Gleich zu Beginn, noch bevor der Vorspann erscheint, wird uns durch eine einfache Texttafel mitgeteilt, dass der folgende Film durch Aktuelle Ereignisse inspiriert wurde. Umso erschreckender, wenn man nach dem Abspann noch Minuten vor dem Fernseher sitzt, um das eben Gesehene zu verdauen. Dabei sollte man doch durch die täglichen Nachrichten halbwegs abgehärtet sein, wenn mal wieder ein Bericht über verwahrloste Kinder über den Bildschirm flimmert, die von ihren Eltern verlassen wurden.
Wie schafft es Hirokazu Koreeda also, dass der Zuschauer nach Betrachten von „Nobody Knows“ so ein ungutes Gefühl in der Magengegend hat und einem das Thema auf einmal noch mehr zu Herzen geht, als es so schon sollte? Hauptsächlich liegt das an der großartigen Regiearbeit von Koreeda, der das Geschehen aus einer sehr passiven, ja fast schon voyeuristischen Perspektive filmt und den Kindern den nötigen Spielraum lässt, die sie für dieses bewegende Drama brauchen. Gleichzeitig ist der Zuschauer durch diese Inszenierung in das Geschehen involviert und leidet mit den Kindern mit, wenn sie versuchen, ihr Leben in der großen, unbekannten Stadt zu meistern.
Zur Eröffnung wird uns zunächst ein kurzer Teil aus dem Ende des Films gezeigt. Akira sitzt zusammen mit Saki in einem Zugabteil, in seinen Händen hält er einen rosafarbenen Koffer. Von einer Beobachterperspektive sehen wir den beiden zu, wie sie schweigend dasitzen und hören nur das Geräusch von dem Zug, wie er über die Schienen fährt. Danach folgt ein Schnitt und wir sehen den Koffer in Nahaufnahme. Dabei sticht uns Akira’s schmutziges, mit Löchern versehenes T-Shirt in die Augen und wir können schon in etwa erahnen, was passiert ist.
Danach folgt nun der Beginn der Geschichte. Die junge, alleinerziehende Mutter Keiko stellt sich und ihren Sohn Akira bei den neuen Nachbarn vor. Aus Scham verschweigt sie ihre drei unehelichen Kinder und „schmuggelt“ sie in Koffern in die neue Wohnung. Bereits hier merkt man die Kälte, die zwischen Keiko und ihren Kindern liegt, deutlich. Eine richtige Mutter-Kind Beziehung ist nie wirklich zu sehen. Keiko benimmt sich eher wie eine Freundin der vier und hat auch keine Skrupel sie zu verlassen, sobald sich eine bessere Chance ergibt.
Um sich mögliche Probleme vom Hals zu halten, verbietet sie den Kindern die Wohnung zu verlassen. Alle haben keine Schulbildung und keinen Umgang mit Kindern ihren alters. Nur Akira erhält die Erlaubnis, für Einkäufe, die Wohnung zu verlassen. Währenddessen geht Keiko nach eigenen Angaben arbeiten und lässt die Kinder für die meiste Zeit des Tages alleine zu Hause. Im Laufe der Zeit kommt sie immer später zurück, freudig erzählt sie darüber, dass sie einen Mann kennen gelernt hat und ihre Kinder bleiben immer weiter auf der Strecke. Es kommt sogar soweit, dass Keiko für einige Wochen verschwindet und nicht mehr als einen kurzen Brief und etwas Geld hinterlässt. Bis sie eines Tages verschwindet und nie mehr wieder kommt.
Von da an müssen die Kinder ihr Leben alleine meistern, was zu Beginn noch recht gut klappt, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Überlebenskampf, ausgelöst durch die fehlende Selbstständigkeit der Kinder und der entstehenden Geldnot. Zuvor versucht Akira durch kleine Jobs an Geld zu kommen und gerät dabei an einige falsche Freunde, die ihn sehr schnell fallen lassen und somit auch keine Hilfe bieten können. Stattdessen machen sie sich über die mit Müll vollstehende und stinkende Wohnung lustig. Die einzige Freundin, die, die vier haben ist die Schülerin Saki, selbst Opfer einiger Hänseleien ihrer Mitschülerinnen. Doch Erlösung, für die Kinder und auch für den Zuschauer, der betet, dass alles zu einem Guten Ende kommt, kann sie auch nicht bieten. Aus Angst davor, getrennt und in ein Heim gesteckt zu werden, nehmen sie ihre Situation hin.
Irgendwann bleibt ihnen nichts weiter übrig, als sich an einer Wasserfontäne im Park zu waschen und dort trinken zu holen. In der Wohnung gibt es keinen Strom und kein Wasser mehr. Sie ernähren sich von Resten, die sie von Restaurants und anderen Läden bekommen. Doch der Körperliche verfall scheint unaufhaltsam. Gegen Ende sind die Kinder kaum noch wiederzuerkennen. Sie sind dreckig, stinken, sind blas und sehen unterernährt aus.
Ich möchte jetzt nicht zuviel von der Geschichte wiedergeben, dass würde auch den Rahmen sprengen. Denn das schlimmste steht dem Zuschauer, in Form des tragischen Unfalls der jüngsten (Yuki), noch bevor.
Auf jeden Fall kann man Hirokazu Koreeda nur zugute halten, dass er dieses brisante Thema mit dem richtigen Fingerspitzengefühl aufgegriffen hat und eine brillante Arbeit abgeliefert hat. Er hätte bei der Inszenierung sicher viel falsch machen können. Zu überhastet geschnittene Szenen, eine flotte Erzählweise, die eine Menge von der Dramatik geraubt hätte, wäre sicher fehl am Platz gewesen. Stattdessen bleibt sein Stil die 140 Minuten über gleichbleibend zurückhaltend. Mit langen Kameraeinstellungen, die, die Kinder auf ihrem Weg durch den unbekannten Alltag dieser mächtigen Metropole begleiten, bleibt er immer in einer Beobachter Position und lässt den Zuschauer dadurch viel intensiver am Geschehen teilnehmen.
Ein wichtiger Aspekt ist auch die Handlung. Er versucht keine fantastische Geschichte zu erzählen, sondern schildert durch seine Bildsprache den Weg, den die Kinder alleine gehen müssen. Am dramatischen Höhepunkt macht der Film dann halt und blendet wenige Minuten später aus. Ein Happy End gibt es nicht. Man weiß nicht, was mit den Kindern passieren wird und ob ihnen doch jemand zu Hilfe eilt. Dies wäre natürlich ein beruhigendes Ende und würde dem Zuschauer nach betrachten von „Nobody Knows“ gerade recht kommen, doch leider ist dem nicht so. Was bleibt ist die Hoffnung.
Hervorzuheben ist natürlich noch die fantastischen schauspielerische Leistung der jungen Akteure, angeführt von dem rührenden Spiel von Yuya Yagira, der als Akira die Verantwortung für seine Geschwister hat und versucht, sie zu versorgen.
„Nobody Knows“ ist ein aufrüttelnder Film, der schwer zu verdauen ist. Das Thema ist brisant und nicht nur in Tokio schrecklicher Alltag. Nach diesem Film, beginnt man verstärkt darüber nachzudenken und ist noch frustrierter, wenn man merkt, dass es für die wenigsten einen Ausweg gibt. Die Inszenierung von Koreeda ist zurückhalten, aber brillant. Vielleicht kommen an ein paar wenigen Stellen längen auf, aber das ist zu verschmerzen. „Nobody Knows“ ist eine filmische Erfahrung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
9/10