Review

Wer dieses Review in der Übersicht gesehen hat, dem wird auffallen, dass ich bisher der einzige bin, der diesem Film eine so schlechte Wertung gegeben hat. Ich nehme es gleich vorweg: Ja, dieser Film ist gut gemacht. Gute Kameraarbeit, gute Schauspieler und die Handlung wurde so spannend erzählt, wie dies bei einer wirklichen Geschichte, die sich fast ausschließlich auf wenigen hundert Quadratmetern abspielt, möglich ist. Ich werfe diesem Film aber das vor, was viele vielleicht positiv empfinden möchten. Er schildert die Ereignisse wertfrei. Hätte man jetzt den Holocaust wertfrei geschildert, würde er natürlich nicht an seiner Grausamkeit einbüßen, aber wenn man nur ein paar Nazis in nem Bunker beobachtet, ist dies eben nicht der Fall. (Davon abgesehen: So wertfrei ist er im Detail doch nicht, aber dazu später mehr). Im Folgenden werde ich versuchen darzustellen, was mich konkret an diesem Film so sehr stört:

Wir erleben die ganze Story aus Sicht der Traudel Junge. Wir finden sie sympathisch und sie tut uns in einigen Szenen leid. Wir würden gar nicht auf die Idee kommen, irgendwie negativ über sie zu denken. Aber das wird dieser historischen Gestalt nicht ganz Gerecht. Sie hat, wie die große Mehrheit der Deutschen, den Nationalsozialismus unterstützt. Sie hat für Hitler gearbeitet und sie hat die Diktatur und den Krieg nie hinterfragt. Dieser Fehler, den Junge macht, wird im Film ausschließlich durch das Schlusswort der echten Traudel Junge angesprochen. Wenn man aus ihrer Sicht erzählt, hätte man (z.B. im Off-Kommentar) darauf Bezug nehmen können ("ich hinterfragte diese Ideologie nie..." etc.) um dem Zuschauer einen Denkanstoß zu geben, warum die Leute es nicht hinterfragten und was er selbst gemacht hätte. Aber dieser Film will eben nichts vermitteln, sondern schön "neutral" die Geschehnisse darstellen und dabei das ganze noch so spannend machen, dass man genug Leute ins Kino lockt.

Das so korrekt darstellen, wie es beworben wurde, tut er aber auch wiederum nur teilweise. Denn was wäre ein Kinofilm ohne einen kleinen Jungen. Also wird in das ganze ach so historisch belegte plötzlich ein kleiner Hitlerjunge hineinerfunden, der bis zum bitteren Ende Berlin verteidigen will. Er kriegt sogar einen Orden. Was soll das? Wollen wir nun historisch korrekt sein oder nicht? Wir sind so historisch korrekt den Selbstmord von Hitler nicht zu zeigen (es war ja keiner dabei, ich komme Später noch dazu) aber wir müssen ein süßes Kind hineinerfinden...

Aber zurück in den Bunker. Dort lernen wir nach und nach den ganzen Führungsstab des Naziregimes kennen. Die wichtigsten Namen kennt man natürlich aus dem Geschichtsunterricht, aber von vielen hört man auch das erste mal, wenn man sich nicht so genau damit auseinandergesetzt har. Nun ist die Darstellung der Charaktere aber einer der problematischsten Aspekte dieses Films. Wenn Hitler seine Wutausbrüche hat und unrealistische Befehle erteilt, wenn Goebbels ihn bis zuletzt unterstützt, wenn Hitlers Frau bis zuletzt daran glaubt das alles gut wird und Frau Goebbels ihre Kinder vergiftet, dann bekommt man eine Idee wie wahnsinnig diese Leute in ihre Ideologie vernarrt waren. Aber sie bleiben die einzigen über die man ein negatives Gesamtbild geliefert bekommt. Alle anderen widersprechen Hitler und zweifeln an seinem Verstand. Sie erscheinen ja doch ganz vernünftig. Der SS-Arzt versorgt bis zuletzt Verwundete. Was er in den Jahren vor dem "Untergang" (klingt ganz schön übel für etwas das eigentlich eine Befreiung war) gemacht hat, werden nur die Wenigsten wissen. Neutral neutral, der Film will neutral sein aber bei diesem Thema darf ein Film einfach nicht neutral sein. Dieser Film muss klar gegen den Nationalsozialismus Stellung beziehen, wenn aus der Handlung der Figuren nicht ersichtlich ist, was für Verbrecher sie sind. Er ist schließlich ab 12 freigegeben, viele Jugendliche und anderweitig ungebildete Menschen wissen eben nicht Bescheid, was Albert Speer eigentlich alles gemacht hat. Und wenn sich ein Rechter diesen Film anguckt wird er sich denken "Gegen Ende wurde der Hitler ja ziemlich senil, aber die ganzen andern sind doch vernünftige Leute gewesen".

