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Der Rechtsanwalt ist in der großen amerikanischen Zirkus- und Stuntshow “Gerichtsdrama” für gewöhnlich ein Werkzeug. Es erfüllt unsere Herzen mit Zorn, wenn der Winkeladvokat auf Seiten des Feindbildes, meist eine von Repräsentanten vertretene anonyme Firma, das Rechtssystem verdreht und somit die Ungerechtigkeit Einzug erhält in die US-Justiz. Wir werden von einer warmen Woge der Genugtuung überschwemmt, wenn “unser Mann”, der heimliche Held der Geschichte, den Spieß umdreht und dem kleinen Mann von der Straße schließlich doch noch Gerechtigkeit widerfährt. Er, der sich anschließend wie ein Cowboy dem Sonnenuntergang zuwendet und den Mandanten seinem Glück überlässt.

Das Spiel mit der zweifelhaften Dichotomie von “richtig” und “falsch” (eine Vorstellung, die in den Kommunikationswissenschaften schon seit Wittgenstein überholt ist, und das Rechtssystem funktioniert schließlich durch nichts anderes als argumentative Kommunikation) birgt stets die Gefahr der Vereinfachung von Sachverhalten, verführt zu dem Gedanken, es müsse die “Guten” und die “Bösen” im Spiel geben. Und unter dem Strich geht es eigentlich immer nur ums Gewinnen. Gewinnt das Böse, so im Namen der Kritik am amerikanischen Rechtssystem; gewinnt das Gute, so um es anhand seiner Geschworenen als Triumph zu feiern.

Sydney Lumet (“Die zwölf Geschworenen”) hingegen befreit den Anwalt - also unseren Anwalt - von der Werkzeugfunktion und befördert ihn vom funktionalen Partikel des staatlichen Apparates zum Menschen. Er bringt den erfahrenen Charakterdarsteller Paul Newman ausgerechnet mit einer Anwaltsrolle an den Rande seiner schauspielerischen Möglichkeiten und schöpft sie bis zum Boden aus, denn Paul Newmans Frank Galvin ist eine Filmfigur, die ganze Welten von Variablen beinhaltet; sie unterhält komplexe Beziehungen, sie ist abgründig, voller Probleme und Selbstzweifel, und vor allem macht sie eine Selbsterkenntnis durch, wo viele andere Filmanwälte allenfalls mal eine Erkenntnis in bezug auf den Fall erleben, den sie bearbeiten.

Ungewöhnlicherweise liegt die Filmeröffnung nicht beim Fall selbst, sondern bei dem am Boden liegenden Frank Galvin vor dem Knockout. Das erste Bild zeigt eine Kneipe, einen Billardtisch und einen Mann, der offenbar vergessen hat, wer er ist. Später wird er sich würdelos auf Beerdigungen herumdrücken, um den Verbliebenen seine Visitenkarte unterzujubeln.
Das Opfer des Streitfalls, eine Frau, die während einer Operation einen Sauerstoffmangel am Gehirn erlitt und seither im Koma liegt, tritt kaum ins Bild, in aktiver Form nie; einmal sitzt Galvin an ihrem Bett und man darf einen Blick auf sie erhaschen, doch auch diese Szene dient bloß der Erkenntnisreise Galvins; sie selbst ist für den Film so unwichtig, wie sie für Galvin im Laufe des Falls wichtig werden wird.

“The Verdict” steht in Opposition zu seinem eigenen Genre. Die auf Paul Newman fokussierte Erzählung ist extrem langsam, analytisch und auch unmanipuliert, da nie an der Erscheinung des Protagonisten gefeilt wird. Der Figur wird ein ungefilterter, gewaltiger Facettenreichtum zuteil: man sieht sie trinken, man erkennt ihre Kompetenz vor Gericht und auch den Mut, sich der Subjektivität des Richters mit aller Macht entgegenzustellen; man sieht die Zweifel am System, für das sie selbst von Berufs wegen einsteht und man sieht die vielen Schwächephasen, inklusive der Schlüsselszene, in welcher Galvin mit einem Druck belastet wird, der mit einem Mal alles erklärt, was vorher mit ihm geschah und wie sich die Geschichte nun wenden wird.

In letzter Konsequenz wird Frank Galvin für Regisseur Lumet ein Medium, anhand dessen die Motive hinterfragt werden, die hinter dem Justizsystem stehen. Und die Antwort ist interessant: es gibt die Möglichkeit der Verteidigung. Die Möglichkeit. Zu Ende gedacht bedeutet dies: unterschiedliche Menschen werden vor unterschiedliche Richter gestellt mit unterschiedlichen Verteidigern - und unterschiedlich behandelt. Die “Recht und Unrecht”-Dichotomie löst sich in ihre Bestandteile auf.

Freilich, ganz mag man auch hier nicht darauf verzichten, das Bedürfnis des Publikums nach Gerechtigkeit zu befriedigen. Der Richter sorgt mit seinem parteiischen Verhalten für die erste und einzige große Empörung beim Zuschauer und ist damit ironischerweise jenes alte Relikt, das eine Offensichtlichkeit heraufbeschwört, was rechtens ist und was nicht, deren Existenz Lumet eigentlich mit seiner Arbeit eigentlich schon widerlegt hatte. Auch Newmans direkter Gegner James Mason verkörpert eine Gegnerfigur von altem Schlag, mit der erfolgsorientierten “Wall Street”-Philosophie der 80er Jahre, die im Gerichtssaal jedoch Zeitlosigkeit beansprucht. Dass sie das nicht zwangsläufig tun muss, zeigt “The Verdict” auf eindrucksvolle, mitunter aber auch etwas zähe Art und Weise auf, indem der Berufsauffassung der Anwälte eine Vielfalt von Philosophien vorgeschlagen wird - damit die Vielfalt der (nicht immer moralischen) Wege zum Prozessgewinn eine ebenbürtige Grundlage bekommen.

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