A Movie (1958)
Cosmic Ray (1962)
von Bruce Conner
Das Musikvideo war keine Erfindung von MTV: Richard Lester, der in seine Beatles-Filme ("A Hard Day's Night" (1964), "Help!" (1965)) diverse Songs aufgenommen hatte - die kaum dramaturgisch eingebunden an selbstzweckhaftere Nummern des Musicals erinnerten und deren Bebilderungen zugleich dynamischer und zügiger geschnitten waren -, wurde 1984 mit dem MTV Video Vanguard Award als "Father of the Music Video" gepriesen, Kenneth Anger, der in den 70er Jahren einige seiner früheren Werke aus den 50er Jahren neu montiert und mit passenden, neuen Songs untermalt hat, hatte zuvor mit seinem popsong-untermalten Biker-Kurzfilm "Scorpio Rising" (1964) einen wichtigen Vorläufer des Musikvideos geschaffen und diese Richtung später fortgeführt, was ihm die Spitznamen "Godfather of MTV" & "Father of the Music Video" einbrachte. Offizielle Musikvideos hat Anger dann nie gedreht: eine Anfrage der Fine Young Cannibals lehnte er dann in späteren Jahren ab, weil er ihre Musik nicht mochte.
Auch Bruce Conner wurde vielfach - und nicht unbedingt zu seiner Begeisterung - als "the Father of MTV" oder "Father of the Music Video" betitelt, speist sich aber in seinen früheren Werken - die mit ihrem Collage-, Assemblage-, Found Footage- und Pop Art-Charakter durchaus originell ausfielen - aus einer etwas älteren Tradition: Walter Ruttmanns Opera (1921-1925), Oskar Fischingers Studien (1929-1933) oder Viking Eggelings "Symphonie diagonale" (1924) wären als musikuntermalte, abstrakte bzw. absolute Animationsfilme zu nennen, die Farben und Formen dem Geist der Filmmusik folgen ließen.[1] Daraus - und aus Walt Disneys konkreteren Entsprechungen in den Silly Symphonies (1929-1939) oder in "Fantasia" (1940) - speisten sich in den 30er, 40er und 50er Jahren schließlich die Animationsfilme (bzw. visual symphonies) von Mary Ellen Bute, Ted Nemeth und Norman McLaren, die seit den 30er Jahren mal mehr ("Boogie-Doodle" (1948)), mal weniger ("Spook Sport" (1939)) abstrakte Formen zur Musik (manchmal Klassik, manchmal Jazz) toben ließen; bei McLarens Einzelarbeiten meist mit einer erheiternden Grundstimmung ausgestattet, schmissig & mitreißend, voller ulkiger visueller Eindrücke, mit manchen Gags durchsetzt und trotz des Hangs zur Abstraktion nicht gänzlich ohne erahnbare Bedeutungen & konkrete Vorgänge.
Diesen Werken steht Conner im Gegensatz zu Anger oder Lester insofern etwas näher, da er großen Wert darauf legt, die Bewegungen der Musik permanent in Bewegungen der Bilder zu transformieren: auch wird er in seinen ersten zwei Filmen ebenfalls noch auf Sinfonische Dichtungen ("A Movie") bzw. auf Rhythm and Blues ("Cosmic Ray") zurückgreifen, ehe er dann - wie Anger oder Lester vor ihm - in "Vivian" (1965) erstmals zur Rockmusik - d.h. eine Rock'n'Roll-Version des songs "Mona Lisa" von Conway Twitty - griff. Fortan - und zu den Klängen von Toni Basil ("Breakaway" (1966)), Devo ("Mongoloid" (1978)) oder Brian Eno & David Byrne ("Mea Culpa" (1981), "America Is Waiting" (1981)) - entsprachen Conners Musikvideo-Vorläufer dann immer stärker dem späteren Musikvideo; zudem reduzierte er in ihnen die Gags und ironischen Spitzen seiner frühen Werke spürbar. Das Erstlingswerk "A Movie" war davon noch ein wenig entfernt, gab sich eher als kritische Filmsymphonie über die Gesellschaft und über das Kino.
