Eine Autopanne in einem abgelegenen Waldstück zwingt den reisenden Sänger Marc Stevens, die Nacht im Hotel eines gewissen Monsieur Bartel zu verbringen, einem mehr als seltsamen Kauz. Dort lernt er Boris kennen, eine scheinbar etwas zurückgebliebene Person, der auf der Suche nach seinem verloren gegangenen Hund ist. Bartel, von Marc begeistert, dass er ein Künstler ist, sei er doch früher selber einer gewesen, als seine Frau noch lebte. Deshalb will er ihm sein Auto reparieren. Nachdem Marc abends Bartel seine Sangeskünste vorträgt, sieht er plötzlich in dem Sänger seine Frau und will ihn nicht mehr fortlassen. Für Marc beginnt eine Zeit in gewalttätiger Grausamkeit...
So, Freunde des unkonventionellen Geschmacks, hier habt ihr ihn, den ultimativen Schlag in die Backwood-Fresse, was mir so in den letzten Jahren untergekommen ist.
"Calvaire" ist DEFINTIV kein Film für das verwöhnte Popcorn-Kino. Er bietet einen sehr langen Einstieg, kommt gänzlich ohne Score aus, zu keiner Zeit entstehen Spannungsmomente, da das Opfer kein Held ist, alles erträgt und es gibt auch kein versöhnliches Ende.
Hier wird mehr auf psychologische Langzeitdauer der Zuschauer zermürbt anstatt mit Splatter-Effekten für den direkten Moment.
"Calvaire" hat einen sehr ruhigen Einstieg, die ersten 45 Minuten passiert nichts. Man lernt die (bis dato) normalen Charaktere, die Herberge und die nasskalte nebelverhangene Waldlandschaft kennen - und aha, man sieht: diese Herberge ist am Arsch der Welt.
Unterbrochen wird diese lange Einführung nur durch einen Spaziergang Marcs, der eine Gruppe Einwohner in einer Waldhütte hört (vor denen Bartel gewarnt hat, er solle keinesfalls ins Dorf gehen, da sie alle "böse" seien). Als er sich ranschleicht, stellt er entsetzt fest, dass um die herumstehende Menge sich einer von ihnen an einem Schwein vergeht. Diese sexuelle Handlung wird zwar nur angedeutet dargestellt, reicht aber schon dem Zuschauer eins gehörig vor die Latz zu buttern. Das Quieken des Schweines (das noch öfters im Film benutzt wird) unterstreicht diese Szene ungeheim.
OK, Marc geht zurück, Bartel hat ihn ja gewarnt, und sagt von dieser Sache nichts. Weiter geht´s mit der Einführung.
Bei dem gesungenem Ständchen verwandelt sich Bartel in eine Art "Norman Bates", nimmt Marc als Gefangenen bzw. Ersatzfrau und langsam aber sicher dreht der Film sich um 180 Grad und strahlt nur noch puren Terror und grotesken Wahnsinn menschlichen Verhaltens aus.
Ab hier entwickelt sich nichts auch nur ansatzweise wie erhofft oder erwartet. Marc ist kein Held, oder entwickelt Superkräfte, er wird in Frauenkleider gesteckt und wird als Bartel´s "Frau" die meiste Zeit "nett" behandelt. Mit der nötigen Härte wenn "sie" nicht spurt.
Er kann zwar einmal entkommen, wird aber wieder eingefangen und anschließend zur Bestrafung an ein Kreuz genagelt.
Als Zuschauer ist man der ganzen Sache hilflos ausgesetzt, man erträgt diese Demütigungen wie Marc, der mittlerweile psychisch am Ende ist. Die gefühlte Spannung geht gegen die Null-Grenze, aber im Unterbewusstsein brodelt es schon, nur man weiß es noch nicht...
Danach verkommt Marc immer mehr zum Statist und fällt nur noch durch Schreien und Wimmern auf, manchmal ist man als Zuschauer minutenlang diesem Wimmern ausgesetzt.
Irgendwann macht sich Bartel zur Dorfkneipe auf, die Einwohner bis dahin (bis auf die Sodomie-Szene) absolut gesichtslos, und erhofft sich etwas mehr vom Charakter der Hillbillies zu erfahren. Leider nein, diese Szene endet in einem bizarren Tanz, wirft noch mehr Fragen auf und zerrt noch mehr an den Nerven, aufgrund des Verhaltens der Lokal-Gäste, das viel verwirrender ist wie das von Bartel.
Enden tut "Calvaire" in einem furiosen Finale, in dem die Hillbillies Bartel´s Herberge aufsuchen, um ihn platt zu machen. In der leichten Hoffnung, dass für Marc endlich Hilfe kommt und die Einwohner eben nur einen mächtig an der Klatsche haben und lieber mit Schweinen als mit Frauen vögeln, entwickelt sich natürlich wiederrum anders.
Ohne noch mehr von der Story zu erzählen: Marc muss eine Vergewaltigung (die auch nur angedeutet wird) über sich ergehen lassen, doch kann er sich befreien und flüchten. Die Rednecks nehmen seine Verfolgung auf...
Nach dem Abspann sitzt man erstmal da wie versteinert, versteht gar nicht, was für ´nen langweiligen, kranken Scheiß man sich da angesehen hat und ärgert sich immer noch über die sehr lange Einführung. Zumindest war es bei mir so...
Nach und nach, je länger man über "Calvaire" nachdenkt (und wenn es Tage dauern sollte) wird alles klarer. Ob man das Nachdenken nun selber will oder nicht. Der Film wird einen verfolgen. Und genau da entfaltet sich die Genialität, was diesen Film ausmacht.
--------SPOILER--------------
Dass zwecks Frauenmangel über die Jahre hinweg, in dem Dorf, abgekapselt von der restlichen Welt, sich die Psyche der Einwohner so dramatisch geändert haben muss, dass sie bei jedem gepflegten Fremden (Marc schminkt sich auch für seine Auftritte), sich einbilden, dass diese Person eine Frau wäre. Das hat bei mir zwei Tage gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis kam...
-----SPOILER ENDE-----------
FAZIT:
Ich hab gedacht, ich wäre abgebrüht und hätte schon alles gesehen, nichts könne mich mehr schocken. Bis "Calvaire" kam. Der eigentliche Film ist langweilig und zu bizarr, aber die Nachwirkungen auf die Psyche des Zuschauers, ist es, was dieses Produkt zum krankesten und genialsten Sicko macht, weit weg vom Mainstream, der durch Terror und Wahnsinn stark an den Nerven zerrt, selbst bei eingefleischten Genre-Fans. Leute der gepflegten Unterhaltung sollten aber besser das Weite vor diesem Film suchen.
Sehr verwirrend abgedreht, erschließt sich nach und nach jede einzelne Genialität des Filmes. Ein krankes Meisterwerk !
10/10