Wohl jeder kennt es, oder hat zumindest schon einmal davon gehört, Andrew Lloyd Webber’s Musicalhit “Das Phantom der Oper”.
Nach dem Roman von Gaston Leroux schrieb Webber vor knapp 20 Jahren ein Musical, dass bis heute seinen Siegeszug durch die ganze Welt angetreten hat.
Fast genauso lange haben die Fans auf eine, von Webber autorisierte, Leinwandadaption warten müssen.
Nach etlichem Querelen um Regie, Drehbuch und Besetzung, durfte nun Joel Schumacher das Regiezepter schwingen.
Anders als bei den letzten Filmmusicals wurde keinem großen Star das Singen beigebracht, sondern gleich Bühnen- und Gesangerfahrene Darsteller verpflichtet.
Der Film beginnt im Jahre 1919. Im verfallenen Pariser Opernhaus findet eine Auktion statt, in der auch der berühmte Kronleuchter zum Verkauf kommt.
Hierbei wird geschickt die Vergangenheit zum Leben erweckt.
Der Staub der Jahrzehnte wird weggeweht und die Oper erscheint im alten Glanz.
Man reist in das Jahr 1870, wo die Geschichte um das Phantom, die junge Unschuld und dem verliebten Grafen beginnt.
Diese visuell eindrucksvolle Sequenz erinnert sehr an eine Einstellung aus J. Camerons “Titanic”.
Bis auf einen interessanten Rückblick, der das Phantom als Jahrmarktattraktion zeigt (Erinnerungen an “Der Elefantenmensch” werden wach), hält sich Schumacher brav an Webber’s Vorlage.
Das ist ein Problem des Films, die Inszenierung bleibt fast ohne jegliche Überraschung.
Trotz opulenter, zum Kitsch neigender Ausstattung, wunderschöner Kostüme und intensiver Kameraführung, macht all das einen etwas bleiernen und angestaubten Eindruck.
Was Virtuosität, Humor und Choreographie angeht, kann dieses Musical in keinster Weise mit dem verspielten “Moulin Rouge” oder dem perfekt inszeniertem “Chicago” mithalten.
Es fehlt hier einfach der Pfiff und das Mitreißenden .
Das zweite Problem sind die beiden männlichen Hauptdarsteller.
Gerard Butler als Opern-Geist wirkt seltsam hölzern und blass.
Er hat nichts von der magisch- dämonischen Ausstrahlung eines Phantoms.
Mann fragt sich, was die Macher bewogen hat, diesen ausdruckslosen Darsteller ausgerechnet mit der Hauptrolle zu adeln. Zumal er schon in “Dracula” und
“Tomb Raider 2” talentfrei agierte.
Patrick Wilson verkörpert den Grafen Raoul de Chagny.
Seine Rolle bietet wenig Spielraum, er liebt die schöne Christine, irrt in den Katakomben umher und duelliert sich bei Zeiten mit dem Unhold.
(Da mich seine Haarpracht stark an “Bully Herbig” in alten Zeiten erinnerte, musste ich ständig schmunzeln).
Es werden wohl die gesanglichen Stärken gewesen sein, die diese Besetzung ermöglichte.
Doch es gibt auch Lichtblicke:
Emmy Rossum (Mystik River) überzeugt als Christine, sie ist zart und verletzlich und bringt ihre Hin- und Hergerissenheit zwischen dem schönen Grafen und dem leidvollem Phantom überzeugend zum Ausdruck.
Doch die Performance von Minnie Driver als zickige Diva La Carlotta stiehlt allen anderen die Show. Sie wirkt fast schon wie ein vor Energie strotzender Fremdkörper, in der sonst so lahmen Riege der Akteure.
Neben den ständig trinkenden Bühnenarbeiter hat sie die einzig (gewollten) Lacher auf ihrer Seite.
Miranda Richardson spielt die Madame Giry gewohnt erhaben und adelt den Film alleine mit ihrer Anwesenheit.
Doch da dies ein Musical ist (immerhin werden mehr als ¾ des Films gesungen) steht natürlich die Musik im Vordergrund.
Andrew Lloyd Webber’s Musik überzeugt nicht nur auf der Bühne.
Die Stücke wurden zum Teil neu arrangiert und zum Bersten pompös vorgetragen.
Wenn “Music of the Night” oder “Point of no return” erschallt, schlägt das Herz des Musicalfreundes höher.
Beim Maskenball läuft sogar Schumacher zu Höchstform auf und seine Inszenierung kann mit der Akustik mithalten.
Doch gerade wenn so etwas wie Spannung und Dramatik aufkommen soll, versinkt das Ganze im Kitsch und wirkt lächerlich.
Die Entführung von Christine in das dunkle Versteck des Phantoms ist da ein gutes Beispiel.
Hier schweben plötzlich brennende Leuchter aus dem Wasser, am Ufer steht eine vom Kerzenschein erhellte Orgel, alles sieht sehr künstlich und nach Pappmasche aus.
Spätestens jetzt sehnt man sich nach Schumachers “Batman”, er soll doch bitte angeflattert kommen und dem ungeliebten Spiel des Opernschrecks ein Ende bereiten.
Doch man wartet vergebens.
Dies alles wird echte Andrew Lloyd Webber Fans natürlich nicht abschrecken.
Sie werden das bekommen was sie sehen wollen.
Eine 1:1 Umsetzung mit hübsch/hässlicher Ausstattung, schönen Kostümen, bombastischer Musik und ihre Lieblingssongs zum Mitswingen.
Mir persönlich ist das allerdings zu wenig 4/10
PS: Wer meint diesen Film sehen zu müssen, der sollte ihn unbedingt im englischen Original ansehen! In der deutschen Fassung wurden der gesamte Gesang synchronisiert. Trotz der musicalerfahrenen Stimmen (u.a. von Jana Werner und Uwe Kröger) wirkt das Ganze wie eine Zweitbesetzung, ist selten Lippensynchron und verstärkt nur die unfreiwillig komischen Momente.