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Wenn man in die tiefblauen Kulleraugen von Mimmo Craig blickt, der in „Yeti“ das titelgebende Geschöpf spielt, dann sieht man darin die Spiegelungen von inzwischen mehr als fünfzig Jahren Monsterfilmgeschichte. Vom Schrecklichen und Schönen, vom Anmutigen und Lächerlichen, das sich im Übergrößenformat auf der Leinwand bricht, und das schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, vielleicht seit Paul Wegener und Henrik Galeen 1915 ihren Golem aus Lehm formten. Wird das Spatzenhirn des haarigen Hünen von Zorn durchflutet, legen sich die buschigen Brauen über das Blau und lassen es beinah rot wie glühende Lava leuchten; ist die Flut der Raserei versiegt, entspannen sich die Züge und geben einen Ausdruck untröstlicher Agonie frei. Die Unterlippe nimmt aktiv an diesem Spiel der Gezeiten teil: Erst schiebt sie sich vor wie bei einem trotzigen Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat, dann werden ihre Winkel von der Schwerkraft nach unten gezogen, die Yeti-Spucke dabei im Licht der Sonne funkelnd wie frischer Morgentau.

Ein Jahr nach dem groß angelegten „King Kong“-Remake unter Dino De Laurentiis musste die italienische Schmalspur-Variante „Yeti“ mit ihrem fast identischen Handlungsbogen wie ein billig abgekurbeltes Cash Grab wirken. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sie auch genau das war; Geld verdienen möchte schließlich jeder, und ihre Billigkeit schreit sie als Sonderangebot in Form unsauberer Bildmontagen regelrecht ins Publikum. Nur das Desinteresse am künstlerischen Endresultat, das man einer solchen Ausrichtung vorwerfen würde, das lässt sich nicht ohne Weiteres bestätigen. Dafür ist Regisseur Gianfranco Parolini (aka Frank Kramer) zu versessen auf Details.

Details, natürlich, das ist in Bezug auf diesen Film der Trigger-Begriff schlechthin; schließlich muss man bei da sofort an die spektakuläre Nahaufnahme eines sich versteifenden Yeti-Nippels im Fahrtwind eines Küstenspaziergangs denken. Und derartige Auswüchse hat „Yeti“ noch weit mehr zu bieten; von den blauen Zehen, die mit Flammenwerfern bearbeitet werden, über die klebrigen Haarbüschel, die am gesamten Körper des Hünen wachsen, bis zur Riesenfischgräte, mit der die perfekt sitzende Shampoowerbung-Haarpracht von Antonella Interlenghi gekämmt wird. Wer nur auf das übergeordnete Gerüst blickt, der sieht vielleicht einen dilettantischen Kong-Abklatsch, der durch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung torkelt, aber wer sich nach unten bückt und sein Auge auf die wundersamen Details wirft, wird ihre Besonderheiten erkennen und womöglich zu schätzen wissen.

Unbestritten bleibt: Nichts an diesem Film, von seinen hehren Absichten abgesehen, ist auch nur irgendwie stimmig ausbalanciert. Die Dialoge konterkarieren die Charakterprofile der Sprechenden, die Körpergröße des Yeti variiert je nach Sequenz um mehrere Dutzend Meter und der repetitive Soundtrack ist im Grunde viel zu pompös für das Gebotene. Noch dazu ist seine Notenfolge dreist von Carl Orffs weltberühmter Hymne „O Fortuna“ abgekupfert und wird in der zweiten Hälfte zur endgültigen Verwirrung des Zuschauers von den „Yetians“ (wie herzallerliebst) in eine Funk-Version transformiert. Die Unbeholfenheit, mit der all diese schiefen Bauteile in einen Rahmen gepresst werden, ist kaum in Worte zu fassen, sie lässt sich eigentlich nur mit eigenem Auge – und eigener Gänsehaut – erleben.

Wenn etwas Ambitioniertes auf möglichst spektakuläre Weise misslingt und sich für den Betrachter Vergnügen aus diesem Misslingen ergibt, womöglich auch gegen die Absichten des Filmschaffenden, dann bezeichnet man das gemeinhin als Trash, und wenigstens in dieser Disziplin erweist sich der Yeti als versierter Tänzer. Geschick ist schließlich nicht nur erforderlich, wenn man mit geringen Mitteln glaubwürdiges Storytelling betreiben möchte, auch das effektive Aushebeln von filmischen Regeln will gelernt sein. Immer wieder scheint es so, als habe man klassische Motive (und beileibe nicht nur die aus „King Kong“) aufgegriffen und dann äußerst merkwürdige Schlüsse aus ihnen gezogen.

Alleine die beiden Bezugspersonen des Yeti, ein junges Mädchen und ihr noch jüngerer Bruder, vereinen zwei wesentliche Strömungen des jugendgerechten Monsterkinos: die eine fußend auf dem von „“King Kong“ bekannten Die-Schöne-und-das-Biest-Syndrom, die andere auf der Variante „A Boy and his Monster“, in der der Junge durch die Freundschaft mit einer zumeist von Regierungsvertretern gejagten Kreatur zum Erwachsenen reift. In „Yeti“ wird letztgenannte Ausrichtung von der erstgenannten vollständig aufs Seitengleis verschoben, Jim Sullivans Rolle gerät fast schon taubstumm und in letzter Konsequenz wird ihm die finale Verbindung zum Monster verwehrt. Das hat wohl auch mit der Ausstrahlung Antonella Interlenghis zu tun, die ihrem Filmbruder auf ganzer Linie die Show stiehlt. Trotzdem versucht sich der Film unbeirrt an beiden Ansätzen und nimmt mögliche Fehlkonstruktionen und Sackgassen im Drehbuch dabei in Kauf.

