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Eine allein erziehende Mutter, vier Kinder und eine Schuhschachtel ähnliche Wohnung.
Der Witz bei der Sache: der Vermieter weiß nur von der Existenz eines Kindes. Die restlichen drei hausen dort heimlich.
Wieso dies so gehandhabt wird, wird nicht erklärt. Ich kann’s mir nur so erklären, dass man im fernen Japan mit einer vierköpfigen Sippschaft im Gepäck wohl nicht so leicht an ne Wohnung rankommt…, aber ohne Gewähr.
Sei’s drum! Der älteste der Rasselbande ist der zwölf-jährige Akira. Er hat auch das Sagen, wenn Mami in der Arbeit ist. Da aber keines der Kinder Schule oder Kindergarten besucht und Mutti meist erst spät abends wieder nach Hause kommt, ist dies ein Fulltime Job.
Doch trotz der widrigen Umstände harmonisiert hier alles:
Akira, dem es als einzigem erlaubt ist die Wohnung zu verlassen, geht einkaufen, seine nächst ältere Schwester bereitet das Essen, und wenn die Mama abends zu Hause eintrifft, wartet bereits ein dampfender Teller auf sie. Und als Dank werden die kleinen Erwachsenen dann immer noch mit einer Gute-Nacht-Geschichte ins Heiabettchen gebracht.
Familie mal anders…, aber anscheinend funktioniert’s…

Doch das Bild trügt: Alles beginnt recht harmlos, als Mami mal für einen längeren Zeitraum wegen der Arbeit verreisen muss. Für das eingespielte Dreikäsehoch-Team erstmal kein Problem, zumal auch jeden Monat ein Scheck von Mutti mit der Post kommt.
Doch irgendwann bleibt dieser Scheck aus und das Geld neigt sich dem Ende entgegen. Als Akira die Agentur kontaktiert, bei der seine Mutter angestellt ist, um diese ausfindig zu machen, wird ihm erklärt, dass sie seit geraumer Zeit nicht mehr dort beschäftigt ist.
Die Situation spitzt sich zu als Strom, Wasser und Gas abgedreht werden. Doch die Kinder geben die Hoffnung nicht auf…

NOBODY KNOWS ist ein warmherziges, feinfühliges Drama, das bewusst auf hollywood’esken Kitsch und überkandidelte Gefühlsausbrüche verzichtet. Trauer, Einsamkeit und das unerfüllte Verlangen der Kinder nach Liebe und Geborgenheit sind allgegenwärtig und steigern sich während des Films auch immer mehr, kommen aber nie so richtig zum Ausbruch, sondern bleiben viel mehr unter der harten Schale der zum Erwachsen sein gezwungenen Kinder verborgen.

Der Alltag der verlorenen Kinder ist aber zunächst voller Magie und beneidenswert unbeschwert. Ihre aufgezwungene Isolation macht sie zwar zu krassen Außenseitern und in gewisser Weise auch etwas weltfremd. Kritik, Selbstmitleid, Argwohn oder Neid sind den kleinen Abenteurer aber gänzlich fremd.
…was ihr Schicksal aber nur trauriger und die Stärke, mit der sie diesem gegenübertreten, noch beeindruckender erscheinen lässt.

NOBODY KNOWS hat mich in vielerlei Hinsicht an DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN erinnert. Die Thematik – auf sich gestellte Kinder schlagen sich alleine durch – ist ja schon mal sehr ähnlich und die Parallelen verhärten sich noch, wenn den Kiddies hier das Essen ausgeht.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass es schon ne ganze Palette an Filmen gibt, die in krasserem Maße im Stande waren, mich zu bewegen, oder die mir mehr zu Herzen gegangen sind. Ich denke da an Filme, wie LILJA 4-EVER, KIKUJIROS SOMMER, HASS oder TIGGER’S GROßES ABENTEUER (...kein Witz! Ich hab' Bäche geheult...).
Dies ändert aber nix an der Tatsache, dass wir’s hier mit einem sehr sehenswerten, ergreifenden und (trotz seiner Laufzeit von über zwei Stunden) auf chillige und nachdenklich stimmende Weise unterhaltsamen Film zu tun haben.

Kein Make Up, kein Kitsch, keine Heroisierungen, keine hektischen Schnitte, keine übertriebene Optik… nur ein paar tapfere Kinder und Tränen, die still ohne melodramatische, stimmungssteigernde Hintergrundmusik die Wangen hinabgleiten.
Schon sehr fein!

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Der Film beruht auf wahren Begebenheiten…

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