Review

Über 20 Jahre nach Wolfgang Petersens "Das Boot" betritt erneut ein wegweisender deutscher Filmbeitrag zum Thema "2. Weltkrieg" die internationale Bühne - und sorgt für bleibende Eindrücke. Regisseur Oliver Hirschbiegel wagte sich an ein Thema, das bisher filmisch noch kaum aufgearbeitet wurde: Er schildert minutiös und ungeschönt die letzten Tage und Stunden im Führerbunker des brennenden Berlins, und präsentiert uns die dunkelsten Gestalten der deutschen Geschichte in teilweise beängstigendem Realismus und nicht für möglich gehaltener Lebensnähe. Er zeigt die teils labilen Menschen, die hinter den starren Masken leben, leiden und auch hoffen - ganz anders, als wir es aus Lehrbüchern und Dokumentationen gebetsmühlenartig gewohnt sind. Freilich ein durchaus heikles Konzept, welches jedoch voll und ganz aufgeht, nicht zuletzt weil die Zeit wohl reif genug ist, auch diesen letzten infernalischen Akt des dritten Reiches einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Oliver Hirschbiegels Film gelingt die Gratwanderung zwischen potentieller Verherrlichung und realistischer Abbildung der Ereignisse perfekt. Beklemmend und schockierend zugleich erlebt der Zuschauer 150 Minuten sachlich und historisch korrekt präsentierter Geschichte, mit all ihren zwischenmenschlichen Dramen, dem sinnlosen Sterben der letzten Kriegstage und den dramatischen Freitoden in völliger Hoffnungslosigkeit und Selbstaufgabe. Mit Szenen, die im Gedächtnis bleiben, wie zB dem unter die Haut gehenden, völlig emotionslosen Freitod der Familie Goebbels oder den ausufernden Wutanfällen des körplichen, sich an nicht mehr existierende Divisionen klammernden Wracks Hitlers in seinen letzten Stunden.
Nie zuvor war der Zuschauer so nah dabei und in der Lage, den Menschen Hitler und die ihn umgebenden Personen auf derart persönliche Weise kennenzulernen (Herausragend u.a. die Dialoge mit Albert Speer). Um so drastischer und erschreckender gestaltet sich das Gesamtbild, welches vormals lediglich aus größter Distanz und mit stets wachsam erhobenem Zeigefinger zu studieren und dokumentarisch zu sehen war.
Zentrale Figur des "Untergangs" ist neben dem grandios aufspielenden Bruno Ganz in der Rolle Hitlers dessen blutjunge Sekretärin Traudl Junge, gespielt von der rumänisch-stämmigen Alexandra Maria Lara in der Rolle ihres Lebens. Eine perfekte Besetzung, die eine ungeheure Ausdruckskraft besitzt, ebenso wie Corinna Harfouch im Part der fanatischen Magda Goebbels, die regimetreu und dem Führer ergeben bis zum Schluss ausharrt, um im Moment des totalen Zusammenbruchs sich und ihre Kinder in den Freitod zu führen. Der vorrangehende, damals tatsächlich mit diesem Wortlaut von statten gegangene Monolog in Form eines Abschiedsbriefes gehört zweifelsohne zu den Momenten des Filmes, die es dem Zuschauer schlicht kalt den Rücken runterlaufen lässt.
Etwas weniger überzeugend hingegen agiert meiner Meinung nach Ulrich Matthes, der Propagandaminister Joseph Goebbels verkörpert. Verglichen mit Bruno Ganz und Corinna Harfouch bleibt er leider ein wenig blass, kann keine Akzente setzen und wirkt auch optisch nicht überzeugend genug für diese an für sich extrem charismatische, die Massen mitreißende Persönlichkeit. Da er jedoch ohnehin nicht sehr viel Screentime besitzt, lässt sich dieser Umstand recht gut verschmerzen.
Die übrigen, mit mehr oder weniger kleinen aber dennoch historisch fehlerfrei besetzen Nebenrollen bedachten Schauspieler agieren durchweg professionell, so daß es bis auf gelegentliches Overacting in winzigen Szenen außer der bereits angesprochenen Person Goebbels keinerlei Anlass zur Kritik gibt.
Historisch korrekt gibt sich "Der Untergang" auch während der Kriegsszenen in den zestrümmerten Straßenzügen Berlins, die im Wechsel mit den klaustrophobischen, düsteren, teils bizarren Szenen im Führerbunker wechseln. Realistische Uniformen und Waffen, technisch überzeugende Gefechte und unheroisches, elendes Sterben unterstreichen eindrucksvoll die schockierende Wirkung der Ereignisse unter der Reichskanzlei.

In jeder Hinsicht Bestnoten verdienend, gehört "Der Untergang" zu den eindringlichsten und wegweisendsten deutschen Filmen überhaupt. Mutig in seiner Darstellungsweise verschafft Hirschbiegels Meisterwerk einen unvergesslichen, eindringlichen und durchaus kontrovers zu diskutierenden (darf ein Film den Un-Menschen Hitler als sensibles Individuum zeigen, für welches der Zuschauer gar Sympathien entwickeln kann...?) Einblick in ein in seinen Details der breiten Masse weitgehend unbekanntes Teilstück deutscher Geschichte. Ein brillant besetzter und gespielter Film, der auf beängstigend realistische Weise das Böse menschlich macht, auf charikierende Überspitzungen verzichtet und auf eben diese Weise seinen eigentlichen Trumpf auszuspielen vermag: Er zeigt, wie an sich normale Menschen fehlgeleitet und - der eine mehr, der andere weniger - unwissend zu Bestien werden, die in ihrem Fanatismus den Wert des Lebens nicht sehen und bar jeder menschlichen Logik für den "Führer" in den Tod gehen - dabei aber bis zum Schluss Gefühle zeigende "Menschen" bleiben.
Das einleitende wie auch abschliessende Interview mit der echten Traudl Junge (verstorben 2002) unterstreicht dies noch einmal eindrucksvoll...

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