"A Movie", ein Film: das klingt etwas unspektakulär und als Titel eines Films auch nahezu tautologisch und ein wenig nichtssagend. Man kann den Titel dann aber auch nochmals etwas anders aufgreifen und ihn als ziemlich wuchtige Verheißung des Kommenden auffassen: nicht ein schöner Film, ein tragischer Film, ein komischer Film, ein spannender Film, ein horribler Film oder ein erotischer Film wird hier angepriesen, sondern einfach nur ein Film, der aber als Film alles filmtypische derartig in sich enthält, dass er nicht irgendeinem anderen, sondern gleich so ziemlich jedem anderen Film ähnelt - und quasi als kleinster gemeinsamer Nenner aller Filme angesehen werden darf.
"A Movie" ist nicht einfach bloß ein Film, weil er auf Filmmaterial gebannte Einzelbilder festhält, die - in Schwung gebracht - eine Bewegung bzw. montierte Bewegungen offenbaren, sondern weil er auch inhaltlich all das enthält, was ein Kinogänger 1958 im Kino so zu sehen erwartete: Sex und Gewalt vor allem, aber auch Geschwindigkeit & Tempo & Rhythmus, Reiz & Gefahr, Erotik, Politik, Katastrophen und Tod.
Wie eine Ouvertüre erklingt auf der Tonspur Ottorino Respighis "I pini di Roma" - ohne dann nochmals zu verstummen - und nach & nach fallen dann der Name des Regisseurs und der Titel des Films (weiß, auf schwarzem Hintergrund): erst "Bruce Conner" (ziemlich lange), dann Weißbild, dann flackernde Punkte auf schwarzem Grund, dann "A" und sogleich "Movie" (und nochmals "by" und "Bruce Conner"), teilweise von Geflacker begleitet... es tanzen dann ein paar Kennzeichnungen und Nummerierungen des Filmbandes durchs Bild, subliminalbildartig erscheinen diverse Buchstabenteile in Nahaufnahmen, dann erscheint recht unvermittelt "End of Part Four", um wenig später - nach einem Countdown und einer nahezu nackten Schönheit, die sich ihrer Strümpfe entledigt - von "The End" abgelöst zu werden. "Movie" taucht nochmals auf (kopfüber), es folgt ein Buchstabensalat (teilweise vom Positiv ins Negativ umschlagend) und nun - nach diesen ganzen Markierungen, Nummerierungen und Titel- & Vorspann-Nennungen! - geht es mit konventionelleren Filmbildern weiter.
Cowboys auf Pferden und in Planwagen, Indianer auf Pferden, Planwagen in Kreisformation, Indianerangriff (seitlich betrachtet), heranreitende Kavallerie (von vorn betrachtet), heranstürmende Elefanten (von vorn betrachtet), rasende Planwagen (von vorn betrachtet), Hufe in Großaufnahme, Eisenbahnräder in Großaufnahme, Indianerangriff (von vorn betrachtet), Elefanten (von vorn), Planwagen (von vorn), springende Panzer (von vorn), Autorennen (die alles allmählich wieder in die Betrachtung von der Seite verschieben), Crashs, von Klippen stürzende Autos, "The End".
