Review

Seit den 90er Jahren ist die Aufklärung über den 2. Weltkrieg häufig ein Anliegen verschiedener Regisseure. Dennoch war dieses Thema für deutsche Filmemacher immer noch weitestgehend ein Tabu. Nun wagte sich Oliver Hirschbiegel an ein diffiziles Projekt.
„Der Untergang“ ist ein Versuch die letzten Tage von Adolf Hitler im Reichsführerbunker zu reflektieren. Die Reaktion auf ein derartiges Projekt lässt sich erahnen, nämlich latente Skepsis schon im Vorfeld. Die Frage, ob es eine humane Seite überhaupt gibt, oder warum man diese überhaupt beleuchten muss, löste eine Diskussion im Vorfeld aus. Oliver Hirschbiegel bewegt sich schon alleine aufgrund dessen auf einem schmalen Grat.
„Der Untergang“ gibt letztendlich selbst die Antwort, denn die imposante Wirkung des Films sitzt tief in den Knochen.

Dabei reduziert sich die Ursache für diese Wirkung eigentlich auf zwei wesentliche Aspekte, gleichwohl die vielen vermeintlichen Nebenaspekte auch akribisch verarbeitet wurden.
Der Plot an sich sollte eigentlich bekannt sein, da die letzten Stunden Adolf Hitlers und seiner Vertrauten in unzähligen Dokumentationen, Berichten und Büchern beleuchtet wurden.
Dass zusätzlich noch die Geschehnisse aus der Sicht von Hitlers Sekretärin Traudl Junge (Alexandra Maria Lara) beschrieben werden, ist sicherlich innovativ, sogar genial, vor allem weil die mittlerweile verstorbene Traudl Junge selbst, zu Beginn und am Ende, in Form eines Interviews zu Wort kommt.
Allgemein wurde der Aufbau sehr gut gestaltet, weil der Focus nicht nur auf die Geschehnisse im Reichführerbunker gerichtet wurde, sondern ein gelungener Wechsel von Haupt- und Nebenplot ist. Als Nebenplot werden vereinzelt Tragödien innerhalb der Zivilbevölkerung gezeigt, wobei auf Gefechtszenen nahezu gänzlich verzichtet wird, was sich als opportun entpuppt. Die Dramaturgie ist ohnehin sehr hoch, allein das Leiden innerhalb der Bevölkerung wird durch den Einblick in Lazarette schwermütig geschildert.

Doch die signifikante Stärke des Films ist ohne Zweifel der vermeintliche Kritikpunkt, die Darstellung von Adolf Hitler und seinem Gefolge.
Hirschbiegel versucht alle Geschehnisse, egal wie unwichtig sie auf den ersten Blick sein mögen, möglichst nah an der Realität darzustellen. Gerade diese Akribie und Detailversessenheit ist der Grund, weshalb „Der Untergang“ eine größere Wirkung entfaltet und mehr aufklärt, als alle Dokumentationen und Bücher diesbezüglich.
Hitler erschien durch diverse Darstellungen vielmehr als eine abstrakte Bestie, etwas Menschliches offenbarte sich nie. Doch „Der Untergang“ zeigt Hitler sowohl als sorgenden Hundeliebhaber oder einen Mensch der lieben kann, aber auch als das, was er faktisch war, eine besessene Bestie, der sein Volk als unwürdig ansieht, weil sie seinen ideologischen Wahnsinn nicht vollenden konnten. Dieser Kontrast nimmt das Abstrakte an der Person Adolf Hitler und deshalb ist die Wirkung umso tief greifender und erschreckender. Der Zerfall, sowohl geistig als auch physisch, manifestiert sich nach und nach. Anfangs noch voller (Zweck-)Optimismus, schwindet Hitlers Kraft sukzessiv, weil sein Traum immer mehr zu platzen droht. Er klammert sich an Illusionen; ordnet Befehle für nicht mehr existente Divisionen im Kampf gegen die bolschewistische Bedrohung an oder ernennt einen Vertreter des Militärs zu seinen neuen Führer der mittlerweile imaginären, nicht mehr vorhandenen Luftwaffe, da der Verräter Göring geflohen ist. Überhaupt sind die Dialoge bzw. Äußerungen mit bzw. über führenden Mitgliedern der NS-Regierung sehr interessant, weil der Wahnsinn der Ideologie dadurch veranschaulicht wird.

Ferner ist der Wahnsinn im Reichsführerbunker allgegenwärtig und nicht nur auf Hitler beschränkt. Die Geschichte von Magda Goebbels(Corinna Harfouch) und ihrem berühmten Mann Joseph sowie den gemeinsamen Kindern, wäre alleine für eine Verfilmung geeignet. Die Besessenheit, die Treue zu Hitler, die Verlustängste gipfeln in einer der denkwürdigsten, traurigsten Momente des ganzen Films, der Vergiftung der eigenen Kinder, weil eine Zukunft für die Menschheit ohne Adolf Hitler für das Ehepaar Goebbels unvorstellbar ist. Die Perversion wird vor allem durch die brillante Leistung von Corinna Harfouch als Magda Goebbels deutlich.

Daraus ergibt sich auch der zweite wesentlichen Aspekt, die schauspielerischen Leistungen, denn ohne diese kollektive Meisterleistung wäre das Ganze nicht so wirksam.
Was hier alle Beteiligten leisten, ist eigentlich nicht vorstellbar. Alleine der Schweizer Bruno Ganz als Adolf Hitler dürfte entsetzt sein, wenn er sich in dieser Rolle sieht, weil die Authentizität schockierend ist. Einer näheren Erläuterung bedarf es an dieser Stelle gar nicht.
Allerdings wäre es aber unfair die außerordentlichen Leistungen der anderen Schauspieler nicht zu würdigen, allen voran Alexandra Maria Lara, deren Relation zu Hitler als Sekretärin Traudl Junge ein imposantes Fundament hinsichtlich der Erzählperspektive bietet. Bei „Der Untergang“ ist es deutlich einfacher die schwächeren Leistungen, wobei der Begriff schwach eigentlich neu definiert werden muss, zu erwähnen, wobei auch das auf eine Person reduziert ist, nämlich Ulrich Matthes als Joseph Goebbels, da er den charismatischen Propagandaminister nicht immer glaubwürdig inszenieren kann und oftmals blass wirkt.

Geradezu grotesk uninteressant, weil selbstverständlich, ist der Hinweis, dass die Atmosphäre des Films aus Melancholie, Leere, Verzweifelung, Dramatik durchweg in ihrer Machart überzeugt. Ob die donnernden Einschläge der Sowjet- Artillerie oder die in Trümmern liegende Stadt Berlin sowie der triste, kühle Reichsführerbunker; alles lastet wie Blei auf dem Betrachter.
Die letzten Zweifel hinsichtlich der Wirkung sollten durch eine repräsentative „Reaktion“ aller Betrachter im Kino nach dem Film ausgeräumt sein. Ob alt oder jung, Mann oder Frau, die Reaktion war die gleiche; es gab keine! Nichts, kein Gemurmel, niemand konnte bzw. wagte es unmittelbar nach dem Film, geprägt von der Wirkung, zu Reden.

So ist „Der Untergang“ nicht nur ein Film, der die letzen Tage des Adolf Hitler thematisiert, sondern großartige Aufklärung, eine tief greifende Charakterstudie, deren Wirkung größer ist als die von allen Büchern und Dokumentationen dieser Welt. Gibt es ein größeres Kompliment für einen Film mit dieser Thematik?? (9,5/10)

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