Review

Nobody Knows – Die Kofferkinder basiert auf wahren Begebenheiten und unterstreicht auf diese Weise noch zusätzlich die Dramatik dieses sehr zurückhaltenden wenn auch aufrüttelnden Films.

Als die junge Mutter Keiko (You) ihr neues kleines Apartment in Tokio bezieht, darf nur ihr zwölfjähriger Sohn Akira (Yuya Yagira) offiziell mit einziehen. Ihre drei weiteren Kinder werden titelgebend in Koffern in die Wohnung geschmuggelt. Niemand darf wissen, dass es diese Kinder überhaupt gibt. Keiko, ganz offensichtlich unfähig, ihre Kinder wie Kinder zu behandeln, überlässt diese die meiste Zeit sich selbst, während sie immer mal wieder auf unbestimmte Zeit verschwindet. Nur Sohn Akira darf auf ihre Erlaubnis hin die Wohnung verlassen, und einkaufen. Als die Mutter schließlich für immer mit ihrem Liebhaber durchbrennt und außer einem Brief und ein bisschen Geld zum Überleben nichts weiter hinterlässt, sind die Kinder ganz auf sich selbst gestellt und verwahrlosen zunehmend.

Das unverantwortliche Handeln der Mutter bleibt ziemlich im Dunkeln, passt aber zum Film, da dieser niemals aufklärenden Charakter hat, sondern mit einer beobachtenden Kamera nur erzählt, was der Zuschauer sehen und dank der eingängigen Spielweise der Kinder intensiv fühlen kann. So und nicht anders erleben es die Kinder: Ihre Mutter, die sich nicht um sie kümmert, ist plötzlich nicht mehr da. Selbst wenn der Regisseur versucht hätte, dem Zuschauer umständlich zu erklären, was genau die Mutter für Beweggründe gehabt hat, um ihre Kinder zu verlassen, hätte das bei Nobody Knows – Die Kofferkinder nicht funktioniert. Das Ergebnis wäre das gleiche, und was im Film zählt sind die Kinder und ihr grausames Schicksal.

Kommen die weltfremden Kinder anfangs prima alleine klar und schmeißen gemeinsam den Haushalt—sind sie von ihrer Mutter ja längst zu kleinen Erwachsenen erzogen worden—langweilen sie sich irgendwann nach stundenlangem Videospiel, Aufräum- und Putzaktionen offensichtlich und lassen die Wohnung mehr und mehr verkommen. Sie sind mit der Situation ganz klar überfordert. Irgendwann geht ihnen das Geld aus. Strom und Wasser werden abgestellt. Fortan gehen Akira und seine Geschwister zu einem Brunnen im nahegelegenen Park, um sich zu waschen und zu trinken. Ihre Situation anderen zu verraten wollen sie nicht, fürchten die Kinder doch, sonst vom Jugendamt getrennt zu werden, so dass ihnen nichts weiter übrig bleibt, als nach außen hin eine intakte Familie darzustellen und sich selbst so immer mehr in eine auswegslose Isolation bugsieren, die unausweichlich in einer Katastrophe gipfeln muss.

Auch Akiras Bemühungen, auf legale Weise (d.h. durch Arbeit) an Geld zu kommen, scheitern, da er für einen Job einfach noch zu jung ist. Auch sonst sind die Erwachsenen im Film desinteressiert und nur oberflächlich gesehen hilfsbereit. Was genauer hinter Akiras flehentlichen Betteleien und Bemühungen steckt, interessiert die nicht die Bohne, sind es doch die Kinder eines anderen. Diese Teilnahmslosigkeit der anderen macht betroffen und stimmt nachdenklich. Die Tatsache, dass Nobody Knows – Die Kofferkinder auch noch auf einer wahren Begebenheit beruht, umso mehr.

Hirokazu Koreeda versteht es vortrefflich, seinen kleinen Film so minimalistisch wie möglich zu gestalten. Hintergrundmusik fehlt fast völlig, so dass die Stimmungen der Kinder gänzlich durch stille Bilder und ihr Schauspiel ausgedrückt werden. So entstand ein ehrlicher, ernst gemeinter Film ohne künstlich die Tränen und das Mitgefühl der Zuschauer erzwingen zu wollen.

So intensiv wie minimalistisch der Film auch ist, bei über zwei Stunden Spielzeit kann Nobody Knows – Die Kofferkinder doch etliche Längen aufweisen, da, so schlimm das Los der vier Kinder auch ist, in so einer kleinen Wohnung doch recht wenig "Erzählenswertes" passiert. Erst zum Ende hin, als die Geschichte schließlich eskaliert, wissen die Kinder auch dann noch in einigermaßen befremdlichen Szenen mit ihrer Situation umzugehen. Da Nobody Knows – Die Kofferkinder mit Ausnahme des Schlusses kaum mit Höhepunkten aufwarten kann, hat der Zuschauer oft das Gefühl, dass der Film im Grunde jederzeit zu Ende sein könnte, was irgendwann seine Aufmerksamkeit und sein Interesse empfindlich stört.

Nobody Knows – Die Kofferkinder ist es auf jeden Fall wert gesehen zu werden. Auch wenn der kleine aber feine (und anspruchsvolle) Film einige Längen aufweist, so geht er einem doch nahe und ist aufgrund seiner Ehrlichkeit und Bescheidenheit eine sehr willkommene Alternative zum kitschtriefenden Hollywood-Melodram, das die Kinder plakativ als kleine Superhelden dargestellt hätte, während sie in diesem japanischen Beitrag stillschweigend die Opfer sind, ohne jemals um Mitleid zu betteln, und ihr grausames Schicksal bis zuletzt aus dem einen Grund durchstehen, weil sie Angst vor einer Trennung haben und außer ihren Geschwistern niemanden haben, der sie liebt—und sie sich doch genau das wünschen: Liebe und Geborgenheit. Wie es jedem Kind zustehen sollte...

Details
Ähnliche Filme