Review

"Calvaire - Tortur des Wahnsinns" zählt zu jenen seltenen Horrorfilmen, die ein wenig frischen Wind in das für gewöhnlich eher unkreative Genre bringen. Mit Gewalt- und Folterorgien a la "Inside" und "Hostel" hat Regisseur Fabrice du Welz nichts am Hut. Stattdessen setzt er voll auf eine von Beginn an grotesk anmutende, intensive Atmosphäre, indem er einen herumreisenden Schlager-Sänger vor den lüsternen Senioren eines Altersheims auftreten lässt. Dieser strandet bei Nacht und Nebel schließlich in einer abgelegenen Herberge, nicht wissend, welch durchgeknallte Bewohner ihn dort mitten im Nirgendwo erwarten. Jedenfalls hat man dort kein Problem, sich gemeinschaftlich an armen Schweinchen zu vergehen oder auch mal tagelang zombieähnlich umherzuirren auf der Suche nach dem verschwundenen Hund(schwein). Zum ernsten Problem wird jedoch zunächst der kaputte Herbergsvater, der im musikalisch begabten Neuankömmling seine davongelaufene Frau zu sehen glaubt...

Klingt bizarr? Da ist es in der Tat! Und genau aus diesem Grunde kann "Clavaire" bei mir punkten. Auf Bluteffekte wurde nahezu vollständig verzichtet, ebenso auf klassische Schockszenen. Du Welz setzt hingegen voll auf eine beklemmende Atmosphäre, die auch sehr überzeugend rüberkommt. Die nebligen, düsteren Wälder vermitteln ein ausgezeichnetes Gefühl der Hilflosigkeit, jede normale Zivilisation scheint hunderte Kilometer entfernt, ein Entkommen unmöglich. Beinahe schon ans Surreale grenzende Momente wie die durchweg in rot gekleideten Kinder, die improvisierte Kreuzigung und die einen absurden (Klavier)-Tanz aufführenden Dorfbewohner zählen innerhalb der zum schneiden dicken Atmosphäre zu den absoluten Highlights des Film. Gebannt verfolgt man das irre Treiben. Da verzichtet man auch gern auf unnötig ausgetretene Gewaltszenen, wie sie heute praktisch Standart sind.

Etwas schade ist jedoch, dass die Geschichte insgesamt dünn bleibt und keine echten Überraschungen bereithält. Normalerweise ist dies im Horrorgenre natürlich kein Beinbruch, da "Calvaire" jedoch praktisch jeglicher Schockszenen entbehrt, lässt sich die im Grunde banale Story hier doch monieren. Einen Cliffhanger zum durchaus überraschend auftretenden Ende gibt es trotz hoch atmosphärischer Hetzjagd leider auch nicht. Für den ein oder anderen Zuschauer könnten diese Aspekte sicherlich bereits das "Aus" für den Film bedeuten.
Zum Glück kann die wirklich geniale Stimmung des Films jedoch im Einklang mit den finsteren Schauplätzen und einigen wirklich tollen bizarren Highlights die Schwächen in der Storygestaltung sehr gut kaschieren. Auch die tolle schauspielerische Leistung von Protagonist Laurent Lucas trägt hierzu ihren Teil bei. Mit jeder Faser seines Körpers scheint er die Tortur des Wahnsinns zu fühlen.

Fazit: Ein abgedrehtes, unkonventionelles Stück (Horror)Film an der Grenze zum Thriller, das zweifellos nicht jedem gefallen wird. Wer jedoch offen ist für neue Erfahrungen, der bekommt hier einen echten Leckerbissen des sprichwörtlichen Wahnsinns serviert - dessen Wiedersehwert jedoch aufgrund der dünnen Story und den quasi nicht vorhandenen Effekten etwas dürftiger ausfällt. Dafür können Darstellerleistungen und Technik voll überzeugen.

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