Den Backwood-Slasher wird man wohl nicht mehr neu erfinden, auch „Calvaire“ tut dies nicht. Immerhin bietet er ein paar der gängigen Zutaten und glücklicherweise auch ein paar recht seltene.
Aber so richtig überzeugen konnte mich der von Regisseur Fabrice Du Welz ins Leben gerufene Leidensweg nicht.
Vielleicht stellt mich der Mainstream-Slasher zu leicht zufrieden, als dass ich mit diesem unbequemen Stück Film wirklich etwas anfangen konnte. Das mag natürlich auch durch die entsprechende Erwartungshaltung gestützt werden, denn explizite Gräueltaten im Sinne von „Hostel“ oder „Wolf Creek“ darf der Zuschauer hier nicht erwarten.
Etwa 45 Minuten der Laufzeit geht es Hauptfigur Marc (Laurent Lucas) vergleichsweise gut.
Er ist als Unterhaltungskünstler unterwegs, als Schlagerbarde, der soeben die Bewohner eines Altenheims verzückt hat.
Doch auf dem Weg zum nächsten Auftritt verirrt er sich, zudem macht sein Van schlapp.
Er findet das Hotel von Bartel (Jackie Berroyer), der ihm verspricht bei der Reparatur seines Wagens zu helfen.
Alles scheint super, doch dann hält der alte Hotelier Marc fest, weil er ihn für seine verschwundene Frau Gloria hält. Und dann gibt es noch die degenerierten Dorfbewohner…
Hier ist nichts, wie es scheint, auch wenn der ansprechende Beginn den typischen Backwood-Slasher einzuläuten scheint.
Es regnet, Wagen macht schlapp, alle sind überaus freundlich zur Hauptfigur, Künstler tauschen einander aus (Bartel war früher Komödiant, seine Frau Gloria Sängerin) und kein bedrohlich klingender Score erklingt, - im Verlauf erklingt nur einmal Musik, dazu aber später.
Für eine Einleitung verdammt zäh und umso enttäuschender, weil danach nichts folgt, was irgendwie an die Substanz des Zuschauers geht, weder graphisch noch gedanklich.
Trotz langen Vorlaufs wird man mit Hauptfigur Marc nicht warm, er bleibt zu blass und nichts sagend.
So ist sein Martyrium (inklusive am Kreuz hängen und seinem Peiniger im letzten Moment zu verzeihen), zwar gespickt mit biblischen Symbolen, aber zu keiner Zeit nervenaufreibend.
Marc wird von Bartel für Gloria gehalten und entsprechend behandelt, die Haare werden gestutzt, Frauenkleider angezogen, Beischlaf durchgeführt (nur angedeutet), bis sich herausstellt, dass einige Dörfler mit der wahren Gloria auch mal was gehabt haben müssen. Prompt fallen sie gegen Ende auch noch über Marc her.
Das Dorf ist also so isoliert von der Außenwelt, dass jeder Fremde sogleich für eine Frau gehalten und gefickt wird, - immer noch besser als die Schweine im Stall, was dem Zuschauer (ebenfalls in einer Szene mit Andeutungen) näher gebracht wird.
Oder herrscht da eine Massenpsychose? Bis zum Ende erfährt man es nicht genau, viele Fragen bleiben unbeantwortet und der Zuschauer darf ordentlich interpretieren, warum eine Handvoll Dorfbewohner so krank handelt.
Die Thematik ist zwar grotesk, doch den vielfach gepriesenen, schwarzen Humor konnte ich nur in einer Szene entdecken.
Da sind die Dörfler in ihrer Kneipe versammelt und aus der Stille heraus setzt sich ein Typ ans Klavier, um den düstersten und schrägsten Walzer seit Filmgedenken anzustimmen. Dazu erheben sich die krummen Typen lautlos und tanzen Paartanz mit einer Haltung wie rivalisierende Hirsche, die sich gleich attackieren wollen.
Keine Ahnung warum, aber die Szene ist mir im Gedächtnis haften geblieben, während mich der Rest beinahe unberührt ließ.
Dabei hat Du Welz mit seinem Debüt auf ordentliches Handwerk gesetzt und erfüllt dieses auch ziemlich ansprechend.
Die Kamera arbeitet in der ersten Filmhälfte recht unauffällig, doch in der zweiten wird mit Drehungen, Close Ups und raffinierten Blickwinkeln gearbeitet.
Farbfilter werden stets passend eingesetzt, besonders die kalten Blaufilter unterstreichen die Tristesse innerhalb der Einöde, wenn Marc einmal mehr einen Fluchtversuch durch die einsamen Wälder unternimmt.
Es fällt zwar eklatant auf, dass einmal Schnee liegt und in der nachfolgenden Szene nicht mehr, aber das mag eher den surrealen Touch unterstreichen und nicht als Unzulänglichkeit ausgelegt werden.
Es gibt schon einige Szenen, die eine dichte Atmosphäre aufweisen und stimmungsmäßig als auch inhaltlich finden sich einige Parallelen zu Kings „Misery“.
Nur leider nicht annähernd so spannend.
Das mag einmal mehr an der Hauptfigur liegen, die im Verlauf zwar viel herumweint, aber nie wirklich Mitleid hervorruft.
Auf der anderen Seite bleiben seine Peiniger zu oberflächlich, ihre Motive zu wenig greifbar.
Die üblichen, ungepflegten Rednecks eben, die nur die nötigsten Worte sprechen, sich ansonsten durch Blicke verständigen und durch sexuelle Missorientierung definieren.
Man mag viel in die Geschichte hineininterpretieren, Tatsache ist aber, dass sie verdammt tempoarm erzählt wird und nur selten die Gefühle des Betrachters in Beschlag nimmt.
Mit einem gängigen Redneck-Drama verbinde ich nun mal Nervenkitzel und Mitfiebern und das blieb mir, trotz ansprechender Inszenierung und guten Darstellern, leider versagt.
5 von 10