Pünktlich zur ersten Pause in Respighis poema sinfonico findet auch ein erstes Kapitel von "A Movie" seinen Abschluss - und weit weniger beschwingt, weit weniger trunken & mitreißend setzen Musik und Bild wieder ein; nach Respighis "I pini di Villa Borghese: Allegretto vivace" folgt dessen Fortführung "Pini presso una catacomba: Lento": barbrüstige Frauen bei einer exotischen Kulturfilm-Zeremonie (von der Einblendung "Movie" gerahmt), ein Zeppelin schwebt in mehreren Einstellungen über die Großstadt, ein Artistenpaar balanciert in schwindelerregender Höhe ungesichert auf einem Drahtseil, während unter ihnen der Straßenverkehr tobt. Flugzeuge zwischen Wolken. "A", "Movie", "by", "Bruce Conner". Ein U-Boot taucht auf. Wasser in Bewegung. Besatzung am Periskop. Bikini-Schönheit im Gegenschuss (sich räkelnd, in die Kamera lächelnd). Entrüstete U-Boot-Besatzung. Ein Torpedo wird abgefeuert. Explosion über Wasser. Atombomben-Explosion von oben betrachtet. Schiff mit Explosion im Hintergrund, Surfer mit Riesenwellen im Hintergrund. Ruderer in mörderischen Wellenbergen. Wassersportler bei scheiternden Stunts. Männer auf grotesk verzerrten Fahrrädern bei einem bizarren Rennen. Motorrad-Rennen im Schlamm. Ein Doppeldecker überschlägt sich auf der Wasseroberfläche, den Piloten reißt es aus seinem Sitz. Roosevelt bei einer Rede in ekstatischer Verzückung. Eine Brücke schwankt bedenklich, zerbricht und stürzt ins Wasser. Schwarzbild.
Respighi und Conner kommen zu einem weiteren Kapitel: "I pini della Via Appia: Tempo di marcia" erklingt nun und feiert den Glanz des Römischen Reiches, derweil Flugzeuge feuernd Angriffe ausführen und anderswo Explosionen wüten. Ein Vulkan raucht, ein Geistlicher predigt, Panzer fahren in einer Reihe durchs Bild, ein Zeppelin stürzt ab und verbrennt, ein Autorennen findet statt. Fahrzeuge überschlagen sich, Fahrer werden über die Fahrbahn geschleudert, Fallschirmspringer stürzen durch die Wolken, Flugzeuge stürzen ab und explodieren. Tiere hocken seelenruhig im Gras, Brücken stürzen ein. Fallschirme öffnen sich, Schiffe sinken, Erschießungen, Hinrichtungen, Massengräber, Explosionen, Atombomben. Ein toter Elefant, von Afrikanern zerteilt werdend, hungrige Kinder, tauchende Tiere, Taucher, exotische Fische, ein Wrack am Meeresgrund, ein Taucher verschwindet durch eines seiner Fenster.
Aufreizend gibt sich "A Movie" am Anfang mit seiner Entkleidungsszene und es folgt gekonnt montiertes Adrenalin-Kino, welches Sex in einen Geschwindigkeitsrausch überführt: Geilheit entlädt sich im Tempo, der Film tobt sich aus. Sex als Triebfeder des Kampfes und der Raserei, Statisten im Alphamännchen-Gehabe; Opfer werden dabei billigend in Kauf genommen: fallende Kämpfer, verunglückende Rennwagenfahrer, Verwandlungen von Nobelkarossen zu Schrott. "A Movie" hält sich hier noch ganz und gar an den Nervenkitzel des Kolportagefilms mit all seinen Sensationen.
Dann ändert sich der Tonfall - was auch für die Bilder gilt: kulturfilmmäßig findet der Reiz ein Versteck im Deckmantel hochkultureller Eindrücke. Nackte Brüste werden nicht mehr an geile Strapse, sondern an exotische Riten gebunden - und dementsprechend ist die Todesgefahr nicht mehr an Kampf & Wettkampf gebunden, sondern an Turnkunst & Artistik, an Höhenflüge der Technik. Die Musik zielt inzwischen eher auf Erhabenheit, weniger auf mitreißende Heiterkeitstaumel. Dann kommen erneut Kämpfer ins Bild: eine U-Boot-Besatzung, die beim Anblick einer lächelnden Verführerin sogleich ihre Torpedos abschießt; symbolische Gewalt, gewalttätig gewordene Sexualität. Das Kriegsspiel, in welchem man seine Männlichkeit beweisen will, ist ernster Selbstzweck geworden - für Frauen hat man da wenig Gefühle übrig, bloß seine Torpedos (und deren Entsprechung. Und gleichzeitig verweist die Bikini-Schönheit in diesem Zusammenhang auch auf das Bikini-Atoll, wo zahlreiche Kernwaffentests stattgefunden hatten: Sex und Gewalt sind schon in der Realität bloß eine Eselsbrücke voneinander entfernt und Conner findet bloß die richtigen Bilder für solche Irritationen.) Freizeitgestaltung und Aggression stehen fortan gleichberechtigt nebeneinander, beides ist normal, beides ereignet sich zur gleichen Zeit. Hier surft man, dort feuert man - und manchmal ist zwischen Spiel und Ernst gar nicht mehr zu unterscheiden, etwa beim Wettkampf oder wenn ein Pilot am Ende seines Fluges eine schmerzhafte Bruchlandung hinlegt. Und inmitten der Surf- & Bade-Szenen explodieren immer wieder Atombomben. Roosevelt ist schließlich zu sehen und lässt an das Manhattan Projekt denken, ehe eine vermeintlich stabile Brücke zu Bruch geht. Gewalt ist kein grausamer Einfall in die Gesellschaft, sondern sie entsteht in ihr, ganz spielerisch.