Aus dem Mythos hinter dem Schneemenschen macht sich der Film im Übrigen nur wenig. Vergleichsweise desinteressiert zeigt er sich darin, seine Ursprünge aufzuzeigen. Ein wenig Stock Footage von zerberstenden Eisbergen als Untermalung für die Title Credits muss da ausreichen, bevor auch schon der Transport in die Zivilisation per Spielzeug-Helikopter ansteht. Im Grunde ist „Yeti“ das Finale von „King Kong“ auf Filmlänge gestreckt, gleichwohl die Entfremdung der Menschheit von den Ursprüngen der Natur im Asphaltdschungel nicht weniger offensichtlich dargestellt wird als zwischen Lianen und umgestürzten Baumstämmen. Schon die völlig absurde Einführung des Industriemagnaten Hunnicut treibt die Verbindung von Funktionalität und Komfort der modernen Zivilisation auf die Spitze, wenn Eddie Faye per Hubschrauber in einer mit Lederpolstern ausgestatteten Kabine, die von außen eher dem Arbeitsbereich eines Fensterputzers gleicht, auf dem Balkon eines Wissenschaftlers abgesetzt wird. Nicht minder skurril ist dann die Transportbox des Yeti, deren Konstruktion einer alten englischen Telefonzelle gleicht. Dass die Spezialeffekte nicht dazu geschaffen sind, diese und weitere Obszönitäten glaubwürdig abzubilden, ist dabei gewissermaßen ein Statement für sich, das viel aussagt über einen technischen Fortschritt, der immer noch mit sich selbst hadert.

Mit Schauwerten, seien sie auch noch so fragwürdig, geizt „Yeti“ immerhin nicht. Mussten viele amerikanische Monsterfilme der 50er Jahre und davor aufgrund der aufwändigen Stop-Motion-Animationen noch mit ihren Effektshots haushalten, kann das italienische Plagiat praktisch aus dem Vollen schöpfen, zumal man sich keinen Kopf um ein kohärentes Gesamtbild machen wollte oder konnte. Geboten wird im Wesentlichen eine Mischung aus Bildmontagen, bei denen der in Nahaufnahme gefilmte Schneemensch in das städtische Panorama integriert wurde (nicht ohne dass die Hintergründe in mancher Einstellung durch seinen Körper leuchten wie eine Röntgenaufnahme), kombiniert mit Interaktionen der restlichen Darsteller mit einem beweglichen Körper-Nachbau, der in Form beweglicher Arme und Beine stets aus dem Off ins Bild ragt.

Tricktechnisch bestehen also größere Ähnlichkeiten zum 76er-Remake des Riesenaffenfilms als zum 33er-Original, nur dass eben alles eine Spur günstiger wirkt. Einen besonderen Faible entwickelt der Regisseur dafür, seine Attraktion Fenster einzuschlagen und Mauern durchbrechen zu lassen. Wenn er von außen an der Wand eines Hochhauses hochklettert und dabei mit den Füßen sämtliche Fenster eintritt, dann hat man quasi ein Negativbild der alten Batman-Serie vor dem inneren Auge, in der die Bewohner die Fenster nach außen öffneten, um mit Batman und Robin ein Pläuschschen an frischer Luft zu halten.

Bei der Inszenierung des Yeti selbst könnte man wiederum auf den Gedanken kommen, man habe ihm eine erotische Komponente andichten wollen, so oft wie seine massigen Beine bis zum haarigen Hintern hinauf das Szenenbild bestimmen und die pelzigen Wucherungen immer nur einen Spalt breit davon entfernt sind, gewisse Organe freizugeben. Da braucht es nicht einmal den Nippel, um diese befremdlichen Schwingungen freizusetzen. Wenn man so will, geht die Kopie hier noch einen Schritt weiter als das Original, zumal Mimmo Craigs wunderbare Gesichtsverrenkungen den primitiven emotionalen Ausdruck des (Affen-) Theaters zum Kernmotiv des Films erklären. Parolini ist unzweifelhaft auf der Suche nach dem menschlichen Kern in der archaischen Kreatur, die sonst nur von ihrem Instinkt getrieben wird.

Doch gerade weil wir es letztendlich mit Italo-Trash zu tun haben, der in der Geschichte amerikanischer Tricktechnik wildert, ist „Yeti“ als improvisierte Outsider-Kunst so reizvoll. Gianfranco Parolini stammt schließlich aus einer Filmnation, die kaum andere Monster kannte als Armeen seelenloser Scheusale, die einem Herkules oder anderen Sandalenträgern aus mythologischen Sagen als Kanonenfutter dienten. Dass so jemand nun in den wässrigen Augen eines plumpen B-Darstellers mit Körpervollbehaarung nach der Seele des Kinos sucht, ist gleichermaßen peinlich-vergnüglich wie herzerwärmend.

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