Review

Fassungslosigkeit.
Sollte man in einem Wort beschreiben was „Nobody Knows“ hinterlässt, dann wäre es wohl dieses. Um so mehr, wenn man weis das das ganze auf einer wahren Geschichte beruht.
Wie kann so etwas passieren?
Diese Frage lässt der Film offen. Eine Erklärung gibt er uns nicht. Es ist halt passiert.
Eine Frau lässt ihre 4 Kinder einfach allein zurück. Sie lässt sie hinter sich um in ein neues, besseres Leben aufzubrechen.
Gibt es den keine Bindung die sie hält?
Nein. Schon zu beginn des Filmes sind die Kinder die größte Zeit allein. Ist die Mutter dann mal zu Hause hat man eigentlich nie das Gefühl hier wirklich eine Mutter zu sehen. Sie ist vielmehr wie eine Freundin. Sie spielt mit den anderen Kindern, ist zusammen mit ihnen und hat Spaß. Am Anfang erscheint das noch als liebevoller Umgang mit ihren Kindern, aber mit der Zeit kippt es immer mehr ins Verantwortungslose. Die Mutter ist nicht der Chef der Familie, nicht die die sich um die Kinder kümmert. Diese Rolle fällt eigentlich von Anfang an mehr Akira zu. Sie bringt lediglich das Geld mit, das dieser Brauch um dem nachzukommen. Sie ist auch nicht grade die hellste. Selbst ihre Kinder, die nie eine Schule besucht haben, scheinen dennoch mehr Bildung zu haben als sie. Kein Wunder das es da auch ihnen obliegt sich um alles zu kümmern. Die Mutter hängt derweil lieber dem Traum eines besseren Lebens nach. Sie scheint auch ziemlich naiv zu sein, wenn man ihren Erzählungen von vergangenen Liebschaften so lauscht.
Ihre Kinder verheimlicht sie anfänglich aus der Not heraus eine Wohnung zu finden, doch da das so gut funktioniert fällt sie später bei ihrem neuen Freund genau darauf zurück. So zieht sie ohne sie zu ihm und parkt sie quasi auf dem Abstellgleis. Geld schickt sie ihnen weiterhin, um den Rest haben sie sich ja eh schon immer selbst gekümmert. Das sollte also kein Problem sein.
Doch genau das wird es.
Denn es sind nun mal immer noch Kinder und die brauchen eine Mutter. Keinen monatlichen Briefumschlag mit Geld. Und selbst der kommt mit der Zeit immer unregelmäßiger. Die Kinder müssen derweil sehen wie sie damit zurecht kommen. Die Welt draußen ist ihnen fremd. Keiner war auf einer Schule und außer Akira waren sie immer nur daheim. Der hat derweil auch mit sich selbst und dem Erwachsen werden zu kämpfen. Er will Freunde haben und zur Schule gehen, doch seine Versuche diesem Traum nahe zu kommen scheitern. Einzig in Saki, die in der Schule gemobbt wird, findet er jemanden, der ihn akzeptiert.
Aber müsste nicht jemand die Situation bemerken?
„Nobody Knows“, „Keiner weis es“, sagt uns der Filmtitel, aber stimmt das?
Was ist mit der Vermietern? Hat sie nicht gesehen was in der Wohnung vor sich geht? Und was mit den Angestellten vom 24-7 Store? Von ihnen hat Akira doch sogar abgelaufene Lebensmittel geschenkt bekommen. Wie können sie da nichts gewusst haben? Oder die andere Mieter, kann es wirklich sein das keinem von denen aufgefallen ist was in der Wohnung los ist?
Aber vielleicht wollte es auch einfach gar keiner wissen. Bringt ja eh nur ärger sich in so was einzumischen.
Was „Nobody Knows“ uns bietet ist ein erschreckender Blick auf eine zerfallende Gesellschaft, in der ein Wort wie Familie und die Werte die es repräsentiert scheinbar keine große Bedeutung mehr haben. Auch Verantwortung scheint nur noch Ich-bezogen zu existieren. Verantwortung gegenüber anderen, die man noch nicht mal wirklich kennt? Nein.
Da ist das ganze auch keine „japanische Sache“. Nicht etwas was „bei denen halt so ist“.
Leben wir nicht selbst in einem Land, in dem Kinder verhungern weil sich die Eltern nicht drum kümmern? In einem Land wo eine Frau neunmal schwanger werden und ihre Babys nach der Geburt töten kann, ohne das jemand was bemerkt haben will?
„Nobody Knows“ ist keine Dystopie. Nein, es ist Realität.
Erzählt in einer künstlerischen Geschichte, voller bezaubernder und erschreckender Bilder, untermalt mit ergreifender Musik. Es ist keine Dokumentation. Keine wirkliches Abbild der Realität. Nur der Kern ist real. Um diesen drum herum hat Hirokazu Kore-Eda einen phantastischen Film geschaffen, der die grausame Geschichte in wunderschöne Bilder kleidet. Eine bittersüße Mischung, denn um so mehr die Bilder uns gefangen nehmen um so stärker wird auch die Wirkung der Geschichte auf einen.
Einen großen Anteil haben auch die guten schauspielerischen Leistungen. Die Kinder spielen ihre Rollen wirklich perfekt und man nimmt ihnen (selbst der kleinen 4jährigen) ihre Charaktere in jeder Sekunde ab. Eine wirklich beeindruckende Leistung.
Das alles macht „Nobody Knows“ zu dem beindruckenden und nachwirkenden Filmerlebnis das es ist. Es macht aus ihm mehr als einen Film – ein Appell für mehr Nähe zwischen den Menschen und mehr Verantwortungsgefühl für andere. Nicht nur Unterhaltung, sondern soziale Botschaft.
Die volle Punktzahl dafür von mir.

Details
Ähnliche Filme