Im Schlussteil des Films wird dann dementsprechend auf eine recht düster untermalte Kontrastmontage gesetzt, in der Frommheit, Spaß, Unfälle, Luxus, Hunger, Jagd, Kampf, Schönheit und Tod das Bild eines irritierenden Nebeneinanders abgeben: vergleichsweise kommentarlos steht nun das Unterschiedliche nebeneinander. Allenfalls die Tiere werden etwas harmonischer dargeboten als die Menschen, deren uneinheitliches, widersprüchliches Treiben Conner nun gar nicht mehr zu ordnen versucht. Die auf das Römische Reich verweisende Musikspur deutet gemeinsam mit manch dekadenten Eindrücken ein Ende dieser neuen Zivilisation an: eine pessimistische Perspektive auf die Gesellschaft, die Vergnügen und Gewalt so unbekümmert unter einen Hut bekommt und sich mit ihrem Luxus vergnügt, während anderswo der Hungertod wütet, ist hier kaum zu übersehen.
"A Movie" ist natürlich kein Film, der eine Analyse von Krieg, von Sexualität, von Männlich- oder Weiblichkeit, von Religion, von Reichtum & Armut, ja nicht einmal vom Faszinosum der Kinobilder liefert. Er reiht bloß in drei Kapiteln sehr assoziativ und auf jeweils unterschiedliche Weise Eindrücke aneinander, die im Film gang und gäbe waren: in den Sensationen des Unterhaltungsfilms ebenso wie in den Bildern der newsreels. Das unübersehbare Interesse eines Publikums am Tod und an der Sexualität stellt Conner dabei ebenso in einen irritierenden Zusammenhang wie er auch die Kluft aufgreift, die zwischen der im Alltag ersehnten Harmonie & Entspannung und den im Kino erhofften Auseinandersetzungen & Anspannungen liegt.
Ein paar unverbindliche sozialkritische Behauptungen scheint die Montage hier und dort in einem Meer der unklaren Interpretationsmöglichkeiten durchaus zu hinterlassen: wieviel Treffsicherheit man ihnen dann zusprechen mag, bleibt einem freilich überlassen - an Fakten und Beweisführungen (oder auch bloß an ganz unmissverständlich formulierten Thesen) hegt Conner keinerlei Interesse, ihn interessiert bloß die Irritation, das verstörende Aufrütteln. Und das setzt er in seinem Debüt durchaus kunstvoll in Szene, passt Schnittfrequenz und Bilddynamik gekonnt an die ausgewählte Musik an und lässt durchaus auch inhaltliche Schwerpunktverlagerungen mit dieser einhergehen, um ein paar Sonderlichkeiten der conditio humana und des homo cinematograficus einzufangen.
Diese Abgestimmtheit der Bilder und der Schnitte, die dem Tonfall und dem Rhythmus der Musik gehorchen, sollte in Conners Schaffen regelmäßig wiederkehren. Dies war auch sogleich in seinem zweiten Film "Cosmic Ray" der Fall, der die Form des Vorgängers noch zuspitzt und inhaltlich dieselben Themen darbietet - allerdings noch seltener und uneindeutiger zu greifbaren Thesen zugespitzt.
