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Von Wärmfläschchen und Lutschbonbons - Kannibalen im spanischen Wald

Kannibalenfilme gibts in der Tat wenige, im Überblick über die knapp bemessene Ausbeute dieser kurzen Welle an dieser Art von Film, wirklich erst populär wurdend durch Deodatos Nackt und zerfleischt (1980), muss man aber feststellen, dass sich darunter mehr billig hingeschluderter Mist befand, als tatsächlich ernstzunehmende Streifen, von innovativer oder gar bewegend intelligenter Art. Umberto Lenzis zwiespältige und extrem selbstzweckhafte Nachfolgewerke Lebendig gefressen (1981) und Rache der Kannibalen (1981) gehören sicher nicht dazu, bewegen sie sich doch eher auf dem Feld der Existenzberechtigung, um die Sorte Film den Gnadenschuss in Richtung versaute Filmkunst zu etablieren. Jess Francos hiesiges Werk, und da sollte es, beim Lesen dieses Namens schon anfangen in den Lauschern zu klingeln, ist zwar genauso versaut und gar selbstzweckhaft vernichtend in seiner Daseinsberechtigung, kann aber gerne getrost darin als lupenreiner, und vorallem gnadenlos billiger Trash gerechtfertigt werden.

Warum man beim Namen Franco die Lauscher rotieren lassen sollte, liegt zweifellos an seinem nicht besonders, aber vollkommener gerechterweise schlechten Ruf als Dilletant, fertigte der Vielfilmer in seiner bis heute andauernden Filmkarriere etliche billig abgefilmte als Horrorfilm getarnte Sexstreifen der einschläfernden Art, und mit kostengünstigen Mitteln, dass man sich vor Fremdschämen nicht genug verstecken könnte. Mit Jungfrau in den Krallen von Zombies / Frankenstein & Dracula (1971) schuf er das Paradies für entgleiste Sleazefans, die sich mit psychodelischen Klängen durch pseudopoetische Dialoge und verträumte Bilderkompositionen kämpfen durften. Der spanischen Vorzeigereihe der Reitenden Leichen (1971 - 1975)  verpasste er mit seinem desaströs peinlichen Mansion of the living dead (1982) die entgleiste und Rufvernichtende Huldigung und im Zombiegenre sorgte er mit seinen quakenden Nazizombies in Oase der Zombies (1983) für bildgewordene Langeweile und Talentlosigkeit, und wie es ein Wellenmitschwimmer wie Franco eben erkannte, sollte auch das Kannibalengenre nicht vor ihm Schutz haben, somit die Welle auch, bemessen an ihrem kurzen Dasein mit seinen 3 (!!!) Werken Jungfrau unter Kannibalen (1980) und Mondo Cannibale 3+4 (1982) zurecht endete.

Francos Jungfrauenfilm bei den Kannibalen, der Kerl hats irgendwie mit den Jungfrauen, weisst zwar in der Tat eine Story auf, doch die Billigkeit des Streifens ist schon nahezu in den ersten Bilderabfolgen zu erkennen, präsentiert er zusammenhanglos Szenen von einer von Paparazzi verfolgten blonden Frau und Szenen von einer von Kannibalen verfolgten farbigen Frau, wobei die abrupten Schnitte dazwischen zum Kotzen verleiten könnten. Was Franco uns damit sagen möchte? Man weiss es nicht, vielleicht aber, dass Frauen Jagdgut sind, die in ihrem Dasein, zu unterjochen sind?

Fragwürdig ja, aber Frauenfeindlichkeit musste und konnte man ja bereits etlichen Kannibalenfilmen vorwerfen, worauf die Farbige im Laubdschungel auch schon allsbald dem Oberkannibalen mit riesengrossen Erbsenaugen zum Opfer fällt. Kein Wunder, dass dort dann recht zügig rumgesaut und gefoltert wird, erweist sich die Frau als effektreicher Aufhänger für niedergeschmetterte männliche Existenzen, die sich an den minutenlangen Schreien der Frau ergöttzen können, um die darauf resultierenden Gedärmematschereien abfeiern zu können. Schundfans, die ein Auge zudrücken können, wissen spätestens ab dort, dass das Ganze lustig werden könnte, sieht unser Kannibalenzombiedingensoberherr, den die schlecht gecasteten Kannibalen aus unserer Nachbarschaft  anbeten, wie eine Symbiose aus Hulk, Zombie, Dämon und Erbsenauge aus, wobei er seine rotunterlaufenden Glubscher mal enthaaren sollte. Oder man weiss eben, sofern man schlau genug ist, dass Frau Blondine auch dort landen wird.

Tut sie auch, denn eine Horde geldgieriger Gauner entführt die Bumsbiene just in den Laubdschungel, um Al Cliver (Lucio Fulci Stammschauspieler) als Retter und Held zur Geldübergabe gegen Frauchen antanzen zu lassen. Warum das unbedingt im Kannibalendschungel stattfinden muss, weiss keiner, aber sonst gäbs ja keinen Film mit Kannibalen. Klaro? Fortan beweist Franco herrlich professionelles Geschick und handwerkliche Finesse für atemberaubenden Horror, zeigt er im Wechsel Szenen von dem degenierten Kannibalenführer, den tanzenden, leicht bekleideten Kannibalen, um das Ganze natürlich artgerecht mit reichlich Voodoogetrommel und verstörend bösen Sound a la Zombiegestöhn aus Zombies unter Kannibalen (1979) zu unterlegen.

Ab da darf man dann schonmal schmunzeln, denn Atmosphäre kommt bei diesen nichtssagenden, zusammenhanglosen und vollkommen auf die unauthentische Kulisse abgestimmten Szenen selten bei rum, stattdessen regiert hier zweifellos der Charme eines reichlich doofen Films, der in seiner billigen Machart versucht ernst zu sein. Wachhaltend sind dort aber allerdings bloss die matschigen Goreeffekte, das Herumkauen des Mutantenkannibalen auf Frauenfleisch in Nahaufnahme (das Fleisch sieht aus wie Fruchtkaugummi) und die vollkommen debilen Dialoge, in denen Frauen gerne mal als Wärmflasche und Lutschbonbons bezeichnet werden. Da darf dann zwischendrin nackte Haut nicht fehlen, ist schliesslich ein Franco, um uns als Höhepunkte den Kampf zwischen der Gaunergang und Herrn Cliver zu zeigen. Gefräßige Kannibalen gibts neben dem Erbsenauge nicht, dafür aber für den Dschungel, der aussieht wie ein Wald, typische Fallen, in denen dann und wann einer landen darf. Charakterzeichnung oder ähnliches bleibt bei den Futterqualitäten aus, auch wenn der Begleiter von Cliver im Dschungel Deja - Vues an seine Vietnamzeit bekommt. Hilft hierbei aber auch nicht weiter, sondern ist nur ein weiterer Faktor für den ungewollten Lacher. Kein Wunder, dass am Ende Cliver mit total verschreckter Blondiepromi in Richtung Happy End rasen.

Fazit:
Äusserst billiger, vorallem abermals fragwürdiger Kannibalenschotter, den man zwar durchweg als Trash ansehen kann, dadurch auch unterhält, aber auch sicherlich aufregen könnte. Das Alles ist nur für Komplettisten und Müllresistente erträglich, der aussenstehende Mainstreamer sollte ohnehin die Finger davon lassen. Der Rest bekommt Francotypischen Nonsense und Billigkeit, bissel nackte Haut, debilde Dailoge und hier zum Glück, recht brauchbares Gedärmegesudel. Der Erbsenaugeoberkannibale ist zumindest echt der Hammer. Wuhahaha.

63%

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