2004 war ein gutes Jahr in Cannes, nicht nur kam Oldboy groß heraus, es kam auch dieser kleine Film mit seinem grandiosen Hauptdarsteller hervor.
Fast zweieinhalb Stunden lang wird in poetischen Bildern die grausame auf Tatsachen basierende Geschichte von vier auf sich gestellten immer mehr verwahrlosenden Geschwistern erzählt.
Dabei werden immer wieder sich wiederholende Rituale aufgezeigt, die jedoch jedes Mal ein bißchen degenerierter wirken. Ganz langsam zeigt der Regisseur, wie es so weit kommt, und er zeigt auch, wie die Umwelt darauf (nicht) reagiert.
Der Hauptdarsteller -er spielt den zwölfjährigen ältesten Bruder, der alles zusammenhält und für die jüngeren Geschwister die Verantwortung übernimmt - legt hierbei nicht nur für sein junges Alter eine grandiose Performance ab und bekam nicht unverdient in Cannes den Darstellerpreis. Da kann sich in Hollywood so mancher Tote Leute sehende Knirps gleich mal verabschieden.
Trotz seines jungen unbedarften Alters ist seine Anstrengung und Verzweiflung fast greifbar. Seine Versuche, den jüngeren Geschwistern vorzugaukeln, alles wäre nach wie vor in Ordnung, sind rührend und daher umso tragischer.
Eine Schlüsselszene des Films ist, als er eine Bekannte um einen Job anbettelt, aber keinen bekommt, da er zu jung ist. Trotzdem will die Bekannte behilflich sein und fragt ihn, warum sie nicht einfach zur Polizei oder zum Sozialamt gehen. Daraufhin antwortet er recht knapp: "Ist schon mal vorgekommen, die wollten uns trennen. Das will ich nicht nochmal durchmachen."
Was soll man diesem Jungen da noch antworten?
Solche Szenen machen diesen Film mit aus. Mit größten Anstrengungen versucht dieser Junge, seine Familie über die Runden zu bringen, dabei ist herzzerreißend anzuschauen, dass er nicht auf Kleinkriminalität zurückgreifen will. Er will und kann einfach nicht - beispielsweise - klauen, der Zuschauer würde es ihm mehr als nur verzeihen.
Immer wieder geht er zu Bekannten und bettelt um Hilfe, keiner hört zu, jeder hat seine eigenden Probleme, sogar die vermeintlichen Väter wenden sich ab. Und die Mutter? Die haut sowieso einfach ab.
So düster das alles klingen mag, der Film ist in helle Farben gebettet, alles wirkt schön und ruhig, fast wie eine Astrid Lindgren Verfilmung. Die grandiose fröhliche Filmmusik untermalt diese 'positive' Athmosphäre.
Die Kinder sind meistens gut gelaunt oder haben eine positive Ausstrahlung. Und ab und zu gibt es wunderschöne Momente, wenn die Kinder miteinander spielen gehen.
Denn das vergißt der Film auch nie: Obwohl es hier um das nackte Überleben geht, es sind einfach nur Kinder, die auch mal Spaß haben müssen.
Aber: Je näher der Film dem Ende entgegen geht, desto schonungsloser geht er gegen seine Kinder vor. Jede freie Minute, jeder Moment des kurzen Vergnügens wird bitter bestraft. Aber irgendwie ohne aggressiv zu wirken, der Film bleibt immer seltsam schön.
Jedes Mal wenn der Zuschauer denkt: "Nun reicht es aber, nun ist aber gut, es kann ja gar nicht mehr schlimmer kommen.", zeigt uns der Regisseur: "Oh doch!"
Und zwar volle 140 Minuten !
Und man weiß, dass es kein Happy End geben kann, man will sogar, dass die Kinder schließlich bei der Fürsorge landen, obwohl sie dann getrennt würden.
Dieser Film kann zwar als Aussage zu einem japanischen sozialen Phänomen angesehen werden: Doch verwahrloste, von den Eltern im Stich gelassene, Kinder sind ein globales Problem.
Man kann vielleicht meinen, hier würde das in dem Ausmaß niemals soweit kommen, weil irgendein Nachbar die Polizei alarmieren würde: Doch jeder hat doch seine eigenen Probleme und kaum jemand kümmert sich um die Kinder anderer. Schlimmer noch: Anstatt helfen zu wollen, wird zumeist sogar nur über die verwahrlosten Kinder abgelästert und man degradiert sie zu einem asozialen Pack.
Von daher spricht dieser Film global das Problem der Teilnahmslosigkeit in jeder Gesellschaft an, vor allem auch gegenüber denen, die am meisten unsere Zuwendung, Aufmerksamkeit brauchen: Die Kinder.
Alles in allem ein sehr schöner Film, ein Sozialdrama von seltener Anmut. Der Verleih wirbt nicht umsonst mit dem Text "Nur japanisches Kino kann so poetisch und gleichzeitig so grausam sein."
10 Punkte