"Cosmic Ray", kosmische Strahlung: nicht direkt sichtbar, teilweise geradezu spurlos verlaufend und dennoch Einfluss nehmend, kaum greifbar, rätselhaft und - ganz besonders im Entstehungsjahr des Films! - noch lange nicht gänzlich erklärt. Diese spannende Vorstellung greift Conner auf und lässt Verschiedenes einander durchdringen, sich gegenseitig im konventionellen Schnitt sukzessiv unterbrechen oder gleichzeitig sich per Mehrfachbelichtung beeinträchtigen. Aber weil "What'd I Say" von Ray Charles dabei läuft, versteht sich "Cosmic Ray" natürlich nicht als bierernster Experimentalfilm, der unterschwellige Beeinflussungen von Bildern oder Beeinträchtigungen zwischen Betrachtenden und Betrachtetem untersuchen will. Das spielt zwar durchaus eine Rolle, nimmt sich aber nicht übermäßig ernst; und so geht es vor allem auch um den kosmischen Ray Charles, der nichts unberührt lässt, alles durchdringt und jede(n) packt.
Zu den Klängen von "What'd I Say" sind hier einige Striptease-Nummern zu sehen, über welche sich hektische Fahrten durch grell beleuchtete nächtliche Straßen legen. Über den Bildern oder als eingeschobene Unterbrechung der Bilder blitzen Kreise, Spiralen und Sterne auf, entfalten sich Feuerwerkskörper, wogen Wellen, jagt ein Jaguar, marschiert die US-Army, explodiert eine Bombe, treibt ein muskulöser Afrikaner Sport, ziehen Worteskapaden in unterschiedlichen Schriftzügen fragmentarisch vorbei, laufen animierte Werbefilme ab, weiß die Bombardements ausgesetzte Mickey Mouse nicht, wie ihr geschieht, ist ein Indianer fassungslos... Mit wenigen Ausnahmen wird fast immer mehrfach in der Sekunde geschnitten, finden sich subliminalbildartige Einstellungen zuhauf, zerfallen die Striptease-Nummern in fragmentarisch anmutende Zeitraffer-Bewegungen. Dann sind manche Bilder kopfüber zu sehen, andere fallen kurzzeitig spiegelverkehrt aus und unzählige Flickereffekte legen sich über das Geschehen. All das wird durch die Musik vorangetrieben, deren Rhythmus die komplexen Bilddynamiken bestimmt. Das ist fraglos formal brillant und entwickelt eine ungeheuerliche, mitreißende Sogwirkung. Dass Musik und Bewegtbilder einen packen können, wäre das erste Thema von "Cosmic Ray"; das zweite Thema liegt ein weiteres Mal in der Sexualität, um welche die Gewalt kreist: Während Ray Charles seinen Song vom - durchaus sexuell motivierten - Gefühlsüberschwang singt und sich in eindringlichen Woooahs, Yeahs, Huh- & Hey-hos ergeht, entfalten sich Bilder der Erotik, des Feierns, des Krieges und des Sieges. Der exzessive Gefühlsüberschwank vereint in "Cosmic Ray" das Schöne und das Schreckliche, ist die Basis einer jeden Übertretung, sei diese nun sexueller oder gewalttätiger Natur. (Ein Gedanke, der bereits 1962 nicht mehr ganz neu war, auf der Leinwand aber nur selten seinen Ausdruck finden durfte.) Und somit vereinen sich beide Themen des Films und vermitteln dem Publikum eine Lust am Exzess, während zugleich beeindruckend bebildert wird, dass dieser nicht bloß befreiend, sondern auch destruktiv wirken kann.
