Lange Zeit habe ich mich nicht dazu durchringen können, mir den UNTERGANG anzusehen. Der Stoff ist mir einfach zu krass - ich habe mich wirklich lange Zeit sehr ausführlich mit dem Dritten Reich beschäftigt, so dass ich mir die Rezeption dieses Films in etwa so lohnend vorgestellt habe, wie Gibsons unsägliches Schundwerk PASSION OF CHRIST. Was ich sagen will: Muß man sich das antun - über zwei Stunden die letzten Atemzüge des perversesten, menschenverachtendsten Systems zu verfolgen, das jemals auf diesem kranken Planeten existierte ? Kann ein Film so ein Thema überhaupt angemessen darstellen? Nachdem ich ihn jetzt gesehen habe muß ich sagen: Der Film ist weit besser als ich gedacht und befürchtet habe - ich halte ihn sogar (bis auf wenige kleine Ausnahmen, für sehr gelungen.
Mein Gott was haben sich die Intellektuellen und solche, die sich dafür halten, damals das Maul zerissen. Natürlich habe ich die öffentlichen Diskussionen zum Filmstart verfolgt - man kam ja auch gar nicht drumherum. Wenn man den Film gesehen hat, kann man vieles von dem, was gesagt wurde natürlich besser einordnen und als -Entschuldigung- Blödsinn entlarven. Die Krone waren ja noch Wim Wenders geistigen Ergüsse in der "Bravo für Abiturienten" (Zitat Volker Pispers - für alle die es nicht wissen, er meinte die ZEIT). Er lastete dem Film unter anderem an, er würde uns bei Hitlers Selbstmord (ebenso wie bei dem von Joseph und Magda Goebbels) im Gegensatz zum allgemeinen Krepieren in den Trümmern von Berlin vorenthalten, daß das "Schwein" endlich tot sei. Die Kamera würde wegschwenken, was sie sonst weiß Gott nicht tut. Mein Gott was für ein Schwachsinn - bedarf es dieser Einstellung, um mir blödem Zuschauer die Lehre noch mit dem Holzhammer einzutrichtern - hat der Film (und das Vorwissen um die realen historischen Ereignisse) mir nicht schon mehr als genug bewiesen, was für ein abartiger, in seiner so perversen wie dummen Ideologie gefangener Misantroph Hitler war?
Ein weiterer Kritikpunkt war, die Nazi-Bonzen würden zu positiv dargestellt. Jaaa natürlich - man hätte sie besser als dämonische Irre (am besten mit Vampirzähnen, blutunterlaufenen Augen oder Teufelshörnern) darstellen sollen, und die ganze Zeit nur von "Judenvergasung" sprechen lassen sollen. Das würde dann auch angemessen erklären, warum ein 80-Millionen-Volk dem Führer bis auf wenige Ausnahmen bis in den UNTERGANG (den UNTERGANG ALLER wohlgemerkt) gefolgt ist. Ich glaube es war Leonard Cohen, der mal ein Gedicht über Adolf Eichmann geschrieben hat, in dem es darum geht, daß es sich um einen ganz normalen Durchschnittstypen gehandelt hat und nicht um einen grünhäutigen Marsianer. Und deshalb sind es gerade die ruhigen Szenen, die den UNTERGANG Tiefgang verleihen und ihn stark machen. Hierzu zählen das Sekretärinnen-Casting ebenso wie das Gespräch Traudl Jungs mit Eva Braun über die Unnahbarkeit des Führers. Sie alle erliegen bis zuletzt seinem Charisma, trotz der offensichtlich menschenverachtenden, jeder Realität entrückten, wahnsinnigen Tobsuchtsanfälle, die Hitler immer wieder hat.
So - das mußte ich jetzt mal los werden - sorry an alle - aber ich mußte.
Nun zum Film bzw. zur Umsetzung: Bruno Ganz ist für seine schauspielerische Leistung oft genug zurecht gelobt worden. Corinna Harfouch als Magda Goebbels steht ihm meiner Meinung in nichts nach und verdient ebenfalls höchstes Lob. Auch ansonsten sind die Darstellungen der Schauspieler überdurchschnittlich. Der Film ist wirklich sehr hart anzusehen und äußerst gekonnt und realistisch umgesetzt. Sicherlich eine der herausragenden deutschen Produktionen der letzten Jahre und absolut empfehlenswert. Allein die Sequenz, in der Magda Goebbels zu ihren sechs narkotisierten Kindern kommt und ihren Wahnsinn, daß es nach dem Ende des Nationalsozialismus keine lebenswerte Zukunft mehr gebe in die Tat umsetzt, kann man so schnell nicht abschütteln. Und solche Sequenzen gibt es hier im Minutentakt.
Alle Schafsköpfe dort draußen, die meinen, dem Hitler-Regime immer noch etwas abgewinnen zu können, wird dieser Film auch nicht belehren - allen anderen -wenn dies überhaupt noch nötig ist, wird der letzte Akt der dunkelsten Episode deutscher Geschichte voll in die Fresse gehauen, so daß nichts als Verachtung für das braune Pack bleibt. Und das - ich betone es nochmals - gekonnt.
Kleine Schlußbemerkung: Im Abspann heißt es, Martin Bormann hätte im Mai 1945 Selbstmord begangen. Ist dies richtig ? Meines Wissens nach galt er lange Zeit als "verschollen", seine Spur verlor sich in den letzten Stunden des Regims, bis Anfang der 70er Jahre durch Zufall seine sterblichen Überreste am Lehrter Bahnhof gefunden wurden, die dann Ende der 90er von der Gerichtsmedizin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identifiziert wurden. Ist er also auf der Flucht aus Berlin umgekommen ? Vielleicht täusche ich mich ? Wie dem auch sei - der UNTERGANG erhält von mir 9/10.