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Zu schade, dass die Guns’n’Roses-Single „Welcome to the Jungle“ erst im September 1987 erschien. Ein paar Monate früher, und sie wäre der perfekte Kompagnon gewesen für „Asphalt Kid“, eine vogelwilde Tarzan-Spielart mitten aus dem Großstadtdschungel. Breitbeinig, catchy und aufgeplustert mit den bunten Federn der Hardrock-Anarchie. Das hätte gepasst.

Stattdessen sah die Filmgeschichte andere Paarungen vor. „Welcome to the Jungle“ wurde ein Jahr später im fünften „Dirty Harry“ untergebracht. „Asphalt Kid“ probierte es stattdessen mit „Wild Thing“, dem damals bereits mehr als 20 Jahre alten „The Troggs“-Klassiker nach Chip-Taylor-Vorlage, der hier nicht nur als Soundtrack verwendet wird, sondern auch als Namensgeber für den Originaltitel fungiert. Und während der Song in seiner Urform den Sexappeal ungezügelter Weiblichkeit besingt, beschreibt er hier die rohe Männlichkeit, die im Untergrund der dreckigsten Viertel der Stadt zur Reife brütet, ungeformt von der Zivilisation an der Oberfläche.

Dass sich „Asphalt Kid“ nun mit einem Oldie aus der Keimzelle der Rockmusik schmückt, ist womöglich eine glückliche Fügung, denn bei aller Neugierde auf die rohe Natur des Menschseins, die der Film zur Schau trägt, gebärdet er sich doch weniger wie eine realistische Sozialstudie seiner Zeit, sondern eher wie eine Legende aus längst vergangenen Tagen, die man Touristen erzählen würde, wenn sie sich in die Eingeweide der Stadt verirren. Dass der Fundus des amerikanischen Kinos damals bereits auf die Errungenschaft des rauen, authentischen New Hollywood zurückgreifen konnte, sieht man dieser undefinierbaren Mischung aus Außenseiterdrama, Großstadtabenteuer, Actionfabel und Superhelden-Saga nicht an.

Während Schwarzenegger und Stallone bereits als Berserker durch Gebäude und Dschungellandschaften mähten, krabbelt der schlaksige, seinerzeit nicht nur körperlich, sondern auch mimisch noch sanft wirkende Robert Knepper wie Spider-Man an Hausfassaden entlang. Als Haustier hält er sich eine Streunerkatze, die mit ihrem Besitzer stets fotogen vom Gebäudevorsprung aus das Treiben in den Gassen beobachtet. Dadurch verschiebt sich teilweise sogar die Perspektive hinein in die Augen der Katze; womöglich hat man sich dabei auch ein wenig von „Katzenauge“ (1985) inspirieren lassen. Darüber hinaus werden mit dem vierbeinigen Begleiter in gewisser Weise Posen rekonstruiert, die mit dem Aufstieg der Comicfilme im 21. Jahrhundert wieder in Mode gekommen sind. Dabei wirkt er aber nicht modern, sondern wie ein Anachronismus aus Zeiten des guten alten Pre-Code-Hollywood, das sich irgendwie in den überkandidelten Zeitgeist der Gegenwart verirrt hat.

Eigentlich wurde Wild Thing aus dem Hippietum heraus geboren, das sich in den ersten Minuten in einem Nebel aus Drogen und Verletzung der Aufsichtspflicht auf der Leinwand entfaltet, bevor es per Sprung in den reißenden Fluss direkt weiter Richtung Slums geht. Schwarze Gangs, die dank der Graffiti- und Breakdance-Ästhetik der 80er eigentlich eher bunt anmuten, prägen das Landschaftsbild; Michael-Jackson-Lookalikes und Ghettoblaster an der einen Laterne, Punks mit gefärbtem Haar an der anderen. In dieser schrillen Kunstwelt existiert Wild Thing wie ein Geist; man hörte von ihm, doch gesehen haben ihn nur die Penner, die wie Litfaßsäulen mit der Straße verwurzelt sind und alles bezeugen, was dort geschieht. Es braucht schon eine Jane von außerhalb, hier in Form der ganz in Weiß gekleideten und mit Koffern beladenen Kathleen Quinlan, um den Rächer der Enterbten aus seiner Höhle zu locken.

