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Der Mensch, diese Krönung der Schöpfung. Große Staatsmänner und Künstler, große Dichter und Denker brachte diese Spezies hervor - ebenso wie Tyrannen und Diktatoren, die Millionen von Menschen in den Tod schickten, ohne Skrupel, ohne Mitleid - wie Adolf Hitler. Geschichtsbücher liefern Fakten, Dokumentationen veranschaulichen die in seinem Krieg begangenen Greuel des Nationalsozialismus, "Der Untergang" schaut hinter die Fassade des Unmenschen.

Und tatsächlich entdecken wir so etwas wie Menschlichkeit - nein, definitiv Menschlichkeit in diesem Mann mit Schnauzer und Seitenscheitel, der einem in den Archivbildern stets einen unbeschreiblichen Schauer über den Rücken jagt, wenn er wild gestikulierend, ohne Luft zu schnappen der riesigen, enthusiastischen Menschenmenge seine sozialdarwinistischen Gedanken zubrüllt. Natürlich sehen wir den Choleriker Hitler, das Scheusal, das ein ganzes Volk für seinen utopischen Fanatismus zu Grunde richtete. "Wenn der Krieg verloren geht, ist es vollkommen wurscht, wenn auch das Volk verloren geht". In Hitlers ideologischer Verblendung hat derjenige, der sich als der Schwächere erweist, keine Existenzberechtigung mehr.

Doch wir sehen auch - und das ist das Erstaunlichste und bescheinigt Drehbuchautor Bernd Eichinger zugleich äußersten Mut - einen fürsorglichen, aufrichtigen Adolf Hitler. Einen Adolf Hitler, der Eva Braun liebevoll küsst, der Kinder auf seinen Schoß Platz nehmen lässt und gar großväterlich ihrem Gesang lauscht, einen gebrechlichen und von Parkinson befallenen Adolf Hitler und schließlich einen gekränkten Mann, der sogar, von dem ihm sehr nahestehenden Albert Speer menschlich enttäuscht, eine Träne vergießt.

Die Führerträne wird symbolisch zur Aussage Eichingers: Adolf Hitler war ein Mensch, ein ideologisch verwirrter Mensch. Kontroversen sind vorprogrammiert und in der Tat steht die Frage im Raum, warum es sich Eichinger geradezu zur Lebensaufgabe machte, den Menschen Hitler zu zeigen? Hintergrundwissen über den Nationalsozialismus und seine Destruktivität, die großorganisierte Vernichtung von Juden, Andersdenkenden und körperlich behinderten Menschen, wird so jedenfalls vorausgesetzt. Die größte Gefahr, nicht nur bei Eichingers Aufdeckung der menschlichen Züge Hitlers, sondern ebenso seines gesamten Vorhabens, lag in einer Verharmlosung der Nationalsozialisten. Die Gefahr wurde letztendlich gebannt - allerdings erfordert es schon mehr als nur Allgemeinwissen, um beispielsweise von den auch tödlich ausgegangenen Ernährungsexperimenten zu wissen, die SS-Arzt Ernst Günther Schenck, hier stets humanitär auftretend, mit KZ-Häftlingen durchführte.

Erfreulich ist es dennoch, dass Eichinger dem Zuschauer den erhobenen Zeigefinger gerade nicht ins Auge bohrt. Vielmehr muss er selbst aus Bildern ableiten. Nur allzu deutlich werden sowohl Vernarrtheit in das Führerprinzip, als auch kompletter Irrsinn im Bunker. Während Berlin dem Untergang entgegenreitet, werden in der labyrinthartigen Betonwelt unterhalb der Erdoberfläche NS-Offiziere zu Trunkenbolden. Der Mut für den finalen Schuss in den eigenen Kopf muss schließlich angetrunken werden. Als Märtyrer will man sterben - nicht als Mann, der sich seiner Verantwortung stellt.

Obwohl Regisseur Oliver Hirschbiegel uns in einem festen Rhythmus ebenso immer wieder den tobenden Krieg in der Reichshauptstadt vor Augen führt, liegt das Interesse vorwiegend in der Bunkeratmosphäre. Und Eichinger setzte hierauf glücklicherweise auch seinen Schwerpunkt, ohne sich dabei jedoch an einen festen Charakter zu klammern. Adolf Hitler, Familie Goebbels, SS-Arzt Schenck oder Hitlers letzte Sekretärin Traudl Junge, eine für den Film bedeutende, inzwischen jedoch verstorbene Zeitzeugin, dienen lediglich der Orientierung. Schauspielerisch findet dennoch eine Herauskristallisierung statt.

Eine Name: Bruno Ganz. Erschreckend großartig mimt er Adolf Hitler. Es ist die beste Hitler-Darstellung aller Zeiten, ein Geniestreich. Mimik und Gestik sind schlicht überwältigend. Nicht zuletzt liegt hierin das wohl entscheidendste Kriterium für den Erfolg des Werkes. Trotz des Hünen Ganz gelingt es den restlichen Akteuren, sich nicht an die Wand spielen zu lassen. Alexandra Maria Lara, Juliane Köhler und Heino Ferch überzeugen ebenso wie Michael Mendl oder Ulrich Matthes. Letzterem bot sich mit Joseph Goebbels allerdings keine leichte Aufgabe. Das kühle Spiel, die rhetorische Gewandtheit und die unerbittliche Führertreue kommen der Person Goebbels jedoch sehr nahe. Und auch Magda Goebbels wird von Corinna Harfouch ausgesprochen angemessen verkörpert - unterkühlt und so stark vom Fanatismus zerfressen, dass jegliche Muttergefühle nicht mehr existent scheinen.

Selbst im Führerbunker spielten sich folglich mitleidserregende Tragödien ab; ebenso, wie es wohl auch kuriose Momente gab. Oliver Hirschbiegel hat die Stimmungen basierend auf dem Drehbuch Eichingers mit sichtlicher Bemühung um historische Authentizität eingefangen. Nach den abschließenden Worten der echten Traudl Junge erkannte das Publikum wohl die Bedeutung des Werkes - nicht nur für den deutschen Film, sondern auch für die Verarbeitung und Auseinandersetzung mit dem schwarzen Kapitel deutscher Geschichte - und klatschte Beifall. Ich applaudierte ebenfalls.

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