz kopiert nur das, was wir schon in unzähligen Filmen gesehen haben. Der Hauptdarsteller landet irgendwie in der Provinz, sein Auto funktioniert nicht, die freundlichen Dorfbewohner (oder maximal der Dorfbewohner, der andere ist psychisch eh nicht auf der Höhe) hilft ihm, bis er doch sein wahres Gesicht zeigt.
Spätestens hier macht du Welz’ Film einen Knick, denn diesmal kommt eine große Prise Humor hinzu. Die Person des Bartel ist irre, natürlich, doch ist es diesmal nicht so stark ausgeprägt wie in den Dutzenden anderen Filmen. Die Person Bartel wirkt trotzdem weiterhin sympathisch und sobald „Gloria“ wieder da ist, ist Bartel wieder der Alte von früher, lustig und voller Lebensmut. Schon allein die Vorstellung, dass Bartel nun mit Marc/Gloria in einem Bett schläft, kann man ein gewisses Schmunzeln nicht verbergen.

Doch „Calvaire“ bietet noch eine ganze Reihe von weiteren grotesken und fast surreal anmutenden Bildern und Personen. Fabrice du Weiz benutze hier, wie mittlerweile fast üblich, eine Digitalkamera und so sieht das Bild auch aus. Gestochen scharf, fängt er selbst wunderbare Winterbilder ein, für die Südbelgien ja nicht wirklich bekannt ist.
Richtig humorvoll wird es dann, wenn Bartel Marc warnt, doch nicht runter in das Dorf zu gehen, die Bewohner sind doch etwas...na ja, wie auch immer. Marc geht trotzdem und schnell muss er erkennen, dass Bartel recht hat (welch eine Ironie für den Film, wenn der Verrückte vor den Verrückten warnt). Auch dieses Dorf beherbergt scheinbar keine Frauen, so dass Schweine für den alltäglichen gebrauch herhalten müssen.
Anführer dieser Dorfbewohner ist kein geringerer als Phillipe Nahon. Nahon kennt natürlich jeder, der sich nur ein wenig für das französischsprachige Kino interessiert. Nahon ist fast ein Hauptdarsteller für Gaspar Noé und die seltsamen Rollen scheinen immer für ihn reserviert. Das sahen wir in „Seul contr tous“ und auch in „Haute Tension“. Zumindest der Splatterfraktion dürfte Nahon jetzt endgültig ein Begriff sein, schade, nur, wenn es nur in diesem Kontext wäre.

Auch diese Dorfbewohner sind irre, doch wirken sie weitaus unsympathischer als Bartel. Höhepunkt ist ein grotesk und schwer verdaulicher Paartanz in einer Kneipe. Ein Bewohner spielt surreale Musik auf einem Klavier und die restlichen Bewohner (bis auf Nahon) steigern sich in einen rauschartigen Paartanz. Dabei wirken die Bewohner schon nicht mehr menschlich, sondern schon fast wie Zombies.

Hat man noch irgendwie den Eindruck, zumindest diese (irren) Bewohner sollten doch erkennen, dass Marc Marc ist und nicht Gloria, so ist man auch hier auf der falschen Fährte. Spätestens wenn Nahon mit „Shut up Bitch“ anspricht, weiß der Zuschauer und Marc, auch hier ist keine Hilfe zu erwarten. Schlimmer noch, auch Nahon schien mal was mit Gloria zu haben und nun ist sie zurück.

Dies sind nur einige Beispiele von „Calvaire“, der in einem furiosen Finale ändert aber nicht in das übliche Klischee verfällt, die Polizei kommt, alles wird gut. Man hat hier eher den Eindruck, dieses wallonische Dorf ist komplett von der Außenwelt Belgiens abgeschnitten und lebt in seiner eigenen Welt.


Fazit: „Calvaire“ ist meiner Meinung nach ein Film, den man sich vielleicht noch 2-3 mal anschauen muss und der erst später den Respekt bekommen wird, den er verdient. Denn „Calvaire“ ist alles andere als eine x-te Backwoodslahser Kopie mit dummen Teenys, dafür sind die Schauspieler schon einfach zu gut und die Thematik mal komplett anders.
„Calvaire“ sei denen empfohlen, die sich für Backwoodfilme interessieren, aber mal was neues sehen wollen. „Calvaire“ wird seinen Weg gehen, denn schon heute sehe ich ihn anders als gestern, als ich ihn gesehen habe. „Calvaire“ ist es sicherlich wert, noch einige male angeschaut zu werden, um seine komplette Wirkung zu entfalten.

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