Gegen Ende fangen nun die ganzen "weniger wichtigen" Nazis an sich zu erschießen, um nicht den Russen in die Hände zu fallen und auch Hitler macht keine Ausnahme und bringt sich zusammen mit seiner Frau um. Wir bekommen es nicht zu sehen. Er bekommt als einziger diese Ehre, die anderen Selbstmorde werden gezeigt. Einige werden jetzt sagen "da war ja auch keiner bei". Mal davon abgesehen dass auch keiner bei war, als der fiktive Junge an der Flak stand, werden auch die Leichen der beiden nicht gezeigt und die haben sehr wohl einige Leute gesehen. Warum das Publikum nicht? Wollte der Regisseur dem Diktator eine Ehre erweisen die er anderen nicht erweist oder was soll das? Das gleiche bei Goebbels, er steht mit seiner Frau vor dem Bunker, die Kamera dreht weg und man hört die Schüsse. Warum zeigen sie es nicht? Hat sich das Publikum etwa mit ihnen identifiziert und würde viel zu sehr geschockt werden oder was?

Traudl flieht und wird mit dem Hitlerjungen gefangen genommen von den Russen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Russen nur als Bedrohung dargestellt, die immer näher kommt und Berlin beschießt und das wird hier fortgesetzt. Traudl hat Blickkontakt mit einem Russen und dieser sieht natürlich klischeehaft grob und böse aus. Sie kommt raus und radelt zusammen mit dem Jungen praktisch den Sonnenaufgang entgegen. Es kommt einem so vor, als sei dieses Ende ein Happy End, weil die beiden den Russen entkommen und nicht weil das Terrorregime gestürzt wurde. Die Russen sind überhaupt in diesem ganzen Film irgendwie schlechter dargestellt worden als die Nazis. Das muss man sich mal reinziehen. Und die historisch belegte Geschichte wurde mit der fiktiven Geschichte entgültig vermischt. "Neutral"? "100% historisch korrekt"? Wohl kaum.

Der Abspann kommt und hätte jetzt die Möglichkeit das etwas zu positiv geratene Nazibild gerade zu rücken. Es wird kurz die Ermordung der Millionen von Juden erwähnt. Das wars. Nichts über Diktatur, Mediengleichschaltung, Angriffskrieg, Massenerschießungen etc. Und es geht noch weiter. Es folgen die Texttafeln über die Charakter die im Film vorkamen. "Jetzt kommen endlich die Verbrechen" denk ich mir. Fehlanzeige. In der gleichen traurigen Musik wie bei der Einblendung über den Holocaust wird aufgelistet (vorsicht, überspitzt:) wie die armen Nazis nach dem Krieg in Kriegsgefangenenlager kamen, von den Alliierten verurteilt worden und letztendlich dann auch mal gestorben sind. Ich will dem Regisseur nicht vorwerfen, hier vorsätzlich Mitleid erregen zu wollen, aber hey, so kommt es einen doch irgendwie vor.

Fazit:
Und so sehe ich diesen Film nicht als das großartige Meisterwerk wie all die anderen. Ich sehe einen Film, der die Personen hinter den immer sehr stereotyp dargestellten Nazis zeigen wollte. Aber das werfe ich ihm nicht vor. Ich werfe ihm vor, dass er keine Stellung bezieht. Dass er die Naziverbechen nicht erwähnt, Hitler und Goebbels Ehre erweist die sie nicht verdienen, dass die Russen am Ende irgendwie als der böse Eroberer dastehen, dass er Realität und Fiktion vermischt, und dass einem 80% der Nazis am Ende vorkommen, als wären sie "gar nicht so schlimm gewesen"

Filmisch gut gemacht aber darum geht es eben nicht immer. 4/10

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