Neben "High Tension, Inside" oder "Frontier(s)" kommt "Calvaire" kaum zu Geltung, obwohl er auf vielen Filmfestivals ordentlich Preise abräumte. Krampfhaft versucht sich Fabrice du Welz (Vinyan) vom mainstreamigen Backwood-Horror abzuheben, leider inklusive aller Klischees und auch das Erzähltempo lässt zu wünschen übrig. Nur die vielseitige Kamera von Benoit Debie fällt sofort ins Auge. Besonders in der zweiten Halbzeit weiss Debie mit diversen Einstellungen und Farbfiltern eine bedrohliche Atmosphäre zu kreieren.
Der Alleinunterhalter Marc Stevens (Laurent Lucas) tourt durchs Land und hält sich mit kleinen Auftritten über Wasser. Nun hat er eine weite Fahrt vor sich, in drei Tagen soll er auf einer Weihnachtsfeier auftreten. Doch sein Kleinbus macht mitten in der Pampa schlapp, doch Marc kommt in der heruntergekommenen Herberge des scheinbar freundlichen Bartel (Jackie Berroyer) unter. Doch der tickt nicht mehr ganz richtig und hält Marc für seine damals weggelaufene Frau Gloria. Plötzlich ist Marc Gefangener in der abgelegenen Herberge und muss Höllenqualen durchstehen.
Auch Fabrice Du Welz arbeitet erst alle gängigen Klischees ab, bevor er zum wesentlichen kommt. Marcs Fiat Ducato hat mitten im Wald eine Panne, plötzlich taucht der dubiose Boris (Jean-Luc Couchard) auf, der im Wald seine Hündin Bella sucht. Er bringt Marc zu Bartels Herberge, die natürlich mitten im nirgendwo liegt. Ein kaputtes Telefon, kein Netz, also das Übliche. Bartel gibt sich erst sehr hilfsbereit, verspricht Marcs Wagen zu reparieren und gibt ihm Essen und ein Zimmer. Leider geht von Bartel keinerlei Bedrohung aus, der alte Kautz wirkt einfach zu freundlich. So dümpelt "Calvaire" ungefähr vierzig Minuten vor sich hin, bis Bartel auf einmal ausflippt.
Dies geschieht sehr plötzlich und Jackie Berroyer verkörpert die Wandlung sehr glaubwürdig. Bartel fackelt den Kleinbus ab, schlägt Marc nieder und fesselt ihn. Desweiteren rasiert er Marc die Haare ab, zieht ihm Frauenkleider an und nach einer misslungenen Flucht hängt er ihn ans Kreuz. Jedoch artet "Calvaire" nie aus, ausser einem blutigen Einschuss gibt es keine Szenen, an denen sich der Gorefan laben könnte. Zwar bekommt Marc sogar einen Nagel ins Handgelenk geschlagen, doch dies ist kaum zu sehen. Aber diverse Bluteffekte braucht man auch nicht, um sich bei solch einem Werk zu unterhalten. Fabrice Du Welz setzt mehr auf Atmosphäre und seine ungemütlichen Sets lassen kaum zu wünschen übrig.
Wären da noch die seltsamen Dorfbewohner, angeführt von Robert Orton (Philippe Nahon). Die amüsieren sich in ihrer Freizeit mit Schweinen und tanzen in einer üblen Spelunke zu sehr gewöhnungsbedürftiger Klaviermusik. Aber dem Zuschauer fehlen Hintergrundinfos, nur der bestehende Twist zwischen Bartel und Robert wird erläutert. Doch warum sich die Leute hier so seltsam benehmen, bleibt weiter fraglich. So behandeln auch sie Marc wie eine Frau und wollen ihn sogar vergewaltigen. Und gerade solch eine Sequenz wirkt sehr verstörend, das Finale steuert auf einen ungemütlichen Ausgang zu, bleibt aber auch zu offen.
So erfahren wir auch zu wenig über Bartel selbst, nur dass seine Frau Gloria ihn verlassen hat und er selbst einmal Alleinunterhalter war. Auch Boris bleibt nur eine fragwürdige Randfigur, mit der der Zuschauer kaum etwas anfangen kann. Seine Hündin Bella entpuppt sich später als Ziege und er scheint der einzige Freund von Bartel zu sein.
Trotz aller Mankos, die Darsteller machen ihre Sache astrein. Laurent Lucas hat hier einen schwierigen Part zu erfüllen, besonders in der zweiten Hälfte. Solch ein Martyrium ist wahrlich nicht einfach zu verkörpern. Aber sein Charakter ist kaum sympathisch, so fällt es dem Zuschauer deutlich schwerer mitzufiebern. Jackie Berroyer ringt sich ebenfalls eine starke Leistung ab, während Philippe Nahon ein wenig hinter seinen Möglichkeiten bleibt.
Trotz der durchaus kreativen Inszenierung ist und bleibt "Calvaire" nur ein gängiger Backwoodhorror, der immerhin mit überzeugenden Darstellern punkten kann. Doch die erste Halbzeit ist schlicht und einfach langweilig und kaum spannend. Natürlich steigert sich "Calvaire", aber hinterher sind auch zuviele Fragen offen.