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"Dieser Film wurde nicht für die Generation vor, sondern für die nach uns gedreht."
So beschreibt Bernd Eichinger die Ambitionen des von ihm produzierten und von Oliver Hirschbiegel inszenierten Films über die letzten Tage des Nationalsozialismus aus der Sicht der Insassen des Führerbunkers unter der Berliner Reichskanzlei.
Die bange Frage im Vorfeld: Wie wird die Person Adolf Hitler - der Inbegriff des Bösen und Symbolfigur des Antisemitismus und Rassenhasses - hier dargestellt? Schon im Trailer bekam man einen beinahe beängstigenden Vorgeschmack, der bei vielen die Befürchtung aufkeimen liess, der grosse Tyrann könnte "zu menschlich" oder sogar sympatisch wirken. In der Tat zwingt der Film den Zuschauer dazu, einer selbstverständlichen, aber ungern ausgesprochenen Wahrheit in die Augen zu blicken: Auch Hitler war ein Mensch. Ein verblendeter, grössenwahnsiniger Fanatiker, der die schlimmsten Verbrechen der jüngeren Geschichte zu verantworten hat und letztendlich an seinen eigenen Idealen zugrunde ging,aber doch ein Mensch, der gegenüber seinen engsten Vertrauten durchaus gute Charaktereigenschaften aufweisen konnte. Ein unbequemes und mutiges Bild, innovativ und provokant - die Diskussionen über die Art und Notwendigkeit einer solchen Darstellung sind vorprogrammiert.
Doch nicht allein die gewagte Performance des brillianten Bruno Ganz ist hier von grosser Bedeutung. Es wurde auch viel Wert darauf gelegt, den Niedergang des Dritten Reiches sowohl in Form von schockierenden Kriegssequenzen in den Strassen von Berlin als auch als menschliches Drama zu inszenieren. Ein Drama, dass garantiert niemanden kalt lassen wird, denn noch nie zuvor wurde in einem Kinofilm die krankhafte Besessenheit von einer grausamen Ideologie so intensiv dargestellt. "Die Welt, die nach dem Nationalsozialismus kommt, ist es nicht mehr wert darin zu leben.", schreibt Magda Goebbels. Ein Satz, den sie und ihr Gatte auch für ihre Kinder geltend machen! In einer unvergleichlich brutalen und schonungslosen Szene findet die Bösartigkeit und Perversion dieser Menschen ihren tragischsten Ausdruck.

Es ist schwierig bis unmöglich, ein abschliessendes Statement zur Qualität dieses Streifens abzugeben. Man könnte sich darüber beklagen, dass in den 150 Minuten Laufzeit einige Längen vorhanden sind oder die Optik trotz eines Millionen-Budges wie die eines TV-Films daherkommt. Man könnte andererseits auch die guten bis genialen schauspielerischen Leistungen hervorheben, zu denen sicher nicht nur die von Bruno Ganz, sondern auch die von Alexandra Maria Lara, Ulrich Matthies, Corinna Harfouch und allen anderen Darstellern zählen.
Doch solche Kriterien treten hier an zweite Stelle, denn die Ambitionen der Macher lagen nicht darin, einen Unterhaltungsfilm, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte zu produzieren, die bei den Zuschauern ankommt. Inwieweit dies gelingt, wird sich zeigen. Und die viel zitierte Frage, ob "die Deutschen denn schon reif für einen solchen Film wären", stellt sich eigentlich nicht. Vielmehr sollte man "Der Untergang" als ersten wirklichen medialen Verarbeitungsversuch des deutschen Nachkriegstraumas betrachten. Und zu einer solchen Verarbeitung gehört die direkte Konfrontation nunmal dazu.

10/10

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