Eine Geschichte, die das Leben schrieb. Und es ist leider keine schöne Geschichte, im Gegenteil. Sie ist schrecklich, grausam, und erschütternd. Da der Film auf wahren Begebenheiten beruht und ich diese in den Text einfließen lasse, sind im Folgenden einige Spoiler leider unvermeidlich.
The Black Panther beginnt im Februar 1972, als Donald Neilson (großartig: Donald Sumpter) - ein wortkarger, psychopathischer Ex-Soldat, der seiner Militärzeit hinterhertrauert und dem ein Menschenleben nichts (mehr) bedeutet - von seinen kleinkriminellen Aktivitäten auf bewaffneten Postraub im Norden Englands umzusatteln gedenkt. Vorerst bleibt es beim Versuch, denn sein erster nächtlicher Überfall auf ein kleines Postamt schlägt fehl und er muß ohne Beute flüchten. Ans Aufgeben denkt die mit seiner Frau (Marjorie Yates) und seiner Teenager-Tochter (Sylvia O'Donnell) in kargen Verhältnissen lebende tickende Zeitbombe trotz des Fehlschlages nicht. Aber er wartet lange ab und investiert mehr Zeit in die Vorbereitung, bis er sich zwei Jahre später wieder bereit fühlt. Doch auch sein zweiter Überfall verläuft nicht wie geplant. Statt den Schlüssel für den Safe herauszurücken, spielt der Vorsteher den Helden und attackiert ihn. Neilson sucht mit geringer Beute das Weite, einen Toten und dessen verzweifelte Angehörige zurücklassend. Der nächste Versuch, ans große Geld zu kommen, mißglückt ebenfalls und endet in einem weiteren Blutbad. Spielt für ihn aber keine Rolle, weil er den letzten Coup, der ihn aller Geldsorgen entledigen soll, bereits ausgeheckt hat. Die Entführung der siebzehnjährigen Erbin Lesley Whittle (Debbie Farrington), um von ihren Verwandten Lösegeld zu erpressen.
Regisseur Ian Merrick (The Sculptress) und sein Drehbuchautor Michael Armstrong (Hexen bis aufs Blut gequält) haben in Bezug auf ihren True-Crime-Schocker The Black Panther alles richtig gemacht, von einer kleinen, jedoch dramatischen Fehleinschätzung abgesehen, wodurch das kontrovers aufgenommene Projekt zum finanziellen Debakel geriet. Merrick wollte in seinem Regiedebut eigentlich eine fiktionale Geschichte erzählen, doch aufgrund des Drucks vom Vertriebspartner, der einem landesweiten Kinoeinsatz nur zustimmte, wenn er sich des berüchtigten "Black Panther"-Falles annahm, mußte er seine Pläne ändern. Als die Finanzierung dann stand, lief alles recht glatt. Das sehr preisgünstig budgetierte Movie war rasch im Kasten und bald darauf auch fertiggestellt. Dann begannen die Probleme, die einen Kinostart verhinderten, zurückzuführen auf die oben erwähnte Fehleinschätzung. Der Film kam schlicht und einfach zu früh. Die aufgerissenen Wunden waren noch nicht ansatzweise verheilt, weder auf Seiten der Opfer (die Postgewerkschaft etwa setzte alles daran, den Streifen verbieten zu lassen), noch auf Seiten der Polizei und der Presse (es hagelte Vorwürfe, die Filmemacher würden Neilson Untaten sowie die darin involvierten Personen ausbeuten), die sich beide, vorsichtig ausgedrückt, im Verlauf des Falles nicht wirklich mit Ruhm bekleckert hatten.
