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Viel wurde im Vorfeld diskutiert, darf man so einen Film machen, ihn der breiten Masse zeigen? Bernd Eichinger bricht mit seiner Produktion eine Tabu der deutschen Filmgeschichte. Adolf Hitler wird als Mensch dargestellt, dem populären Teufelsgesicht werden menschliche Züge hinzugefügt. Kritiker warnten, Deutschland sei noch nicht reif für so einen Film, zu oberflächlich ist unsere Vergangenheit überwunden. Doch "Der Untergang" geht einen Weg, einen einsamen und mutigen Weg, der aus meiner Sicht als Schüler - und somit völlig verbindungslos gegenüber der Nazivergangenheit - der Richtige ist.

Erzählt werden, das müsste bekannt sein, die letzten Tage Adolf Hitlers, der Untergang einer wahnwitzigen Herrscheridee, das Zusammenbrechen einer Ideologie. Doch wo andere Filme bewerten und erklären, ausblenden oder hinzudichten, möchte "Der Untergang" nur zeigen. Mit einem objektiven Script wird nichts als die Realität, Teil unserer deutschen Geschichte, vermittelt. Der wohl schockierendste Bestandteil ist dabei das "Menschwerden" Hitlers, mit dem man doch am Wenigsten menschliche Züge und Denkweisen verbindet. Etwas so banales wie ein Grinsen, das Streicheln eines Hundes oder eine charmante Begrüssung ist normalerweise nicht ergreifend. Doch genau zu Anfang merkt man sofort, was Geschichte und Bücher uns Deutschen nicht vermitteln konnte. Es klingt absurd, und dennoch konnte man so allzu menschliche Aktionen nie in Einklang bringen mit dem Mann, der 8 Millionen Juden umbringen ließ, ja hat es nicht einmal versucht. Genau damit konfrontiert der Film den Zuschauer, zeigt den Charakter Hitlers auf, der vielseitiger ist als es Geschichtsbücher hergeben können. Eine Erfahrung, die für viele wohl schwierig zu behandeln ist, aber letztlich ein wichtiger Beitrag zur Aufbereitung und zum Verständniss damaliger Ereignisse. So völlig fremd scheint einem vieles vorzukommen, zum Beispiel die absolute und unbestrittene, dennoch wahnsinnige Loyalität gegenüber des Führers.
Antworten darauf, wie diese zustande kommt liefert der Film nicht. Doch das will er gar nicht, denn Lösungen zu finden wäre eine These aufzustellen, und das wäre ein subjektiver Eindruck. "Der Untergang" fordert auf, zu überlegen, für sich selber zu verarbeiten. Dass so ein Film notwendig war, ein großer Schritt in Richtung Begreifen der Vergangenheit ist, wird mir jetzt erst klar. Selbst ich als "Unbeteiligter" empfand starke Emotionen, der Film bewegte mich, und schockierte mich. Denn es ist die Vergangenheit des Landes, dem ich angehöre. Regisseur Oliver Hirschbiegel geht einen längst notwendigen Weg der Konfrontation, über die noch lange gesprochen werden wird.

Abstand von diesen persönlichen Eindrücken zu nehmen fällt schwer, doch nüchtern betrachtet kann man natürlich auch in diesem Film die schauspielerische Leistung analysieren. Wie zu erwarten, beeindruckt Bruno Ganz als Adolf Hitler, es ist die wohl bedeutendste und gleichzeitig furchtbarste Rolle seines Lebens. Das größte Kompliment, das man ihm wohl machen kann, ist die Tatsache, dass er es schafft, unsere Sicht auf Hitler zu erweitern, ihn als Menschen zu begreifen.
Doch die gesamte Schauspielerriege ist erstklassig und erschreckend realistisch, selten habe ich soeine vollkommen perfekte Leistung bis ins kleinste Detail gesehen. Herausstechen, auch aufgrund ihrer zentralen Positionen im Film kann Alexandra Maria Lara als Traudl Junge, Juliane Köhler als Eva Braun und Ullrich Matthes als Goebbels.

Die Bilder, die der Film vorlegt, sind keineswegs schön. Es ist ein grausamer, brutaler, emotional sehr intensiver Film, der keinesfalls unterhält. Ein Film, der nicht gefallen möchte, keiner, den man gerne immer wieder guckt, und dennoch ist er wichtiger Bestandteil der deutschen Filmgeschichte und eine Erfahrung, die jeder machen sollte. Beunruhigend war schon die Stille als der Film anfing, doch als der Film zuende war, blieb der gesamte Saal mit über 660 Menschen ruhig, nur wenige Menschen standen auf. Die meisten verharrten, und beim Blick in ihre Augen, war Nachdenklichkeit und Erschütterung zu spüren. Genau diesen Blick werde ich und meine Freunde auch gehabt haben...

Doch wie bewertet man einen Film, der nicht unterhalten will? Ist das Entertainment nicht genau das, was eigentlich das persönliche Rating zu einem Film ausmacht?
Nein, denn es zählt das Ziel, das sich ein Film setzt. Und wenn dieser Film ein Ziel hat, dann ist es die persönliche moderne Aufbereitung und Gegenüberstellung mit der deutschen Vergangenheit. Und das schafft dieses Stück Filmgeschichte vollkommen. Für mich kommt daher keine andere Bewertung in Frage.

10/10

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