„Auf dem Campus treibt sich ein Mörder rum!“
Das durch Wes Cravens „Scream“ eingeläutete Slasher-Revival der 1990er brachte als einen der ersten auf der Erfolgswelle mitschwimmenden Film „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ hervor, für den das junge australische Talent Jamie Blanks einen Trailer drehte – die Regie übernahm jedoch Jim Gillespie. Produzent Neil H. Moritz war jedoch von Blanks Können überzeugt und betraute ihn mit der Regie von „Düstere Legenden“, einem weiteren Teenage-Slasher, mit dem Blanks schließlich im Jahre 1998, nachdem „Scream II“ erschienen war und die „Halloween“-Reihe mit „H20“ an ihren zweiten Teil angeknüpft hatte, erfolgreich debütierte.
In einer kalten Nacht bei Schneefall stirbt eine Studentin eines grausamen Todes, als ihr ein wahnsinniger Mörder auf der Rückbank ihres Autos auflauert und sie mit einer Axt erschlägt. Doch das war nur der Beginn einer bizarren Mordserie an der Pendleton-Universität, die sich offenbar an urbanen Legenden, gruseligen, zigfach weiter getragenen modernen Märchen und Mythen mit hohem Gruselfaktor, orientieren. Zu exakt diesem Thema referiert Professor Wexler (Robert Englund, „A Nightmare on Elm Street“) gerade in seinem Folklorekurs, ohne jedoch die offenbar wahre Legende zu erwähnen, die sich vor 25 Jahren an dieser Uni zugetragen haben soll: Ein Professor soll sich durch das Studentenwohnheim amoklaufend gemordet haben. Natalie (Alicia Witt, „Bongwater“) und der Uni-Zeitungs-Nachwuchsredakteur Paul (Jared Leto, „Durchgeknallt“) kommen dem Geheimnis auf die Spur und geraten selbst in den Fokus des Killers…
„Habt ihr schon den Puls gefühlt? Denn so sieht sie schon seit Jahren aus!“ (tot oder lebendig – bei Grufties manchmal schwer zu sagen)
Während „Scream“ in selbstironischer Weise an das eigene Subgenre referierte, schien er gleichzeitig wieder die Lust des Publikums an unironischen, humorlosen Slashern zu wecken, wie der Erfolg von „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ zeigte. „Düstere Legenden“ orientierte sich irgendwo dazwischen, denn er setzte sich nicht direkt mit Horrorfilmen, sondern mit dem Stoff, aus dem viele sind, auf humorvolle Weise auseinander: den urbanen Legenden. Mit viel schwarzem Humor wird die eine andere Revue passiert und später in Form fast originalgetreuer Morde in die Tat umgesetzt. „Düstere Legenden“ beginnt schwer atmosphärisch; Musik, Schneefall und eine schicksalhafte Autofahrt vermengen sich zu einem neugierig machenden Prolog, der nach einer Begegnung mit einem unheimlichen, doch harmlosen Tankwart im ersten Mord mündet. Dieser fällt wie eigentlich alle in diesem Film wenig explizit aus und so sind Blutfontänen und Splattereien nicht das Thema auch dieses Beitrags zum Slasher-Comeback. Die Teenies dürfen hier wieder schön eindimensional und dämlich bis bizarr agieren, unter ihnen die in den unterbewerteten „Halloween“-Teilen IV und V als kleine Jamie brillierende Danielle Harris als Gruftie-Fetisch-Studentin, die ich unter ihrer Schminke fast nicht erkannt hätte. Ein weiterer Genre-Veteran findet sich in Robert Englund als Professor Wexler, der zwischenzeitlich im Rahmen des spannenden und viele potentielle Mörder bietenden Whodunit? selbst verdächtigt wird.
„‘Journalismus und Moral‘ hab‘ ich gleich wieder abgewählt – damit hätte ich mir den Notendurchschnitt versaut!“ (Paul weiß, worauf es als guter Journalist nicht ankommt)
Genüsslich in Klischees suhlt sich der Film, mit seiner Studentenparty inkl. obligatorischem Getanze, seinem gruseligen Hausmeister und seinem Unwetter mit Blitz und Donner, das rechtzeitig einsetzt. Etwas arg übertrieben hat man es mit der fülligen schwarzen Sheriff-Dame, die sich während der Arbeit „Foxy Brown“ anschaut und die Dialoge mitspricht, selbst gern eine Pam Grier wäre. Andere Charaktere sind die üblichen Scherzbolde (Joshua Jackson, „Dawson’s Creek“) und notgeilen Rüpel, die knapp daran vorbeischrammen, aus dem Film eine Komödie zu machen. Insgesamt wirkt die komödiantische Charakterzeichnung auf mich bisweilen wie eine Entschuldigung dafür, dass man die alten Subgenre-Klischees bedient, wofür man sich aber als Slasher doch nun wirklich nicht zu schämen braucht. Im Gegenteil, „Düstere Legenden“ knüpft eigentlich recht nahtlos an die glorreichen 1980er an. Die Konstellation des ungleichen Duos Natalie und Paul (in dessen Rolle sich ein wenig Kritik an Sensationsjournalismus mischt, ohne jedoch jemandem weh zu tun) ist interessant genug, um den Zuschauer auch durch ruhigere Abschnitte hindurch bei der Stange zu halten und schauspielerisch sind die Jungdarsteller offenbar erfahren und professionell genug, um trotz gelegentlichen Chargierens kein Schmierentheater aus dem Film zu machen – zudem kann man ihnen einen für Slasher ungewöhnlich hohen Wiedererkennungswert nicht absprechen. Auch die False Scares sitzen, fallen teilweise deftig aus und offenbaren einen morbiden Sinn für Humor. Das überraschende Ende bietet dann noch einmal die volle Kelle Überzeichnung und Geistesgestörtheit sowie eine nette Pointe, ist jedoch genauso wenig wirklich ernstzunehmen wie die Handlung zuvor. Wie der Täter, dessen Identität schließlich enttarnt wird, zu all dem fähig gewesen sein soll, kann zudem nur mit der „Kraft eines Wahnsinnigen“ erklärt werden. Unterm Strich bleibt aber in jedem Falle ein unterhaltsamer Slasher, der über weite Strecken ohne über den Unterhaltungsfaktor großartig hinausgehende Ansprüche prima unterhält und insbesondere aufgrund seiner originellen Prämisse in Bezug auf die Verarbeitung urbaner Legenden, die vielen Zuschauern sicherlich erst durch diesen Film bewusst wurden, im Langzeitgedächtnis haften blieb.