In der ersten Hälfte des Filmes liegt das Augenmerk komplett auf Donald Neilson. Wir sehen ihn in seiner Wohnung, wie er sich als herrischer, bösartiger Tyrann aufspielt und sowohl seine Tochter als auch seine Frau anschnauzt ("stupid bloody cow"), wie er vor dem Spiegel in Soldatenkleidung stolz exerziert, wie er hart trainiert, wie er beim Betrachten von alten Kriegsfotos in Erinnerungen schwelgt und wie er beim Unhappy End eines Filmes Tränen vergießt. Wir sehen ihn bei den Vorbereitungen seiner Überfälle, wie er die Gegend auskundschaftet, wie er die Tat und die folgende Flucht akribisch plant und wie er sich im Wald ein Lager einrichtet und sich Nahrung beschafft. In einem ähnlich nüchternen Ton werden seine Verbrechen geschildert. Er verschafft sich Zugang ins Gebäude, holt sich das Geld aus der Kassa, schleicht sich ins Obergeschoß, wo die Familie lebt, die das Postamt betreibt, hält ihnen eine Schrotflinte unter die Nase, um sie zu zwingen, den Safe zu öffnen. Seine in knappem Befehlston gebellten Anweisungen machen klar, daß er keinen Widerspruch duldet, die schwarze, über den Kopf gezogene Kapuzenmaske, aus der nur die kalten Augen herausstechen, verleiht ihm eine unheimliche, monströse Aura. Er mag ein Mensch sein, aber er wirkt wie ein Monster. Und er handelt auch wie ein Monster. Brutal, gefühllos, und kaltblütig. Er kennt weder Erbarmen noch Reue.
Der Fokus verlagert sich etwas in der zweiten Hälfte, mit der Entführung von Lesley Whittle. Ab diesem Zeitpunkt herrscht ein gewisses Gleichgewicht zwischen Neilson, der sich mit seinem Opfer in einem unterirdischen Versteck verschanzt, und den Personen, die aufgrund der Entführung ins Geschehen hineingezogen werden, wie Lesleys Bruder (Andrew Burt) und dessen Frau (Alison Key), oder dem zuständigen Polizeibeamten (David Swift). Am generellen Ton und an der bedrückenden Stimmung ändert sich indes nichts. Tatsächlich wird der Film immer unangenehmer, obwohl (oder weil) er auf Exploitation-Elemente (fast) gänzlich verzichtet. Allein die Situation, in welche Lesley manövriert wurde, sorgt für immenses Unbehagen. Zurückgelassen in einem stillgelegten Wasserschacht, an Händen und Füßen gefesselt, mit einer Drahtschlinge um den Hals, halbnackt in einem Schlafsack liegend; und abgesehen von ihrem Kidnapper weiß niemand, wo sie sich befindet. Falls etwas schieflaufen sollte, ist die Aussicht auf rechtzeitige Rettung gleich null. Wenn man nun noch die schwindelerregende Diskrepanz zwischen Neilsons akribischen Vorbereitungsarbeiten und seinen minutiösen Planungen und der ein ums andere Mal mißlungenen Ausführung in Betracht zieht, dann sollte selbst dem größten Optimisten klar sein, daß Lesleys Leben nur noch an einem seidenen Faden hängt.
Daß Neilson so lange auf freiem Fuß blieb und mit seinen Verbrechen davonkam, ist also nicht auf seine kriminelle Genialität zurückzuführen, sondern auf (aus seiner Sicht) Glück, gepaart mit Bauernschläue und einer gewissen Cleverness. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, daß bei seiner Verhaftung im Dezember 1975 der immer sehr geschätzte "Kommissar Zufall" in Aktion trat. Neilson verlor bei einer Routinekontrolle die Nerven, woraufhin er von Polizisten und Zivilisten überwältigt werden konnte. Er wurde im Folgenden zu fünf Mal lebenslanger plus einundsechzig Jahren Haft verurteilt. Er starb am 18. Dezember 2011. Merrick und Armstrong hielten sich in ihrer filmischen Aufarbeitung des schockierenden Falles fast schon penibel an die verifizierbaren Fakten, wodurch ihr Werk einen dokumentarischen Anstrich erhält. Weder dramatisieren sie den Ablauf, noch manipulieren sie das Publikum. Sie schildern die Ereignisse möglichst neutral und nüchtern im Format eines extrem fesselnden Spielfilmes, wobei sie gewisse Passagen, über die keinerlei Informationen bzw. nur die Aussagen des Täters vorlagen und die infolgedessen Anlaß zu wilden Spekulationen hätten geben können, behutsam und zurückhaltend, jedoch auch plausibel und authentisch scheinend überbrückten. Konsequenterweise haben sie auch die wohl niederschmetterndste Szene ins Off verlagert, ohne daß die aufwühlende Wirkung darunter leidet.
Der hierzulande nie erschienene The Black Panther ist die herausragende Umsetzung eines wahren Kriminalfalles, ein kleines Meisterwerk, das den Zuschauer fest bei der Hand packt und ihn gnadenlos aus seiner Komfortzone herauszerrt. Wahrlich ein Film, der an die Nieren geht.