„Asphalt Kid“ zeigt gelegentlich sozialkritische Ambitionen, wenn er das Handeln der Polizisten und die Machtlosigkeit der Kirche implizit in einen Zusammenhang mit einer Politik bringt, die sich einen feuchten Kehricht um die unteren Bevölkerungsschichten kehrt. Wie um den Verstoßenen zur Seite zu springen, wird als Reaktion darauf in die spezielle Gedankenwelt des Protagonisten eingetaucht, der fast unbewusst die Lücke füllt, die das Gesetz hinterlässt. Um seine Andersartigkeit zu betonen, wird ihm beispielsweise eine alternative Sprache in den Mund gelegt, die sich hauptsächlich von kruden Metaphern nährt, oder es wird im Detail aufgezeigt, wie ihn das Leben auf der Straße unter Obhut einer Ziehmutter mit den Jahren geprägt hat.

Das Skript nutzt dazu populärwissenschaftliche Thesen der Verhaltenspsychologie, mit denen eine ernsthafte Studie natürlich zu keiner Zeit zur Debatte steht. Vielmehr geht es darum, aus aufgeschnappten Rollenbildern eine schrille Kunstfigur zu bilden, ein Kultobjekt im Erfolgsfall, das innerhalb seines filmischen Rahmens Akzente setzen kann.

Zu sehen gibt es also einen Exoten, ein wahrhaftiges Produkt des Kinos und der Fantasie, das jenseits der Regeln von Justiz operiert, um mit der Rechtmäßigkeit des Vigilantismus die Herzen der Zuschauer zu gewinnen. Das erklärt dann auch die (gemessen an seinem Spitznamen zumindest) unerwartet domestizierte Zeichnung der Figur. Geradezu sanftmütig wirkt sie, nicht nur, was ihre Taten angeht, sondern auch die Art und Weise, wie sie begangen werden. Drehbuch und Regie hätten sich auch für eine düsterere Version entscheiden können, sowohl den Wildfang selbst betreffend als auch sein Habitat. Stattdessen wird bei allem angedeuteten Gräuel ein nahezu komödiantischer Ton angeschlagen. Also führt ein junges Gangmitglied, in der deutschen Fassung ausgerechnet ausgestattet mit der Theo-Huxtable-Synchronstimme von Oliver Rohrbeck, wie ein Tourguide in einem Themenpark durch die Straßen. Gefahr und Risiko bleiben theoretische Parameter, der Film begnügt sich mit der harmlosen Folklore, die er verströmt.

In Form einer skurrilen Version einer urbanen Legende geht die Rechnung sogar einigermaßen auf. Den namenlosen Wilden fauchen zu sehen, wenn er sich bedroht fühlt, oder etliche Saltos purzelnd von dannen ziehen zu sehen, während auf ihn geschossen wird, bereitet eine überaus seltsame Form von Vergnügen; einzig Rache und Vergeltung hätten mit noch schärferer Schneide geschnitzt werden dürfen, denn Robert Davi wird auf der Gegenseite trotz seiner 1A-Schmiervisage schlichtweg nicht genug Raum geboten, um eine echte Fehde vom Zaun zu brechen.

Regisseur Max Reid, der nur wenig mehr als diesen Film auf dem Kerbholz hat, inszeniert manchmal draufgängerisch wie bei einem Social-Consciousness-Film und manchmal plakativ-seicht wie bei einer RomCom für die Massen; es gelingt ihm kaum, dazwischen einen eigenen Stil zu entwickeln. Aber das Ungreifbare, das als Nebenprodukt entsteht, hat dann doch wieder seine interessanten Seiten.

Während der Rausschmeißer „Wild Thing“ von den Troggs immer noch nachhallt und wohl für immer nachhallen wird, bleibt vom „Asphalt Kid“ nicht mehr zurück als ein Schatten auf der Straße… und natürlich der Startpunkt für die Metamorphose von Robert Kneppers einmaliger Visage, die längst selbst für das Schurkenhaft-Verschlagene steht, das er zu Beginn seiner Schauspielkarriere offensichtlich noch bekämpfte. Als krude Mischung aus klassischem (Anti-)Heldengedicht und gestellter Anarchie, eingebettet in den schroffen Look der Entstehungszeit, taugt die erste Titelrolle Kneppers immerhin noch als Kuriosität.

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