Mit "Vivian" und "Breakaway" geraten Conners Filme dann einfacher, schöpft er hier doch nicht aus endlosen Mengen von Found Footage-Material: "Breakaway" lässt zu irrsinnig hoher Schnittfrequenz Toni Basil zu ihrem "Breakaway" vor schwarzem Hintergrund tanzen, um dann in der Mitte des Films und am Ende des Songs - kaum dass ein Moment der Stille begonnen hat! - Ton- & Bildspur nochmals rückwärts ablaufen zu lassen. "Vivian" dokumentiert zu Conway Twittys "Mona Lisa" ein Projekt von Vivian Kurz, die sich im Glassarg liegend selbst zum Objekt einer Kunstausstellung macht: Kurz albert vor Conners Kamera herum und nimmt schließlich ihre Pose als Ausstellungsobjekt ein, Conners Kamera umwirbelt die lächelnde junge Frau, bestaunt ihren Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel und rückt - über die Frau in der Vitrine und über "Do not touch"-Schilder! - zugleich den Blick auf die Muse selbst in sein Zentrum. Auch hier sorgen schnelle Schnitte und zuhauf entfernte frames innerhalb mancher Einstellungen für einen Rhythmus, der sich der Tonspur möglichst optimal anpasst. Beide Films fallen jedoch erheblich einheitlicher aus, besitzen sie doch zentrale Figuren und Motive - und im Fall von "Vivian" sogar eine dominierende, recht deutliche Aussage.[2]
In den späteren Filmen zur Musik von Devo und Brian Eno & David Byrne verwendet Conner dann wieder Found Footage-Material aus älteren Lehrfilmen: dabei gelingen ihm recht bizarre Ergebnisse - irritierende Thesen oder gewagte Assoziationen spart er nun jedoch aus. Diese Werke gleichen weniger den frühen musikuntermalten, leicht essayistischen Filmsymphonien über Sexualität, Gewalt und Kunst (Film, Musik), sondern vielmehr einigen der weniger aussagekräftigen Musikvideos, die in den Jahren nach "Video Killed the Radio Star" (1979) entstanden sind.
Zweifelsohne markieren die ersten zwei Filme Conners einen Übergang zwischen den experimentellen Musikfilmen des absoluten Films und den Musikvideos der MTV-Ära, denen er sich auch weiterhin annäherte, in denen er aber nicht mehr die essayistische, assoziationsreiche und viel Interpretationsspielraum bietende Struktur seiner Erstlingswerke erreichte. Neben "Report" (1967) - seinem berüchtigten Found Footage-Film, der am Beispiel des Kennedy-Attentats über Wert & Wertlosigkeit von Dokumenten in Bild & Ton sinniert - gelten "A Movie" und "Cosmic Ray" dann auch als Conners Hauptwerke: In diesen drei Filmen sind Unberechenbarkeit, Ungreifbarkeit & Uneindeutigkeit der Bilder (und/oder Töne) unterschwelliges Thema und affizierende Form zugleich; sie zeigen, was Filme ausmacht, wie sich visuelle und akkustische Eindrücke durchdringen und das Publikum mit unverbindlichen oder unklaren Zusammenhängen affizieren, wie das Nachrichtenmaterial Ereignisse zeigt und dennoch nicht enthüllt - und sie sind damit Filme, die so kryptisch und ungreifbar erscheinen, wie es dem Medium selbst ihnen zufolge inhärent zu sein scheint. Das ist sicherlich in erster Linie die Qualität, die Conners Hauptwerke zu wichtigen Marksteinen des Experimentalfilms werden lässt: die Rolle als Vorläufer des Musikvideos scheint dagegen zweitrangig zu sein.
8/10 für "A Movie", 8,5/10 für "Cosmic Ray": Zwei großartige erste Arbeiten, die Conner nur noch mit "Report" toppen sollte.
1.) Eggelings Werk allerdings sollte sichtbare Musik präsentieren und wurde daher zunächst stumm vorgeführt. Dennoch wurden im Laufe der Zeit und im Rahmen mancher Restaurierungsbemühungen verschiedene Musikbegleitungen für "Symphonie diagonale" kreiert.
2.) Diese ließ sich später auch in "Marilyn Times Five" (1973) finden: Dort ertönt 5x Monroes "I'm Through With Love", während sich jeweils ein Monroe-Lookalike aus einem älteren stag film räkelt und mit Äpfeln & Cola-Flaschen spielt. Das ist auf Dauer dann nicht bloß für das Publikum ermüdend: auch die Darstellerin wirkt gegen Ende ausgelaugt und geradezu tödlich verbraucht...