Sicherlich einer der heute zu Unrecht wenig zitierten bizarren Filme, die die Welt des Films so reizvoll machen, ist Adrian Lynes "Jacob's Ladder", der bei uns leider immer noch unter dem reißerischen Titel "In der Gewalt des Jenseits" firmiert, womit der Plot-Twist auch schon halbwegs verraten worden ist, kaum dass man den Streifen irgendwo entdeckt hat.
Das ist umso trauriger, da alle Welt David Lynchs Filme als das Maß aller unerklärlichen Filme abfeiert, die den Zuschauer in eine uns fremde Welt entführen, die nicht zur Zufriedenheit aller erklärbar ist.
"Jacob's Ladder" spielt gar nicht mit so vielen Ebenen, sondern lässt in den letzten Szenen eigentlich nur zwei Schlüsse über das, was vorgeht zu, ist damit jedoch über die volle Laufzeit nicht weniger befremdend und abstrus.
Das liegt an der stets verwirrenden Montage der Bilder, die die Geschichte zusammenhalten, ihr aber nie einen festen Rahmen geben. Dazu trägt auch der damals noch sehr junge Hauptdarsteller Tim Robbins bei, der als Vietnamveteran Jacob Singer nach einer schweren Verwundung gleich zu Beginn später in der Heimat von Rückenschmerzen und immer schrecklicheren Visionen gequält wird und nach und nach der Idee erliegt, Opfer eines illegal getesteten Kampfstoffs geworden zu sein, dessen Nachwirkungen ihm eine dämonische Realität vorgaukeln.
Der Film beginnt, abgesehen von dem schrecklichen Angriff auf eine Vietnamkompanie gleich zu Beginn, dem Zuschauer zunächst entgegen, führt in ganz kleinen, fast unmerklichen Schritten in das Bizarre. Jacob hat seine Vietnamerinnerungen offenbar geträumt, findet sich in einer U-Bahn wieder, gewinnt von einer seltsam starrenden Frau keine Erklärungen und steigt schließlich in einer bereits geschlossenen Station aus, wobei ihm beim Verlassen des Zugs ein Penner auffällt, unter dessen Jacke etwas züngelt, was ein Reptilienschwanz sein könnte. Beim Versuch, an die Oberfläche zu gelangen, wird er fast von einem Zug überfahren, in dessen Rückfenster ihm eine schemenhafte Gestalt zuzuwinken scheint.
Er lebt mit seiner Freundin zusammen, hat Frau und zwei Kinder (ein weiteres bereits verstorben) verlassen (oder umgekehrt) und seine Arbeit als Postbeamter dient mehr der Betäubung. Von da an verschwimmt der Film zu einem Wirbel aus erschreckenden Bildern, bei denen nie klar wird, ob es Visionen, Todesahnungen, Halluzinationen oder Träume sind.
Ein Auto überfährt ihn beinahe, seine Kriegskameraden steigen aus einem angestrebten Prozess gegen die Army überraschend aus, auf einer Party umzüngeln Riesenschwänze seine tanzende Freundin und durchbohren sie, im Hintergrund stehen Gestalten, deren Köpfe mit übermenschlicher Geschwindigkeit rotieren, zucken und wirbeln.
Armyangehörige wollen ihn bedrohen, er landet im Krankenhaus. Als er das Bewusstsein verliert und zum Röntgen gebracht werden soll, fährt man ihn angeschnallt durch eine Vorhölle aus Slums, blutigen Körperteilen und bizarren Figuren, bis man ihm erklärt, dass er schon tot sei. Sein hilfreicher Chiropraktiker (Danny Aiello als engelhafte Gestalt) hilft ihm verschiedentlich aus mißligen Lagen und zu allem Überdruss lebt er mal bei seiner Frau und mal mit der Freundin zusammen, was er verschiedentlich als Traum deutet. Blitzlichtartige Ausschnitte seines Vietnamtraumas ergänzen das Rätsel.
Der Zuschauer wird hilflos wie Singer selbst in diesen Strudel hineingerissen, nimmt praktisch die Opferrolle mit ein. Lyne inszeniert das dazu in hoffnungslos ausgebleichten Farben, bisweilen durch das Sonnenlicht grell beleuchtet, aber dennoch wie entkräftet und blass wirkend, vornehmlich in braun und beige gehalten, wenn nicht eh im diffusen Zwielicht angelegt.
Erst auf dem letzten Fünftel bietet der Film eine Lösung an und das sogar recht deutlich und unterstreicht dies sogar noch in den letzten, überraschend ruhigen Bildern, bis ein Vietnamepilog mit Schrifteinblendung noch eine andere Möglichkeit offen lässt. Dem Zuschauer, der bis dahin durchaus verwirrt worden sein dürfte, bleibt die Wahl überlassen, bei der die letzten gefühlvolleren Szenen wie eine Erleichterung wirken, aber nie kitschig sind.
Die darstellerischen Leistungen sind ausgezeichnet, auch wenn sich diese komplett dem schrägen Plot unterordnen müssen. Als bereits verstorbener Sohn tritt übrigens Kevin-Darsteller Macauley Culkin auf, der jedoch mit seiner blonden Haarfarbe nie in die Familie passen will - möglicherweise ein Clou bezüglich seines Verstorbenenstatus.
Wer sich also mal wieder bei einem Film herzhaft unwohl und verfolgt fühlen will, der ist bei "Jacob's Ladder" hervorragend aufgehoben. Bizarr und jenseitig, ein Highlight des Genres, das eigentlich gar nicht dazugehören will. (9/10)